Interview
Sr. Martha Zechmeister über die "Autorität der Leidenden"

Sr. Martha Zechmeister im Online-Gespräch mit dem aus Amstetten stammenden Theologen Wolfgang Treitler. | Foto: Screenshot / Katholisch-Theologische Fakultät Uni Wien
  • Sr. Martha Zechmeister im Online-Gespräch mit dem aus Amstetten stammenden Theologen Wolfgang Treitler.
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In Kotting bei Ober-Grafendorf geboren, führte es die Ordensfrau Sr. Marta Zechmeister nach El Salvador. Am 5. August wird sie für ihr Lebenswerk mit dem Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen geehrt. Sr. Martha im Gespräch mit dem aus Amstetten stammenden Theologen Wolfgang Treitler:

Du lehrst seit vielen Jahren Systematische Theologie an der Universität der Jesuiten in San Salvador. Wie bist du eigentlich dorthin gekommen?

Martha Zechmeister: Als ich mit 18 Jahren am Gymnasium der Englischen Fräulein in St. Pölten maturierte, wollte ich in einen Orden eintreten, um den Ärmsten der Welt zu helfen – ein romantisches, wohl überzogenes Mutter-Teresa-Ideal. Mein Religionslehrer Hannes Reikersdorfer brachte mich stattdessen auf die Idee, zuerst Theologie zu studieren. Das tat ich und trat in den Orden der Englischen Fräulein ein, heute Congregatio Jesu. Die Idee der Mission auf einem anderen Kontinent – mein Fokus war Indien – hat mich all die Jahre nicht losgelassen.
Reikersdorfer holte mich später als Assistentin an die Uni Wien, parallel unterrichtete ich Religion an unserem Gymnasium in St. Pölten. Erst 1997 habilitierte ich, und da kam die Erinnerung an meine erste Liebe zurück: Europa einmal von außerhalb zu betrachten. Die Universität gewährte mir ein Sabbatjahr, ich versuchte wieder, nach Indien zu kommen, scheiterte aber am Visum. Ein befreundeter Jesuit lenkte meinen Blick auf El Salvador. Ich schrieb eine E-Mail dorthin – und hatte schon am nächsten Tag eine Einladung.

Warum bist du dort geblieben?

Zechmeister:
Die Begegnung mit Johann Baptist Metz hat mir diesen Satz eingeprägt: Mit dem Rücken zur Leidensgeschichte dieser Welt kannst du nicht von Gott sprechen. Mit dieser Leidensgeschichte bin ich in El Salvador zusammengeprallt. In Wien war ich dem Elend von Migranten und Obdachlosen begegnet, aber das war mit einer Großstadt der Dritten Welt nicht vergleichbar. Ich war mit der Illusion gekommen, mit gutem Willen ließe sich vieles richten – eine Illusion, die mir in San Salvador zerbrochen ist. Unsere Welt ist ein unrettbarer Schlamassel. Mir wurde klar: Wenn das ignatianische „Gott suchen und finden in allen Dingen“ wahr ist, dann muss Gott gerade in jener Wirklichkeit sein, die ihm am schreiendsten widerspricht.
Nach dem Sabbatjahr war ich acht Jahre in Passau als Professorin für Fundamentaltheologie tätig. Dann kam aus El Salvador die Anfrage nach einem dauerhaften Engagement. Meine Vorgesetzten erlaubten es – und hier bin ich seit 17 Jahren.

Du sprichst von der „Autorität der Leidenden“. Was verstehst du darunter?

Zechmeister: Bei Jeremia steht: „Den Armen und Schwachen verhalf er zum Recht – das heißt, mich wirklich erkennen, Spruch des Herrn“ (Jer 22,16). Vielfach erliegst du der Illusion, du würdest Gott kennen und wärst als Folge davon wohltätig zu den Armen. Das hat mit wirklicher Theologie nichts zu tun: Ohne dich konkret für die „Menschen unten“ einzusetzen, hast du von Gott keine Ahnung. Keiner kennt Christus, der nicht den Hungrigen zu essen gibt, Gefangene besucht, Fremde aufnimmt (Mt 25). Gott kennen und wissen, was zu tun ist, fällt zusammen.
Die Autorität der Leidenden, durch die Gott sich offenbart, ist damit die höchste Autorität der Kirche – ihr sind letztlich auch alle kirchlichen Ämter unterstellt. Als Ordensfrau bedeutet für mich mein Gelübde des Gehorsams, dieser Autorität ohne Wenn und Aber zu gehorchen – ein Anspruch, der übrigens für jeden Christen gilt.

Was schützt vor der Verweiflung angesichts des gewaltigen Leids?

Zechmeister: Man darf sich nicht in die Ohnmacht oder Depression flüchten oder sich in die Vereinzelung zurückziehen. Hoffnung ist immer ein sozialer Akt, nie einsam. Mit allen, die von ihr getragen sind, sind wir wie ein Pilzgeflecht unter dem Waldboden verbunden – eine Verbundenheit, die vielleicht doch Wirklichkeit verändern kann. Es gibt einen Handlungsspielraum, und den täglich auszuschöpfen – mit sturer Hartnäckigkeit – das ist jesuanisch. Auch Jesus hat nicht allen Hungernden zu essen gegeben. Diese messianischen Zeichen des anbrechenden Gottesreiches zu leben – darin liegt das Geheimnis christlicher Hoffnung.
Hoffnung als Tugend heißt nicht schönzureden – nur weil es mir gerade nicht weh tut. Erzbischof Oscar Romero, kein Schönredner, sondern Realist, sprach kurz vor seiner Ermordung von einem Licht, dass über den Ruinen erstrahlen wird. Die Hoffnung ist die zentrale Tugend des Christen: der sture, hartnäckige Widerstand gegen die Evidenz dessen, was übermächtig und erdrückend scheint.

Das 47-minütige Video-Interview führte der aus Amstetten stammende Theologe Wolfgang Treitler: Zu sehen ist es auf Youtube: Video-Interview mit Sr. Martha.
Das Video-Interview wurde von Sr. Martha Zechmeister für „Kirche bunt“ für die Verschriftlichung überarbeitet.

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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