Interview mit Prälat Maximilian Fürnsinn
„Wir brauchen einen neuen Schub an Vertrauen“

Prälat Maximilian Fürnsinn legte im April des Vorjahres die Leitung des Corherrenstifts Herzogenburg zurück.
  • Prälat Maximilian Fürnsinn legte im April des Vorjahres die Leitung des Corherrenstifts Herzogenburg zurück.
  • Foto: Kirche bunt/Archiv
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Am 5. Mai wurde Prälat Maximilian Fürnsinn 80 Jahre alt. Im „Kirche bunt“-Interview spricht der ehemalige Propst des Stiftes Herzogenburg über sein neues Leben im „Ruhestand“, über die Corona-Krise und was uns danach erwarten könnte.

Seit einem Jahr sind Sie nun im Ruhestand. Haben Sie sich gut in dieser neuen Situation eingelebt?
Prälat Maximilian Fürnsinn: Ich bin auf einem guten Weg – aber es ist eine gewaltige Umstellung. Nach 40 Jahren Amtszeit ist das ein Abschied, der viel Disziplin braucht. Das ist nicht so sehr ein Thema der „Macht“, sondern der Möglichkeiten für die Gestaltung und Bestimmung eines Weges. Aber ich habe schon einen guten Rhythmus gefunden. Ich lebe das Leben meiner Kommunität mit, das gibt eine gewisse Ordnung und Struktur vor. Trotzdem habe ich viele Termine im Kalender stehen. Ich bin auch dabei, gewisse Dinge neu einzuüben: lesen lernen; mehr Zeit für Gespräche; viele Telefonate; schreiben; und immer wieder ein Stück Gelassenheit.

Ist es eher ein Ruhe- oder Unruhestand?

Fürnsinn: Einen Ruhestand habe ich nie angestrebt, deshalb wollte ich auch den Titel „Altpropst“ nicht. Denn ich bin durchaus in der Lage, noch einiges zu tun, ich bin für manches noch brauchbar und auch noch zurechnungsfähig. Zudem bin ich von Natur aus kein „Ruheständler“, aber ich lerne Freizeit einzuüben.

Ihr 80. Geburtstag am 5. Mai – ist das auch ein Tag, an dem man persönlich Resümee zieht?
Fürnsinn: Für den Geburtstag hatte ich in meinem Kopf und Herzen schon eine lange Dankesliste eingespeichert. Ich bin von meiner Familie her sehr beschenkt. Meine Generation aus der direkten Familie ist gestorben – ich bin hier einer der Letzten. Aber die beiden nächsten Generationen halten einen guten Kontakt zu mir und schauen auf mich. Das freut mich sehr.
Ich bin mit vielen, vielen Freunden beschenkt, mit manchen verbindet mich eine jahrzehntelange Freundschaft. „Freunde machen das Leben freundlich“, sagt Augustinus.
Besonders dankbar bin ich für unseren Konvent und für alles, was im Stift durch Jahrzehnte geschehen ist. Das zähle ich jetzt nicht auf. In der Rückschau danke ich auch für das vielfältige Vertrauen, durch das ich in viele Funktionen berufen wurde: in die Leitung der Äbtekonferenz; als Großprior im Ritterorden vom Hl. Grab zu Jerusalem; als Vize-Präsident in der ökumenischen Stiftung Pro Oriente; als Vorsitzender der Österreichischen Superiorenkonferenz usw. Besonders freut mich, dass ich tausende junge Menschen gefirmt habe – das ist eine Art Jungbrunnen. Auch die Teilnahme am öffentlichen Leben – in Gesellschaft, Medien und Politik – hat mir viel bedeutet.

Ihr Geburtstag fiel mitten in die Coronakrise – wie haben Sie diesen Tag gefeiert?

Fürnsinn: Die Corona-Krise macht ein großes Geburtstagsfest nicht möglich, aber da bin ich sogar sehr froh. Ich habe am Abend eine festliche Maiandacht gefeiert. Das Marienbild der Stiftskirche ist mir seit meiner Kindheit vertraut und ans Herz gewachsen. Ich habe in diesem Bild Maria immer als die „gute Hausfrau unseres Stiftes“ betrachtet. Um eines tut es mir leid: Fleischhauer haben sich bereit erklärt, für das Geburtstagsfest Würstl zu spendieren, die gibt es jetzt leider nicht.
Wie gehen Sie persönlich mit der Coronakrise um?
Fürnsinn: Unser Konvent hat die Krisenzeit sehr ernst genommen, aber gut miteinander gelebt: Chorgebete und Eucharistiefeier stets in der Stiftskirche, gemeinsames Essen – „alles mit Abstand“.

Wenn die Krise vorbei ist, was wird uns dann erwarten? Was wird sich verändert haben? Was ist da Ihre Einschätzung?
Fürnsinn: Wir brauchen eine Reinigung unserer Wahrnehmung und unseres Gedächtnisses. Es geht um eine Überprüfung unseres sozialen Blickwinkels: Wer ist für mich eine Gefahr? Wer gehört zur Risikogruppe? Was bedeutet die Reduzierung von Menschen auf Zahlen und Statistiken? Wie gehen wir mit Ängsten, Verunsicherungen und Verdächtigungen um?
Wir brauchen also einen neuen Schub an Vertrauen. Solidarität und Mitgefühl müssen starke Orientierungspunkte unserer gesellschaftlichen Zukunft sein. In der Krise wurden schon neue solidarische Lebensgeister geweckt. Jetzt braucht es weiterhin eine neue Achtsamkeit und eine Ökonomie der Verbundenheit – im gesellschaftlichen und politischen Leben. Vielleicht müssen wir Österreich sogar neu denken.
Auch in der Kirche steht vieles an. Es geht beispielsweise deutlicher um die Gottesfrage: Wo bleibt Gott in der Krise? Da müssen wir Antworten geben. Wir sollten auch an eine geistige Grundversorgung denken, um mit dieser religiös-spirituellen Dimension einen Halt zu geben. Umgekehrt ist durch diese Krise auch der blinde Glaube an Fortschritt und Machbarkeit erschüttert worden. Wir erleben derzeit ein unglaubliches Ohnmachtsgefühl (in dem Milliarden Menschen auf der Welt Tag für Tag zu leben haben). Es stellt sich immer mehr die Frage: was hält uns? Kirchlich gesehen sollten wir einige Erfahrungen aus der Krisenzeit mitnehmen: Wir haben die „Hauskirche“ wieder entdeckt; persönliches und gemeinsames Gebet sind bei vielen Menschen wieder lebendig geworden – bis hin zu tragfähigen Netzwerken der Fürbitte – und feiern wir mit großer Freude und Begeisterung wieder unsere Gottesdienste in den Kirchen.

Was wünschen Sie sich persönlich zum 80. Geburtstag?

Fürnsinn: Ich bin wunschlos glücklich!

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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