Familie
Wenn die Kinder flügge werden
- Das Nest ist leer, der Jungvogel ist ausgeflogen. Das "Empty Nest Syndrom" beschreibt das Wechselbad der Gefühle, das Eltern durchleben.
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Wenn Kinder das Elternhaus verlassen, beginnt für viele Eltern eine neue und oft herausfordernde Lebensphase zwischen Loslassen, Veränderung und neuen Freiräumen.
Für viele Jahre sind sie der Mittelpunkt ihrer Eltern: die Kinder. Von Geburt an begleiten Eltern ihren Nachwuchs in den verschiedensten Lebensphasen. Doch irgendwann steht das Loslassen der Kinder bevor. Wenn das „Nest“ plötzlich leer ist, kann das für Freude und Erleichterung sorgen – oder vor unerwartete Herausforderungen stellen.
Ein Wechselbad der Gefühle
Frühstück herrichten, Wäsche waschen, Termine koordinieren, kochen oder zuhören und Trost spenden: Auch wenn die Kinder bereits größer sind, spielen die Eltern eine wichtige Rolle im Leben und Alltag des Kindes. Und dann steht der Moment bevor: Das Kind zieht aus. Plötzlich wird es stiller im Haus, Aufgaben fallen weg. Traurigkeit, Erleichterung, Unsicherheit und Freude wechseln einander ab. Dieses Wechselbad der Gefühle, das entstehen kann, wenn Kinder ausziehen und erwachsen werden, wird als „Empty Nest Syndrom“ beschrieben.
Auch Psychotherapeut Karl Eder, MSc, erlebt das in seiner Praxis in St. Pölten immer wieder: „Es zeigt sich häufig, dass Paare in jener Lebensphase Herausforderungen erleben, in der die Kinder zunehmend selbstständig werden oder das Elternhaus verlassen. Dieser Prozess beginnt oft nicht erst mit dem tatsächlichen Auszug, sondern bereits früher – etwa in der Pubertät, wenn sich Kinder stärker von den Eltern lösen und ihre Zeit lieber mit Freunden verbringen als im familiären Umfeld. Wenn die Kinder dann ausziehen, kann das ein intensiver emotionaler Einschnitt sein.“
Auch wenn viele Eltern diese Veränderungen zunächst nicht miteinander in Verbindung bringen, verschiebt sich über die Jahre etwas – sowohl in der Paarbeziehung als auch in der persönlichen Lebenssituation. Es entsteht ein Spannungsfeld: „Einerseits werden Kinder selbstständiger, andererseits fällt eine zentrale Aufgabe weg. Eltern müssen sich weniger kümmern, sind nicht mehr in allen Lebensbereichen so stark eingebunden. Gleichzeitig tauchen Fragen auf wie: Wie viel Raum darf ich mir selbst geben? Wo sehe ich mich jetzt in meiner Rolle als Mutter oder Vater? Und was ist eigentlich identitätsstiftend für mich?“
Das Empty Nest Syndrom ist keine Krankheit, sondern ein Veränderungsprozess.
Problematisch werde es vor allem dann, wenn sich die eigene Identität sehr stark auf die Elternrolle reduziert hat, fügt der Psychotherapeut hinzu. Wenn das „Mama-“ oder „Papa-Sein“ nahezu der einzige Lebensinhalt geworden ist, kann das Wegfallen dieser intensiven Aufgabe zu Leeregefühlen oder sogar depressiven Verstimmungen führen. Das Empty Nest Syndrom sei keine Krankheit, sondern ein Veränderungsprozess, der viele Facetten haben kann. Entscheidend ist die eigene Haltung: „Manche Eltern empfinden Stolz und Freude darüber, dass ihr Kind selbstständig geworden ist. Andere verspüren eher Unsicherheit oder Angst. Diese unterschiedlichen Reaktionen hängen stark mit persönlichen Erfahrungen, Werten und auch mit gesellschaftlichen Rollenbildern zusammen, die oft über Generationen weitergegeben werden“, sagt Eder.
Ein neuer Anfang ...
Wie aber kann man gut mit dieser veränderten Lebenssituation umgehen? Der Psychotherapeut nutzt hier die Metapher einer Fotokamera: Eltern können ihren Fokus stark auf das Kind richten – quasi „hineinzoomen“ – oder bewusst „herauszoomen“ und den Blick auf das gesamte Leben erweitern. Eigene Interessen, die Partnerschaft, Freundschaften oder persönliche Ziele sollten wieder mehr im Fokus stehen. Für Paare kann diese Phase eine Chance sein, sich wieder neu zu entdecken. Gerade wenn die Beziehung über Jahre stark auf die Kinder ausgerichtet war, rückt nun wieder die Partnerschaft in den Mittelpunkt. Es kann hilfreich sein, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, gemeinsame Interessen wiederzuentdecken und die Beziehung aktiv zu gestalten. Grundsätzlich gilt: „Es ist nie zu spät, neue Wege einzuschlagen, Interessen zu entwickeln oder Beziehungen zu vertiefen. Der Auszug der Kinder markiert nicht nur ein Ende, sondern auch einen neuen Anfang“, sagt Karl Eder. Daniela Rittmannsberger-Kampel
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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