Mariä Empfängnis
Gottes Heilsplan
- Das Fresko von Giotto di Bondone ist Teil eines großen Bilderzyklus‘, den der Künstler für die kleine, aber weltberühmte „Cappella degli Scrovegni“ in Padua gemalt hat.
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Von den Umständen, wie Maria, die Mutter Gottes, empfangen wurde, erfahren wir vor allem aus zwei apokryphen, also nicht zum Kanon der Bibel gehörenden Schriften: Dem Pseudo-Matthäus-Evangelium und dem Protoevangelium des Jakobus. Beide erzählen die gleiche Geschichte, wenn auch in Details verschieden: Joachim, der Vater Marias und Ehemann Annas, ist zwar ein gerechter und mildtätiger Mann – er opfert fleißig im Tempel und spendet an die Armen –, doch das Glück eines Kindes bleibt dem Paar verwehrt, was ihnen Spott und soziale Ausgrenzung einbringt. Eines Tages nämlich möchte Joachim an der Opferhandlung im Tempel teilnehmen, doch ein Mann namens Ruben gibt ihm deutlich zu verstehen, dass Joachim wohl offenbar ein Sünder ist, immerhin hat Gott ihn ja auch mit Kinderlosigkeit gestraft. Und ein Sünder dürfe auch nicht weiter im Tempel opfern.
Tief getroffen zieht sich Joachim in die Wildnis zurück, um nicht zu dem zurückkehren zu müssen, das ihm zur Schande in den Augen der anderen wurde: zu einem Zuhause, das nicht von Kinderlachen erfüllt ist, sondern nur von der Stille zweier Menschen, denen das größte gemeinsame Glück verwehrt geblieben ist.
Anna in der Isolation
Anna, seine Frau, bleibt derweil zu Hause. Sie weiß nichts von den Gedanken ihres Mannes; alles, was sie sieht, ist, dass sie nun nicht nur ohne Kinder ist, sondern auch ihren Mann verloren hat. Ihre einzige Gefährtin zu dieser Zeit ist ihre Magd Judith – aber eine Stütze ist die ihr nicht, ganz im Gegenteil. Statt aufbauender Worte bekommt sie von ihr nur Spott zu hören: „Der Herr, Gott, hat deinen Schoß verschlossen, damit er keine Frucht gebe in Israel“ (Jakobusevangelium 2,3), sagt die Dienerin und wiederholt somit die Aussage Rubens mit anderen Worten: Gott wollte, dass du keine Kinder bekommst, und weil Gott nicht ohne Grund handelt, ist das sicher eine Strafe für irgendetwas, das du getan hast.
Anna ist allein, völlig isoliert. Diese Dynamik stellt Giotto di Bondone in seinem Gemälde zur Empfängnis Mariens dar: Wir sehen Anna, wie sie in einem kleinen, schmucklosen Raum kniet. Die Wände sind grau und spiegeln das bedrückende Gefühl wider, das Anna empfinden muss. Die Haushaltsgegenstände, die an der Wand hängen, sind unberührt. Sie ist also nicht nur von der Außenwelt, sondern auch von ihren alltäglichen Aufgaben ist sie abgeschnitten. Doch sie lässt sich von den Worten Judiths nicht beeindrucken. Sie kniet am Boden, betend und daran festhaltend, dass Gott auch für sie noch das Glück der Mutterschaft bereithalten wird: „Der Gott meiner Väter segne mich und höre mein Gebet, so wie du die Mutter Sara gesegnet hast und ihr einen Sohn, den Isaak, gegeben hast.“ (Jakobusevangelium 2,4)
Vor der Türe, auf der Veranda sitzt die Dienerin Judith. Sie spinnt gerade, ist also anders als Anna nicht eine Gefangene ihrer kreisenden Gedanken: Sie kann sich auf anderes konzentrieren, kann ihrem Handwerk und ihrer Arbeit nachgehen. Sie sitzt vor der Tür, scheint sie fast zu blockieren: Anna kann nicht den Raum ihrer Sorgen verlassen, ohne über die spottende Magd zu stolpern, deren skeptischer Blick auf die Tür gerichtet ist. Die spinnt doch, mag sie sich denken. Judith aber ist ahnungslos, dass in der finsteren Kammer, in der sich Anna eingeschlossen hat, gerade etwas Wunderbares geschieht.
Sie kann nicht den Raum ihrer Sorgen verlassen, ohne über die spöttelnde Magd zu stolpern.
Die einzige Öffnung zur Außenwelt, die nicht verschlossen ist, ist das Fenster. Aus eigener Kraft kann Anna es nicht erreichen: Zu weit oben ist es, außer Reichweite. Doch sie muss gar nicht hinaus, um eine neue Hoffnungsperspektive zu erhalten – die Hoffnung kommt zu ihr hinein. Ein Engel erscheint, der die erlösende Botschaft für sie bereithält: Nicht nur ist dein Mann wohlauf und kommt bald wieder, du bist sogar schwanger und wirst bald ein Kind gebären, das eine ganz unvorstellbare Rolle in Gottes Heilsplan einnehmen wird. Annas Gebete wurden erhört und es stellt sich die Frage: Wer spinnt tatsächlich: Anna, die nicht auf die oberflächlichen Zuschreibungen ihrer Mitmenschen gehört hat? Oder eher die anderen, die voreilige Schlüsse gezogen haben und meinten, Gott zu verstehen, obwohl sie in Wahrheit keine Ahnung haben?
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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