6. Sonntag im Jahreskreis | 15. Februar 2026
Meditation

Foto: pexels

Mehr als wir sehen

Gefühlt dauern die ersten beiden Monate des Jahres mindestens viermal so lange wie die restlichen. Silvester liegt kaum mehr als einen Monat zurück – und doch fühlt es sich an, als wäre es ewig her. Diese Wochen ziehen sich, wirken grau und schwer. Wir haben den sogenannten ‚Blue Monday‘ hinter uns – den Tag, der statistisch als der trübste des Jahres gilt –, aber noch scheint alles eingefroren zu sein.

In solchen Zeiten habe ich oft das Bild eines Muskels vor Augen. Ein Muskel wächst nicht in dem Moment, in dem man trainiert, sondern danach – in der Ruhe, in der Pause, im Schlaf.

Nach dem Laufen werfe ich oft einen Blick in den Spiegel – in der naiven Hoffnung, der Sport hätte mich schon sichtbar verwandelt. Doch mein knallroter Kopf belehrt mich jedes Mal: Wachstum braucht Zeit. Und während wir das Gefühl haben, es passiert nichts, arbeitet der Körper auf Hochtouren. Die kleinen Risse, die beim Training entstehen, werden repariert. Neue Fasern bilden sich. Kraft entsteht im Verborgenen. Nicht ohne unseren Beitrag. Der Same muss gesät werden. Wir müssen uns zum Trainieren wie zum Schlafen bewegen. Aber das eigentliche Wachsen, das Leben, das daraus entsteht — das bleibt Gottes Geschenk. Und oft geschieht es im Verborgenen, lange bevor wir etwas sehen.

Dieses Bild hilft mir in den noch kalten, dunklen Monaten des Jahres. Denn auch in der Natur geschieht jetzt viel, ohne dass wir es sehen. Unter dem gefrorenen Boden warten die Tulpenzwiebeln auf ihre Zeit. Sie sammeln Energie, bilden Wurzeln, bereiten sich vor. Die Tage werden langsam heller. Bäume wirken kahl und leblos, aber in ihren Knospen beginnt längst neues Leben.

Vielleicht möchten uns die scheinbar langweiligen Monate Vertrauen lehren. Vertrauen, dass es mehr gibt als das, was vor Augen ist. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz“ (vgl. 1 Sam 16,7). Gott sieht das, was wir nicht sehen können. Er sieht das Wachsen, das Reifen, das Werden — auch wenn es für uns noch verborgen bleibt. Also gebe ich nicht auf – und drehe weiter brav meine Laufrunden. Im Vertrauen darauf, dass da etwas wächst, lange bevor ich es sehe.

Maria Wilbrink

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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