20. März: Österreichs Pfarren wählen
„Kirche muss den Mut haben, Dinge auszuprobieren“

Unabhängiger Blick: Peter Filzmaier gehört weder einer Partei noch einer Religions­gemeinschaft an.
  • Unabhängiger Blick: Peter Filzmaier gehört weder einer Partei noch einer Religions­gemeinschaft an.
  • Foto: A&W
  • hochgeladen von Kooperation Kirchenzeitungen

Peter Filzmaier ist bekannt für seine Wahl­analysen. ­Gegenüber dem ­Magazin ­inpuncto spricht der ­Politologe und Demokratie­forscher über den Einfluss der katholischen Kirche ­sowie die Wahlbeteiligung bei der Pfarrgemeinde­ratswahl.

Interview: JOHANNES WOLF

Wie sehen Sie die gesellschaftspolitische Rolle der katholischen Kirche: Kann sie Einfluss auf Diskussionen wie beispielsweise über Spaltungen in unserer Gesellschaft und ein soziales Miteinander nehmen?
Gerade in der polarisierenden Situation wie jetzt in der Corona-Pandemie – mit der allzu leichtfertigen Verwendung des Begriffes Spaltung bin ich vorsichtig – muss man gerade jene erreichen, die einem fernstehen. Die Kirche muss jene, die womöglich jeder Religion fern sind, zu erreichen versuchen. Das ist schwierig: Denn die Kirche ist alt – wie sich schon bei den regelmäßigen Kirchgängern zeigt. Die Kirche müsste viel stärker an Jüngere herankommen. Aber sie soll, darf und muss sich selbstverständlich zu Wort melden. Die kritische Frage lautet nur: Wie erfolgreich kann sie damit sein? In einzelnen Bereichen kann sie sehr wohl etwas ausrichten. Gerade wie zuletzt, wenn es heißt, Lücken bei der dritten Impfung für ältere Menschen zu schließen. Da hat die Kirche die Chance, mehr Menschen zu erreichen als andere Organisationen.

Sind die vor gut 50 Jahren eingeführten Pfarrgemeinderäte ein Schritt zu Demokratie in der Kirche?
Es ist ein vergleichsweise kleiner und abgegrenzter Bereich der politischen Beteiligung, der für sich genommen noch keine demokratische Kirche begründet. Klein ist nicht die Zahl der 30.000 ­gewählten Gemeinderäte, jedoch die Bereiche, in denen sie Entscheidungskompetenz haben. Dazu kommt, dass rund ein Drittel des gesamten Pfarrgemeinderates nicht gewählt, sondern ernannt wird. Stellen sie sich einen politischen Gemeinderat vor, wo ein Drittel der Mitglieder ernannt und nicht gewählt würde. Und dann sehe ich noch einen Schwachpunkt: Die PGR-Wahl ist zwar entsprechend den selbstgegebenen Richtlinien formal korrekt und legal, aber bei einer Wahlbeteiligung von zuletzt knapp mehr als 20 Prozent sehe ich die demokratische Legitimität des Gremiums als sehr geschwächt an.

Um mehr Wählerzuspruch wird noch bis 20. März geworben.
Die niedrige Wahlbeteiligung ist das Symptom, die Schlüsselfrage ist die nach den Ursachen dafür. Nur kurz vor der Wahl zu werben ist einfach zu wenig. Ohne eine Studie kann ich die Ursachen auch nicht benennen. Es mögen allgemeine gesellschaftliche Ursachen wie etwa Demokratiemüdigkeit dahinterstecken. Diese kann die Kirche nicht alleine bekämpfen. Aber es gibt sicher auch hausgemachte Gründe. Österreich ist im internationalen Vergleich ein Land, wo das Engagement für Ehrenämter in der Gesellschaft – quer durch alle Bereiche, von der Musik bis zum Sport – überdurchschnittlich hoch ist. Deshalb sollte es nachdenklich stimmen, warum gerade die Beteiligung am passiven Wahlrecht für den Pfarrgemeinderat so niedrig ist.

Es braucht also eine Nichtwählerbefragung?
Ja, das wäre der spannendere und größere Teil. Die Nichtwählerbefragung muss nicht unmittelbar am Wahltag durchgeführt werden. So eine Befragung würde ich der Kirche empfehlen. Nämlich mit dem Ziel, über die Ergebnisse, auch wenn sie unangenehm sind, einen öffentlichen Diskussionsprozess zu starten. Nur Mut dazu! Vertreterinnen und Vertreter der Kirche, die sagen, ich will das wissen und öffentlich diskutieren, auch die Kritikpunkte, die sind persönlich unverdächtig, dass sie etwas unter den Teppich kehren oder schönreden wollen.

Könnte mehr Mitbestimmung und Partizipation die Kirche aus ­­ihrer Krise herausführen?
Ich glaube, es würde etwas bewirken. Man kann natürlich nicht gesamtgesellschaftliche Entwicklungen umdrehen, also dass Menschen generell weniger in Mitgliederorganisationen sind. Für die Kirche, die katholische wie die evangelische, ginge es vielmehr um eine Schadensbegrenzung. Laut durchaus seriösen Studien verlieren sie sonst in absehbarer Zeit ein weiteres Drittel an Mitgliedern. Da geht es nicht darum, irgendwas umzukehren und es wieder besser oder geschweige denn so, wie es früher einmal war, zu machen. Die Kirche muss den Mut haben, Dinge neu zu probieren.

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ