Ostersonntag | 5. April 2026
Meditation

Die drei Marien am Grab Jesu. Detail aus dem Gurker Fastentuch, Konrad v. Friesach, 1458; | Foto: Diözese Gurk / Ellersdorfer
  • Die drei Marien am Grab Jesu. Detail aus dem Gurker Fastentuch, Konrad v. Friesach, 1458;
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Flügel gegen Schwerkraft

Am Karfreitag musste der Leichnam Jesu eilig bestattet werden, weil mit dem Abend dieses Tages nach jüdischem Brauch schon die Ruhe des darauffolgenden Sabbats begann. Am Sabbat waren Begräbnisse nicht erlaubt.
Während das Johannesevangelium erzählt (Joh 19,38–41), dass der tote Leib des Herrn von Josef aus Arimathäa und Nikodemus mit wohlriechenden Salben geehrt und mit Leinenbinden umhüllt ins Grab gelegt wurde, kommt in den Evangelien des Markus und des Lukas die Überlieferung zur Sprache, die Salbung sei wegen der beim Begräbnis gebotenen Eile unterblieben. Und weiter wird erzählt, dass drei Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, zum Grab gingen, um dem Toten früh am Ostermorgen durch die Salbung seines Leichnams einen letzten Dienst frommer Liebe zu tun (Mk 16,1–8; Lk 24,1–12). Christlich inspirierte Kunst hat dieses Thema viele Male auf berührende Weise gestaltet.

„Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ (Mk 16,3) sagten die Frauen unterwegs zueinander. Ein schwerer Stein, mit welchem zur Zeit Jesu Gräber üblicherweise verschlossen wurden, war kaum durch die physische Kraft mehrerer Männer zu bewegen. Die Frage der Frauen bringt deren Überforderung durch eine solche Last zur Sprache. Sie wussten noch nicht, dass Gott selbst den Stein weggenommen hatte durch die Auferstehung seines Sohnes.

Lasten, schwer wie ein großer Stein, sind vielen Menschen auferlegt. Der Stein vor dem Grab Jesu wird ihnen in der Schau des christlichen Glaubens zum Symbol für das auf ihnen lastende Gewicht des Lebens. Für die Last der Traurigkeit aller Ungeliebten und Erfolglosen und mehr noch für die Last der Sünde und jenes Todes, der eine Gestalt von Sünde ist.

Gott hat den Stein vom Grab Christi weggenommen. Der Grabstein war nicht der Schlussstein über dem Leben und Sterben des Gottessohnes. Wer an die Auferstehung Christi glaubt, kann seine Lebenslast nicht einfach abwerfen, aber er trägt leichter als jene, die keine solche Hoffnung haben. Und manchmal hebt ihn die göttliche Gnade auf, gibt ihm Flügel gegen alle Schwerkraft.

Aus: Egon Kapellari,
Ein Fest gegen die Schwerkraft. Oster­betrachtungen, Styria Verlag, Graz 1993.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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