Hildergard von Bingen
Die Universalgelehrte

Der Mensch als Spiegelbild des 
Kosmos. Illustration zum „Liber divinorum operum“ („Buch der göttlichen Werke“) – der dritten Visionsschrift von Hildegard von Bingen. Das Werk bildet zusammen mit ihren Schriften „Scvias“ und dem „Liber vitae meritorum“ die sogenannte Visionstrilogie.
 | Foto: Wikimedia Commons
  • Der Mensch als Spiegelbild des
    Kosmos. Illustration zum „Liber divinorum operum“ („Buch der göttlichen Werke“) – der dritten Visionsschrift von Hildegard von Bingen. Das Werk bildet zusammen mit ihren Schriften „Scvias“ und dem „Liber vitae meritorum“ die sogenannte Visionstrilogie.
  • Foto: Wikimedia Commons
  • hochgeladen von Matthias Wunder

Hildegard von Bingen, derer die Kirche am 17. September gedenkt, war eine der ganz großen Persönlichkeiten des Hochmittelalters. Ihre Vorstellungen von Mensch und Welt sind bis heute bedeutsam und relevant.

Wer ihren Namen hört, denkt wahrscheinlich sofort an Kräutertees, Naturkosmetik und Klostermedizin, vermarktet unter dem Bild einer heilkundigen Nonne. Die Rede ist natürlich von Hildegard von Bingen, die als die Naturheilkundlerin schlechthin gilt. Auch wenn ihre medizinischen Forschungen und Errungenschaften nicht gering sind, so ist das längst nicht alles, was die große Universalgelehrte des Mittelalters hervorgebracht hat.
1098 als das zehnte Kind eines adligen Paares geboren, zeigten sich schon sehr früh zwei Dinge bei ihr, die sich durch ihr Leben wie ein roter Faden ziehen sollten: ihre Kränklichkeit und ihre Fähigkeit, Visionen zu empfangen. Im Alter von acht Jahren wurde sie der Inklusin Jutta von Sponheim als Oblatin übergeben. Ihre Lehrmeisterin unterwies sie in geistlicher Übung und im Gebet und zeigte ihr die ersten Schritte auf dem Weg zu seelischer Vervollkommnung.

Schnell wuchs die Klause zu einem Konvent heran, und nach dem Tod Juttas wurde Hildegard die Vorsteherin der Gemeinschaft. Sie gründete bald darauf ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Dort wurde sie schon bald von Menschen aller Schichten aufgesucht, um von ihr guten Rat oder ein Gebet zu erbitten. Sogar gekrönte Häupter waren an ihrer Meinung interessiert. Der römisch-deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa führte mit ihr einen regen Briefwechsel. Sie schreckte dabei auch vor deutlichen Worten nicht zurück. Als Barbarossa zum dritten Mal einen Gegenpapst aufstellen wollte, protestierte sie in einem Schreiben an den Kaiser und mahnte ihn, er solle aufpassen, „dass der höchste König ihn nicht irgendwann niederstreckt“.

Der Mensch ist als Mikrokosmos ein Spiegelbild des Makrokosmos.

Auch die Kleriker ihrer Zeit geißelte sie in öffentlichen Predigten mit harten Worten: „Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet.“ Aber auch sie selbst musste Kritik aushalten. Im Kloster auf dem Rupertsberg zogen die Nonnen untypischerweise zu großen Anlässen in weißen, prachtvollen Gewändern, mit reichem Schmuck und offenen Haaren in die Kirche ein. Das gefiel nicht jedem. Auf solche Kritik reagierte sie gelassen: Als eine Frau, die Keuschheit gelobt habe, verkörpere sie eine Form der himmlischen Schönheit, und die dürfe man auch sehen.

Was niemand in Zweifel zu ziehen schien, war ihr tiefgründiges Nachdenken über Gott, den Menschen und die Natur. Alles stehe in einem Zusammenhang; der Mensch sei als Mikrokosmos ein Spiegelbild des Makrokosmos. Dadurch haben die Dinge der Welt auch Auswirkungen auf den Menschen. Das ist einer der Gedanken, in denen ihre Heilkunde wurzelt. In ihren medizinischen Werken „Physica“ und „Causae et curae“ untersucht sie die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Krankheiten. Jede Kreatur, also alles Geschaffene, habe dabei eine Wirkung auf den Körper, weil eben alles, was es gibt, im Menschen gespiegelt wird. Der gemeinsame Bezugspunkt von Mensch und Welt aber ist Gott, der Schöpfer aller Dinge.

Sie selbst bezeichnete sich immer als ungebildete Frau. Dabei verkörpert sie wie kaum jemand den Idealtypus des Gelehrten: Neben Theologie und Philosophie betrieb sie außerdem Sprachwissenschaft, komponierte und dichtete. Zu ihren großen Verehrern in der heutigen Zeit gehörte Benedikt XVI., der sie 2012 zur Kirchenlehrerin erhob und so ihr Wirken würdigte. Ihr Ansehen reiche „weit über die Grenzen einer Epoche und einer Gesellschaft hinaus“, sagte er aus diesem Anlass. Wenn man also einen Hildegard-Kräutertee genießt, kann man sich an diese Worte Benedikts erinnern und daran denken, was hinter der kräuterkundigen Nonne auf der Verpackung steht: eine politisch aktive, mystisch begabte, hochgebildete und streitbare Frau, vor allem aber eine große Universalgelehrte.

Matthias Wunder

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ