"Wie's Leben früher war" von Inge Friedl
Der lange Weg zur Schule
- Foto: Friedl / Meierhofer
- hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl
Leicht war das Leben der Kinder am Land früher nicht. Lange Schulwege, Mitarbeit auf dem Bauernhof, karge Kost, wenig bis gar kein Spielzeug, kein eigenes Zimmer und oft nicht einmal ein eigenes Bett. Dennoch war der lange Schulweg, oft eine Stunde und mehr, für viele Bauernkinder nicht nur eine Belastung, sondern auch eine der raren Möglichkeiten, sich zum Spielen zu treffen und mit Gleichaltrigen zusammenzukommen. Eine Bäuerin drückte es so aus: „In die Schule gehen war lustig, da haben wir wenigstens nicht arbeiten müssen.“
Vor allem der Heimweg von der Schule war ein einziges Abenteuer. Eine Bäuerin aus Gasen in der Oststeiermark passierte auf ihrem Schulweg einige Mühlen mit ihren großen Mühlrädern. Die Kinder stellten sich in das riesige, sich bewegende Mühlrad und liefen mit der Drehung mit. Ungefährlich war das nicht. Wenn man das Gleichgewicht verlor, fiel man ins Wasser: „Sehen durfte uns natürlich niemand, denn es war streng verboten, hier am Wasser zu spielen!“
Wer erinnert sich noch an das alte Bubenspiel „Putschögln“? Früher war es sehr beliebt, heute längst vergessen. Ein Putschögl war ein Ast mit zugespitztem Ende, den viele Buben am Schulweg mithatten. Dabei warf der Erste seinen Stock fest in die Erde, die anderen mussten mit ihrem Putschögl so zielen, dass der gegnerische Stock umfiel, der eigene aber fest in der Erde steckte.
Ganz anders diese schöne Geschichte aus einer Kindheit in den 1940er Jahren: Einige Nachbarskinder hatten gemeinsam einen langen Heimweg. Ein Bub hatte nun die Idee, den anderen Geschichten zu erzählen. Bloß, die Geschichten waren nicht von ihm erfunden, sondern Nacherzählungen der Karl-May-Bücher. Jeweils das Kapitel, das er am Vortag gelesen hatte, erzählte er tags darauf am Heimweg seinen Freunden. Gespannt warteten die Kinder auf die Fortsetzung und der Erzähler hatte doppelte Freude: beim Lesen und beim Nacherzählen.
Der Heimweg war ein Abenteuer.
Auch der Weg zur Schule bot hin und wieder Vergnügliches. In einem Kärntner Bergdorf entdeckten Kinder am Schulweg Maikäfer, die von der morgendlichen Kälte noch steif und unbeweglich waren. Sie sammelten sie ein und nahmen sie kurzerhand mit in die Schule. Leider kamen sie deshalb eine Stunde zu spät und mussten als Strafarbeit 100 Mal „Ich muss pünktlich in der Schule eintreffen“ schreiben. In der Klasse gab es einen Ofen, der im Mai noch geheizt wurde. In der Wärme bewegten sich nun auch die Maikäfer und flatterten zu den Fensterscheiben. Nun gab es die nächste Strafarbeit: „Ich darf keine Maikäfer in die Schule mitbringen.“
Heute gibt es längst keine langen Schulwege mehr, die zu Fuß zurückgelegt werden. Strafarbeiten sind abgeschafft und Maikäfer bekommt man auch nur mehr selten zu Gesicht … Inge Friedl
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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