Sr. Franziska Bruckner
Wir halten franziskanische Wert lebendig

Generaloberin Sr. Franziska Bruckner | Foto: Wolfgang Zarl

Die Amstettner Generaloberin Sr. Franziska Bruckner kann heuer neben dem 800-Jahr-Jubiläum auf ein zweites Jubiläum verweisen: Die Bildungseinrichtungen der Schulschwestern wurden vor 150 Jahren gegründet.

Der heilige Franziskus verstarb vor genau 800 Jahren. Welche Aspekte seiner Spiritualität sind Ihrer Meinung nach in unserer heutigen, oft krisengeschüttelten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts am dringlichsten gefragt?

Generaloberin Sr. Franziska Bruckner: Wenn ich auf unsere Zeit und ihre Nöte schaue, dann kommen mir einige drängende Themen in den Sinn. Das beginnt bei der Sehnsucht der Menschen nach Frieden in den vielen Kriegsschauplätzen unserer Erde, es geht weiter mit der Suche nach guten Vorbildern in den oft undurchschaubaren Angeboten der sozialen Netzwerke. In den heurigen Sommermonaten war die unbändige Hitze eine große Herausforderung, die uns allen zu schaffen gemacht hat und immer intensiver beschäftigen uns die knapper werdenden Ressourcen dieser Erde.
Allein, wenn ich an den Umgang des heiligen Franz von Assisi mit der Schöpfung denke, wird mir bewusst, wie sorgsam, behutsam und einfühlsam er seiner Mitwelt mit Achtung begegnet. Das würde im Blick auf die kriegerischen Auseinandersetzungen bedeuten, dass die in der Politik Verantwortlichen sich für den Dialog entscheiden, um Frieden zu schaffen. Im persönlichen Leben hieße es, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und gemeinsam Wege eines schöpfungsgerechten Umgangs zu suchen und umzusetzen.

Der Orden zeichnete sich historisch durch eine radikale Hinwendung zu den Armen und Marginalisierten aus. Wo sehen Sie heute die „Aussätzigen“ unserer Zeit, denen sich die Ordensgemeinschaften besonders zuwenden müssen?

Sr. Franziska: Was bedeutet es heute „aussätzig“ zu sein? Heißt das arm zu sein, auf der Flucht zu sein, obdachlos zu leben? Oder gilt es die Menschen in den Blick zu nehmen, die sich einsam, verloren oder hilflos erleben, die auf Hilfe in unterschiedlichen Formen angewiesen sind?
Ordensgründungen haben immer auf eine Not der Zeit reagiert, haben sich dem konkreten Menschen zugewandt. Heute sind die Nöte vielfältiger und vielleicht auch verborgener und weniger sichtbar. Mir kommen hier junge Menschen in den Sinn, die unter Mobbing leiden, die unter dem Zwang leiden, „dazugehören zu müssen“ und denen es aufgrund der wirtschaftlichen oder der familiären Situation doch nicht möglich ist. Es gibt die vielen älteren und gebrechlichen Menschen, die unter ihrer Einsamkeit leiden und dankbar sind für Angebote des Zusammenkommens. Ordensleute sind auch heute in unterschiedlichsten Welten unterwegs: Sie versuchen mit großem inneren Engagement für Menschen da zu sein, deren Not ihnen zu Herzen geht. Sie begleiten viele Suchende auf dem Weg, den Sinn ihres persönlichen Lebens tiefer zu erkennen.

Schöpfungsverantwortung, Friede, bei den Armen sein, interreligiöser Dialog, Sehnsucht nach Spiritualität: Franziskus ist heute hochaktuell – ist das eine Chance für die Zukunft des Franziskaner/innen-Ordens in Österreich?

Sr. Franziska: Die genannten Themen betreffen in unserer Zeit nicht nur die franziskanischen Ordensgemeinschaften in Österreich, es sind Themen, die unsere Welt bewegen. Und die franziskanisch geprägten Gemeinschaften engagieren sich nach ihren Möglichkeiten, indem sie Menschen und Menschengruppen begleiten und sich gemeinsam mit ihnen einsetzen für ein klimagerechtes Handeln, für ein friedliches Zusammenleben, für ein gutes Miteinander der Religionen. Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise ein Stück weit, für die Sehnsucht nach Spiritualität Antworten zu finden. Das „Leben nach dem Evangelium“, wie es Franz von Assisi uns vorgezeigt hat, ist unsere Grundlage und unsere Ermutigung zum Dienen.

Es ist kein Geheimnis, dass der Orden hierzulande kaum Eintritte hat. Warum können Sie das Frauen dennoch nahelegen?

Sr. Franziska: Einen inneren Ruf zum geistlichen Leben zu spüren, das lässt sich nicht erzwingen. Es braucht – so sehe ich das – die persönliche Beziehung zu Menschen, die gläubig und vertrauensvoll den Weg gehen. Geistliches Leben strahlt aus und trifft ins Innerste eines Menschen. Es ist ein Geschenk und lebt von der Offenheit für das Wagnis, „der Eingebung des Herrn“ zu folgen. So beschreibt es Franz von Assisi in seinen Briefen.

Ihre Gemeinschaft feiert heuer auch das 150-jährige Bestehen der Bildungseinrichtungen in Amstetten. Wie schafft man den Spagat, jungen Menschen im Jahr 2026 zeitgemäße Bildung zu vermitteln und gleichzeitig die alten, franziskanischen Grundwerte lebendig zu halten?

Sr. Franziska: Freude im Umgang mit jungen Menschen, mit Pädagoginnen und Pädagogen, mit Frauen und Männern, die unsere Bildungseinrichtungen in die Zukunft führen, all das ermutigt uns als Franziskanerinnen, einfach da zu sein. Und es braucht unsere Offenheit, die Freuden und Sorgen, Hoffnungen und Sehnsüchte, aber auch manches intensive Leid von Kindern und deren Familien wahrzunehmen und den Weg mit ihnen zu gehen. Heute dürfen wir dies alles in unseren leiser gewordenen Alltag als Ordensgemeinschaft mithineinnehmen, im Gebet begleiten und wo es möglich ist, uns tatkräftig engagieren.
Als wunderbar erlebe ich es, dass einzelne Schwestern durch ihr soziales Engagement unsere Schulgemeinschaften immer wieder begeistern, anderen Menschen zu helfen. Das kann sein, dass sie bei Sammlungen mitwirken, Personen aus anderen Kulturen und Religionen kennenlernen und so erleben, dass wir gemeinsam verantwortlich sind für ein gutes Zusammenleben auf unserer Mutter Erde. Das zieht Kreise und schenkt innere Zufriedenheit. Dafür bin ich sehr dankbar.
Franziskanische Werte in unseren Bildungseinrichtungen lebendig zu halten, das versuchen wir seit einigen Jahren gemeinsam mit den Franziskanerinnen von Vöcklabruck und Graz. Die Errichtung des Vereins für Franziskanische Bildung ermöglicht es uns, die Kräfte zu bündeln und engagiert und kraftvoll franziskanisches Miteinander zu leben und in offener Weise den jungen Menschen zu vermitteln.

Wenn Sie auf die Anfänge im Jahr 1876 blicken: Was würde den ersten Schwestern von damals wohl auffallen, wenn sie die heutige Schule und den Kindergarten in Amstetten besuchen?

Sr. Franziska: Die ersten vier Schwestern, die 1876 in Amstetten mit der Schule und dem Kindergarten begonnen haben, wären sicherlich sehr beeindruckt von der Vielfalt der pädagogischen Angebote, von der Größe unseres heutigen Bildungscampus. Das lebendige Miteinander von Mädchen und Jungen, das Zusammenwirken von Frauen und Männern mit den Schwestern vor Ort, das würde sie sehr begeistern. Und ich glaube, dass sie sehr dankbar wären für das, was aus ihren einfachen und relativ kleinen Anfängen wachsen durfte.

Sie leiten die Gemeinschaft schon mehrere Amtsperioden. Woher nehmen Sie in Zeiten des Wandels die Kraft und die Inspiration für diese Führungsaufgabe?

Sr. Franziska: Eine der wichtigsten Kraftquellen für mich liegt in dem Wissen, dass ich nur gemeinsam mit meinen Mitschwestern den Dienst der Leitung ausüben kann. Zeiten der Stille, Gebet, Austausch mit anderen Leitungsverantwortlichen sind Quellen für mich, die mir helfen, ein gutes Miteinander zu leben. Inspirationen für meine Führungsaufgabe entdecke ich im Unterwegssein in der Natur, in Angeboten zur Weiterbildung und zur inneren Vertiefung.

Autor:

Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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