Interview
Karl Rottenschlager: „Mir geht es um ein gelebtes Christentum“

Mag. Karl ,,Charly" Rottenschlager

In der Corona-Pandemie hat Mag. Karl „Charly“ Rottenschlager ein Buch geschrieben, das Mut zur gelebten Nächstenliebe macht. Im Gespräch mit „Kirche bunt“ spricht der Emmaus-Gründer über das Buch, sein Leben und seinen jahrzehntelangen und beeindruckenden Einsatz für Menschen am Rand der Gesellschaft.

„Hassen oder vergeben? Bausteine für eine geeinte Welt“ – lautet der Titel Ihres Buches. Worum geht es Ihnen mit dem Buch?
Mag. Karl Rottenschlager: Das Buch entstand dank Corona. Ich schaue schon seit geraumer Zeit nicht mehr fern und habe fast täglich bis Mitternacht am Buch gearbeitet. Letztlich geht es mir um Mutmachergeschichten, denn im Leben gibt es immer ein Scheitern und ein Gelingen – doch auch da ist Gott am Werk.

Wenn man das Buch liest, wird einem bewusst, was Sie in Ihrem Leben für die Menschen am Rande der Gesellschaft geleistet haben. Worum ging und geht es Ihnen im Leben?
Rottenschlager: Mir geht es im Leben um gelebtes Christentum und darum, Gott die Ehre zu geben – aber nicht im Alleingang und vor allem mit der Gewissheit, dass wir mit Jesus in der Mitte unterwegs sind. Mir war auch immer bewusst, dass ich ,arm-selig‘ bin und dass ich jeden Tag scheitere. Schon damals in den 1970er-Jahren, als unser Versuch, das erste Obdachlosenheim in Niederösterreich zu errichten, fünfmal an den Einwänden der Anrainer gescheitert ist. Dieses Scheitern ist für mich auch eine Schule der Demut. Ich war überzeugt, Gott spricht durch die Umstände, wenn es nicht sein will, dann soll es nicht sein. Gestärkt hat mich damals unsere Gebetsgruppe um Charly Höllerer, Sepp Pichler, Franz Steinkellner, Otto Allinger … Die haben gesagt: „Gib nicht so schnell auf! Wenn es im Plan Gottes liegt, dann wird es entstehen.“

Sie wollten ja ursprünglich Missionar in Afrika werden. Warum wurde daraus nichts?

Rottenschlager: Ja, das war mein ursprünglicher Plan, aber ich hatte dann gesundheitliche Probleme und habe in diesen Jahren immer wieder gefragt: „Herr, was willst Du?“ Als ich dann gehört habe, dass für das Gefängnis in Stein ein Sozialarbeiter gesucht wird und sich niemand meldet, wusste ich, dass mich Gott dorthin ruft. Ich habe erkannt: für diese Menschen da zu sein – das ist mein Afrika.

Für die Gefangenen da zu sein, war bestimmt nicht leicht. Sind Sie nie an Ihre Grenzen gekommen?

Rottenschlager: Immer, jeden Tag. Das war ein tägliches Scheitern. Gestärkt hat mich da die tägliche Eucharistie. Es geht nicht nur darum, im anderen Jesus zu erkennen, sondern ihn auch dort zu finden, wo das Bild Gottes zugeschüttet ist. Manchmal muss man schon stark daran glauben, dass Gott in genau diesem Menschen am Werk ist. Für mich war es daher immer wichtig, dass ich am Abend sagte: Ich kippe alles hinein in die Deponie der göttlichen Barmherzigkeit – mit der Bitte um Verwandlung. Hilfreich für mich war auch ein Gespräch mit Pierre, einem Psychiater, der in Wien lebte, sich an der Botschaft Jesu orientierte und für mich als Supervisor zur Verfügung stand. Dem habe ich von meinem Frust in Stein erzählt. Er sagte mir: „Karl, wir brauchen nur die rechte Optik. Von Seiner Seite ist immer schon alles da.“ Das war für mich, wie wenn Schuppen von meinen Augen fallen – ich habe dann alles in einem neuen Licht gesehen. Ich bin damals mit einer großen Freude zurück nach Stein gefahren. Ich dachte mir: Wir sind alle in Gottes Hand – ich selber, jeder Gefangene, alle! Mir war klar: Ich biete nur einen Dienst an, das nahm auch Erwartungsdruck von mir!

Nach neun Jahren als Sozialarbeiter in Stein wollten Sie das erste Obdachlosenheim in Niederösterreich gründen. Was war der Anstoß dafür?
Rottenschlager: In Stein wurde ich meist geholt, wenn es einen Suizidversuch gab oder wenn sich ein Gefangener selbst verletzt hatte. Bei 900 Gefangenen gab es damals jährlich rund 300 Selbstbeschädigungen. Das war für mich immer ein Hilfeschrei „Ich kann nicht mehr.“ Ich fühlte, dass Jesus mir in diesem Menschen die Frage stellte: „Liebst du mich?“ Und je länger ich in Stein war, desto öfter stellte sich die Zusatzfrage: „Bist du bereit, mit mir in diesen Menschen dein Leben zu teilen?“ Natürlich hätte ich gerne eine Familie gegründet – es war ein permanentes Loslassen von Beziehungen, gemeinsamen Träumen etc. Als ich 1975 – ich war damals 29 Jahre alt – wieder einmal in Taizé war, suchte ich das Gespräch mit Bruder Rudolf, einem Pastor aus Hamburg, der mit Behinderten lebt. Ihn fragte ich, ob ich es riskieren soll. Er hat mich gefragt: „Ist es für Sie so, dass die tausend Antlitze der Gefangenen in das eine Antlitz Jesu zusammenfließen?“ Und ich sagte: „Exakt so ist es!“

Sie haben dann in der Herzogenburgerstraße in St. Pölten das Obdachlosenheim eröffnet und so die Basis für Emmaus gelegt.
Rottenschlager: Nachdem unser Projekt am Widerstand der Bevölkerung gescheitert war, hatte ich mit dem damaligen Caritasdirektor Werner Scholz mehrere Gespräche. Er hat mich sozusagen als lebende Subvention für den zu gründenden Verein, den wir Emmaus nannten, angestellt. Emmaus steht für Hoffnung, Weggemeinschaft … Wir mussten die erste Zeit ohne Subventionen leben und ich musste selber einen Spender- und Förderkreis aufbauen. Ich hatte dank unserer Gebetsgruppe und dank des großen Gebetskreises, den es damals in unserer Diözese gegeben hat, ein fast verrücktes Gottvertrauen. Ich habe mir gedacht, wenn es im Plan Gottes liegt, dann wird Gott Regie führen. Und so war es dann auch.

Haben Sie nie gezweifelt, dass Sie den richtigen Weg gehen?
Rottenschlager: Die häufigste Frage, die ich in all den Jahren von Gott immer wieder höre, ist: „Warum hast du gezweifelt?“ Das ist meine Hauptsünde. Und auch heute ist die erste Frage, die ich mir bei der Gewissenserforschung stelle: Habe ich heute an die Macht der Liebe Gottes geglaubt? Gott allein kann alles verwandeln. Es ist schon richtig: Ich kann vieles gut organisieren oder Leute motivieren, das ist alles wichtig, aber letztlich kann ich mich nicht einmal selber ändern – jede Umkehr ist Gnade. Ich habe lernen müssen, dass es die Gnade des Nullpunkts gibt, von der Paulus im zweiten Korintherbrief schreibt. Er hat die Geschichte mit dem Stachel erwähnt. Doch Gott hat ihm den Stachel nicht weggenommen. Das war für mich in den Anfängen auch so – materiell und spirituell. Ich habe z. B. erkannt, dass viele unserer Gäste ein Alkohol- oder Drogenproblem haben. Wenn aber jemand süchtig ist, dann schafft er es nicht ohne fremde Hilfe! Dadurch habe ich erkannt, dass Liebe und Kompetenz die zwei wichtigsten Prinzipien sind. D. h., unsere Mitarbeiter/innen sollen gewissenhafte und solide Arbeit leisten.

Haben Sie die Einwände der Bevölkerung ver­standen?
Rottenschlager: Ja, natürlich habe ich das verstanden und wahrscheinlich hätte ich ähnlich gedacht, wenn ich nicht durch mein Elternhaus, durch meine Schulbildung in Seitenstetten usw. geprägt worden wäre. Meine Groß­mutter hat das vorgelebt und immer gesagt, wenn Obdachlose an unsere Tür geklopft haben: ,Ruck zuwa.‘ Es geht darum, wie mein Gottesbild, mein Menschen- und Weltbild ausschaut – das alles hängt mit dem Christusmys­terium zusammen. Wenn man das nicht kennengelernt hat, wenn dieser christliche Humus nicht da ist, dann sieht man vieles anders.

Haben sich die Befürchtungen, dass es mit ehemaligen Häftlingen, Suchtkranken etc. in der Nachbarschaft gefährlich wird, je bewahrheitet?
Rottenschlager: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Erst vor wenigen Jahren hat mir der Polizeidirektor von St. Pölten gesagt: Wenn es euch nicht gäbe, dann wäre die Rückfallsquote in der Landeshauptstadt viel höher.

Bitten Sie Gott, Ihnen beim Helfen zu helfen?
Rottenschlager: Meine Berufung ist eigentlich eine Präsenz zu leben, das Helfen ist da nur ein Aspekt. Das habe ich durch Roger Schutz (Gründer der Gemeinschaft in Taizè) verstanden. Es geht primär ums Dasein, wie bei einer Mutter. Einmal hat ein Emmaus-Gast am Muttertag zu mir gesagt, als ich gefragt habe, wer nach Hause zur Mutter fährt: „Heute bist du unsere Mutter.“ Das gab mir einen Stich ins Herz.

Ist das ein Grundproblem, die fehlende Mutter, der fehlende Vater?

Rottenschlager: Ja, viele unserer Gäste haben eine gestörte Mutterbeziehung. Die zentrale Frage der Emmaus-Gäste lautet oft: „Warum hat mich meine Mutter verstoßen?“ Die Erfahrung, von der Mutter und dem Vater im Stich gelassen worden zu sein, ist die Urwunde. Ich verfolge seit Jahren eine Zahl in der Statistik Austria: In den 70er-, 80er- und bis hinein in die 90er-Jahre lag die Zahl der Kinder, die nicht bei ihren Eltern sind, bei ca. 9000. Zuletzt waren es 13.400 Kinder und Jugendliche, die in Heimen, in therapeutischen Wohngemeinschaften oder Pflegefamilien untergebracht waren. Diese Zahl ist für mich ein Indikator, wie es um eine Gesellschaft steht. Es geht um die Frage: Bin ich willkommen in dieser Welt? Das will Emmaus jedem Einzelnen, der bei uns anklopft, vermitteln: Du bist willkommen in dieser Welt. Der Hunger nach Liebe ist so groß, aber die Gesellschaft, die Wirtschaft kann so gnadenlos sein. Deshalb braucht es Orte, wo Menschen, die niemand mehr braucht, eine Beheimatung haben. Gastfreundschaft und Willkommenskultur sind etwas so Elementares. Die Weggemeinschaft, die wir leben, ist enorm wichtig.

Sie haben so viele Menschen durch Not und Elend begleitet. Haben Sie eine Antwort auf die Theodizee-Frage, warum Gott so viel Leid zulässt?
Rottenschlager: Die häufigste Frage, die mir in Emmaus gestellt wird, lautet: Wo ist Gott? Kürzlich hat mir ein Ex-Gast, der einen Verkehrsunfall hatte, am Telefon gesagt: „Trotz allem – immer wieder ist Gott da in meinem Leben!“ Ich lese gerade ein Buch, das der Benediktinermönch Anselm Grün gemeinsam mit dem muslimischen Religionsphilosophen Milad Karimi („Im Herzen der Spiritualität“) geschrieben hat, mit großem Interesse. Die Theodizee-Frage im strengen Sinne kennt man im Islam nicht, da heißt es: Gott ist groß, er ist gerecht, er ist barmherzig. Letztlich müssen auch wir Christen zurückweichen und erkennen: Gott ist groß. Wir kommen nicht darum umhin, Ihm zu vertrauen.

Wenn Sie heute wieder vor der Entscheidung stehen würden, würden Sie wieder diesen Weg gehen?

Rottenschlager: Ja! Das einzige, was ich bedaure, sind meine Fehler, wenn ich jemanden verletzt habe, wenn ich ungeduldig war, wenn ich in vielen Situationen blind war oder zu egozentrisch und wenn ich zu wenig zugehört habe, was das Team wollte. Da hoffe ich auf Vergebung.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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