Biblische Poesie: 5,1
Das bleibende Morgen
- Franz Sedlacek: „Abendlied“ (1938).
- Foto: Wikiart. Lizenzfrei.
- hochgeladen von Kirche bunt Redaktion
In vier Teilen nimmt uns der Dichter und Theologe Till Magnus Steiner mit auf einen poetischen Streifzug durch die Heilige Schrift. Im letzten Teil geht es in das Morgen, das bleibt.
Kann Hoffnung rückwärts wachsen? Diese Fragen hätten die Israeliten und Erstleser des Alten Testament aus dem tiefsten Herzen bejaht. So beschreibt zum Beispiel der Prophet Micha den kommenden Messias als einen, dessen Ursprünge „in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“ liegen (Micha 5,1). Ein erstaunliches Bild: Zukunft, die aus der Vergangenheit wächst.
Ein Exeget hat einmal passend den alttestamentlichen Menschen als am „Herkommen“ orientiert bezeichnet. Er oder sie geht nicht wie wir vorwärts in die Zukunft, sondern schreitet rückwärts gewandt und somit in die Vergangenheit blickend in das Unbekannte. So betrachtet, ist Hoffnung auch ein überliefertes oder geteiltes Gut: „Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.“ (Psalm 25,5-6). Die Hoffnung wird menschlicherseits durch ihre Bezeugung am Leben
gehalten.
Seine Ursprünge liegen in
ferner Vorzeit, in längst
vergangenen Tagen. (Mi 5,1c)
Hoffnung ist mehr als ein Blick nach vorne – sie hat Wurzeln, die in der Geschichte verankert sind, getragen von dem Vertrauen derer, die vor uns waren. Für die alttestamentlichen Menschen war die Vergangenheit der Anker ihrer Hoffnung. Sie gingen ‚rückwärts in die Zukunft‘, die Augen auf Gottes bisheriges Handeln gerichtet.
Die Zukunft kommt,
doch ich sehe Gott
auf der anderen Seite der Zeit –
dort, wo das Vergangene sprosst.
Ihm glaube ich:
Die Zukunft liegt in der Hand
von denen, die vor uns vertrauten.
Denn Hoffnung hat Wurzeln;
sie wächst mit müden Händen,
die tragen, nicht loslassen.
So gehe ich mit ihm,
Schritt für Schritt,
rückwärts durch Geschichten,
in das Morgen, das bleibt.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.