Interview mit Bischof Dr. Alois Schwarz
Ostern: Die Erinnerung, dass alles wieder gut wird

Bischof Alois Schwarz

Das große Osterinterview mit Bischof Dr. Alois Schwarz über das zweite Osterfest in Pandemie-Zeiten, über Trauer, Homeschooling, Einsamkeit und die zunehmende Glaubensferne vieler Menschen. Der Bischof geht aber auch auf die Überlegungen zum Neustrukturierungsprozess ein und darauf, was die Kirche jungen Menschen heute zu bieten hat.

Warum wird Ostern immer wieder in dieser Konzentration der Liturgien begangen?
Bischof Dr. Alois Schwarz: Unser Glaube findet seine Erfüllung und seinen letzten Sinn in der Auferstehung Jesu. Das ist das zentrale Element unseres Glaubens. Wir Chris­tinnen und Chris­ten glauben daran, dass der Tod zwar das Sterben, nicht aber das Leben beendet. Wir glauben daran, dass uns Gott in Jesus Christus zum Leben führen möchte. Wenn das irdische Leben beendet ist, dann führt es uns hinein in das ewige Leben ohne Leid und ohne Schmerzen bei Gott. Das ist die tröstliche und Hoffnung schenkende Botschaft unseres Glaubens. Deshalb sind die letzten Zeichen der Verbundenheit, die Jesus mit seinen Jüngern setzt, so entscheidend: Das Letzte Abendmahl, sein Kreuz, das er für uns Menschen auf sich genommen hat, das Hinübergehen in die ewige Heimat bei Gott und sein Sich-den-Menschen-Zeigen als die große lebensspendende Auferstehungserfahrung. Die Kirche hat deshalb für jeden dieser zeichenhaften Schritte Jesu eine eigene Liturgie der Erinnerung für uns Menschen eingesetzt.

Könnte man sagen, dass das Osterfest für uns Menschen immer gleich ist und dass man es irgendwann einmal nicht mehr feiern braucht, weil man schon alles kennt?
Bischof Schwarz: Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn Sie an Ihren eigenen Lebensweg denken, dann erleben Sie ja auch nicht jedes Jahr gleich. Sie erleben schöne Dinge, manchmal vielleicht machen Sie schmerzvolle und leidvolle Erfahrungen. Die liturgischen Feierlichkeiten beinhalten solche menschlichen Erfahrungen. Vielleicht haben Sie auf Grund von Corona einen geliebten Menschen verloren, dann wird der Karfreitag heuer für Sie eine ganz andere Bedeutung haben und Sie werden sich mit Jesus Chris­tus, dem Leidenden, sehr verbunden fühlen. Vielleicht haben Sie in diesem Jahr aber die Freude über ein Kind in der Familie geschenkt bekommen, dann wird möglicherweise der Ostersonntag als Fest der Auferstehung und des Lebens in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Wir Menschen brauchen solche liturgischen Erinnerungsmöglichkeiten, um sie in die eigenen Lebensgeschichten einordnen zu können.

Homeschooling, finanzielle Sorgen, Homeoffice, schwe­re Krankheitsverläufe, auch Todesfälle … Co­rona machte für viele Menschen die letzten zwölf Monate zu einer schwierigen Zeit. Was bedeutet die Osterbotschaft gerade heuer im zweiten Corona-Jahr?
Bischof Schwarz: Die Osterbotschaft lautet: Der Karfreitag ist nicht die Endstation. Wir Christinnen und Christen dürfen darauf vertrauen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Ich möchte Ihnen allen danken, dass Sie die schweren Stunden aushalten – und zwar, um des Lebens willen. Gerade im Homeschooling geht es nicht so sehr darum, dass die Kinder das eine oder andere jetzt wirklich auch können, es geht vielmehr da­rum, mit wieviel Liebe und Geduld Sie Ihre Kinder da durchbegleiten konnten. Für jede geduldige Minute, für jedes tapfere Aushalten von schweren Krankheitsverläufen und für das Durchstehen der Trauer über den Verlust von geliebten Menschen bin ich Ihnen unendlich dankbar. Und seien Sie gewiss: Es wird Sie zur Auferstehung führen. Es werden Tage kommen, an denen Sie spüren, dass Sie das Leben wieder hat. Manchmal braucht es dazu einen langen Atem – und um diesen bete ich für Sie.

Sollten Bischöfe und Priester zu Ostern in Corona-Zeiten eigentlich anders über das Sterben, den Tod und die Auferstehung predigen?
Bischof Schwarz: Nein, das denke ich nicht. Der Tod und das Abschiednehmen sind immer eine leid- und schmerzvolle Erfahrung. Aber vielleicht bietet die Corona-Pandemie einmal mehr die Möglichkeit, die Menschen daran zu erinnern, dass auch diese schreckliche Zeit vo­rübergehen wird. Gerade in leidvollen Zeiten brauchen wir Menschen die Erinnerung daran, dass alles wieder gut werden wird.

Eine Erfahrung vieler Menschen ist Einsamkeit, die aus Besuchsbeschränkungen und mangelnden Kontakten erwuchs. Wie groß sehen Sie den seelischen Schaden? Und wie kann da die Kirche helfen?

Bischof Schwarz: Ja, das ist wirklich ernst zu nehmen. Die Einsamkeit, die Traurigkeit, der Schmerz oder die Depression sind wirklich herausfordernde Lebensschicksale, die Menschen zu bewältigen haben. Der seelische Schaden wird erst – wenn überhaupt – viel später zu eruieren sein. Die Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen ein Geländer der Hoffnung und des Trostes zu bieten. Bei der Caritas gibt es viele Einrichtungen, wie beispielsweise Beratungsstellen, an die man sich wenden kann, um Hilfe zu bekommen. Auch die Telefonseel­sorge ist unter 142 rund um die Uhr für die Menschen da. Ich kann Sie nur ermutigen, Hilfen in Anspruch zu nehmen. Scheuen Sie sich nicht, anzurufen und sich Hilfe zu holen.

Zu Ostern singen wir „Freu dich, erlöste Christenheit“. Für viele Menschen aber, so scheint es, ist von den festlichen Freuden über die Auferstehung Jesu in unseren Tagen nur noch ein Traditionsfest geblieben. Sehen Sie das mit Besorgnis?
Bischof Schwarz: Abgesehen davon, dass wir das heuer vermutlich nur hören und nicht singen werden, möchte ich sagen: Auch wenn wir noch nicht erlöst sind, so dürfen wir uns an die Erlösung erinnern. Das Lied kann uns erinnern, dass wir erlöst sein werden und so gesehen, ist es gut, wenn es angestimmt wird. Wir brauchen gerade in Zeiten wie diesen Zeichen der Erinnerung an das Leben und die Auferstehung.

Es ist leider ein Faktum, dass in den Kirchen nicht nur die junge Generation oftmals fehlt, sondern zunehmend auch die Generation 50+, was u. a. auch bei den Gottesdiensten sichtbar wird. Wie kann es die Kirche schaffen, wieder bei denen Anschluss zu finden, die eine Ferne zur Kirche (entwickelt) haben?
Bischof Schwarz: Ja, das ist wirklich eine sehr schmerzvolle Erfahrung. Ich bin als Bischof bemüht, die Menschen einzuladen, um sie von der Liebenswürdigkeit unseres Gottes zu überzeugen. Die Gründe, warum Menschen der Kirche fernbleiben, sind sehr unterschiedlich. Dennoch lade ich ein, das Gespräch mit Pries­tern und Laien zu suchen, um den Weg in die Kirche (zurück)finden zu können. Eines meiner Ziele als Bischof ist es, mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Angebot zu schnüren, dass sich die Menschen erneut angesprochen fühlen und das Vertrauen in die Kirche wiederfinden können.

In der Diözese St. Pölten wurde im Vorjahr ein Neustrukturierungsprozess gestartet. Was waren die Überlegungen hinter diesem Prozess?

Bischof Schwarz: Mit dem Organisationsentwicklungsprozess stellen wir uns den wichtigen Fragen nach der Zukunftsfähigkeit der Verwaltung der Diözese St. Pölten mit dem großen Ziel, mit einer zeitgemäßen Organisationsform und einer von verbesserter Kommunikation geprägten Zusammenarbeit die Kirche in Evangelisierung und sozialer Geschwis­terlichkeit zu stärken.

Werden die Pfarrgemeinderatswahlen 2022 wie geplant stattfinden oder brauchen die Pfarren aufgrund von Corona eine längere Vorbereitung?
Bischof Schwarz: Ja. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits.

Wo wünschen Sie sich, dass die Diözese St. Pölten in zehn Jahren steht?
Bischof Schwarz: Ich wünsche mir, dass sich die Menschen von unseren Themen und Liturgien angesprochen fühlen und dass die Haltungen gegenüber anderen Mitmenschen innerhalb und außerhalb der Kirche einem christlichen Umgang entsprechen. Menschen sollen erfahren können, dass sie von Gott geliebt sind und an seinem glückseligen Leben teilhaben dürfen. Mein größter Wunsch ist es, mit Jesus in unserer Mitte und gestärkt von seinem Geist Menschen mit Sehnsucht nach einem Leben mit Gott in neuen Feldern der Seelsorge zu finden und begleitend zu unterstützen.

Manche fragen sich: Was hat die Kirche jungen Leuten noch zu bieten? Was würden Sie antworten?
Bischof Schwarz: Ganz viel. Ich kann den jungen Menschen (das gilt aber auch für die nicht mehr so jungen) sagen: Überlegen wir gemeinsam, wo in Ihrem Leben Sie Unterstützung brauchen und helfen wir uns gegenseitig, wie die Kirche mit ihren Inhalten und Angeboten da eine Hilfe sein kann. Es braucht beides: Die (jungen) Menschen, die kommen und wir als Kirche, die attraktiv ist für die Sorgen und Nöte der jungen Generation. Deshalb suche ich als Bischof nach Themen und Möglichkeiten, von denen sich die jungen Menschen angesprochen fühlen.

Wird Ostern 2022 wieder ein Osterfest sein, so wie wir es kennen und lieben?
Bischof Schwarz: Ich bin kein Hellseher. Diese Frage kann ich daher so nicht beantworten, aber eines möchte ich Ihnen dazu sagen: Ostern 2021 kann schon zu einem Osterfest werden, das wir lieben. Freilich, es wird anders, aber versuchen Sie Zeichen der Liebenswürdigkeit an diesem Osterfest zu entdecken. Das Brauchtum und die Tradition können da auch eine Unterstützung sein. Es hängt von jedem einzelnen, jeder einzelnen von uns ab, ob Ostern ein Fest werden kann, das wir kennen und lieben. Das gilt für 2021 und auch 2022.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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