Plädoyer für die Zukunft: Inerview mit Günther Zgubic
Es geht um Gottes Macht

Nicht menschliche Allmachtsphantasien, sondern das demütige Vertrauen in die Macht Gottes soll das Handeln der Kirche prägen. Dann können auch die Armen, Schwachen und Ohnmächtigen wachsen, ist Günther Zgubic überzeugt.
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Günther Zgubic, geboren in Pöls, wurde 1975 zum Priester geweiht. Er war viele Jahre in Brasilien tätig, als Pfarrer einer Basisgemeinde, dann als Gefängnisseelsorger in São Paulo, schließlich als Koordinator der Gefängnisseelsorge Brasiliens. Nach seiner Rückkehr in die Steiermark war er Caritas-Seelsorger. Seit 2019 lebt er im Kapuzinerkloster Irdning.

Viele beklagen heute, dass die Kirche schwächer wird, dass sie an gesellschaftlichem Einfluss verliert. Trifft das zu?
Das Evangelium hat mit den Armen und Schwachen zu tun. Auch ein Mensch, der materiell im Wohlstand lebt, erfährt Krisen, kommt an seinen Nullpunkt, wo er sich am Ende fühlt. Wenn er erlebt, dass er in seiner Schwäche bejaht ist, dass es Beistand gibt – und das universell von Christus her, nicht nur von einem Menschen –, dann geschieht eine Neugeburt. Dort, wo ich dieses Heilsame in meiner Schwäche erlebt habe, gelange ich zur Dankbarkeit und zur Danksagung.

Wo Menschen aus Dankbarkeit heraus leben, werden sie zu Zeugen. Als Kirche sind wir eine Gemeinschaft, wo Menschen Heilung, Erlösung und Befreiung erfahren. Wenn jemand in seiner Schwachheit oder Krise erlebt: Gott hat mir geholfen!, dann kann er auf einmal die Kraft Gottes preisen und bezeugen. Insofern liegt in unserer menschlichen Armut und Schwäche, wenn wir ein Notschrei sind, die Möglichkeit, sich zu öffnen. Entweder wir werden gewalttätig, verurteilen, sind mit nichts zufrieden, oder wir gestehen uns ein, dass wir Suchende, Bittende und von Christus her angenommene Menschen sind.

Wie haben sich die Menschen in den Gefängnissen Brasiliens gewünscht, dass ihnen die Kirche begegnet?
Erstens eine Kirche, die nicht kommt, um zu belehren und zu moralisieren. Gerade in diesen Gesellschaften wie in Brasilien ist die Kirche eine Hoffnung der Armen. Aber das ist verführerisch. Die Kleinen wollen immer einen großen Papa, der ihre Probleme löst. In der Politik begünstigt das Populisten, die große Verspechen machen. Aber die Armen wachsen nicht dabei. Das ist eine Verwechslung Gottes mit unseren menschlichen Allmachtsphantasien.

Wenn ich zu den Gefangenen gekommen bin, war mein geistlicher Ansatz immer: Ihr seid Söhne und Töchter Gottes. Ihr seid nicht der letzte Dreck. Jesus hat sich in eure Situation begeben, er wurde selbst gefoltert, war selbst ein Gefangener, der umgebracht wurde aus Lieblosigkeit. So konnten sie ihren Wert und ihre Würde als Kind Gottes erkennen, sie waren nicht nur irgendeine Nummer. Das war eine Widerstandsbewegung gegen die Entwürdigung, an der sie sich selber anhalten konnten. Von daher kommt die Erlösung der Welt.

Soll die Kirche Macht haben?
Sie soll sich in all ihren Beziehungen immer von der Geisteshaltung leiten lassen, eine demütige und gütige Dienerin Christi zu sein, der sein Blut für diese Würde des Menschen hingegeben hat und so gezeigt hat, dass das Erbarmen Gottes größer ist als unsere Fehler und Sünden. In der Eucharistie feiern wir, dass die Liebe Gottes sich als siegreich erweisen wird für jeden von uns, dort wo wir uns ihr öffnen und anvertrauen. Das ermöglicht ein neues Zusammenleben. Das Streben nach Macht ist immer eine Reaktion auf unsere Angst. Die Angst, selbst zu kurz zu kommen, bewirkt eine Entsolidarisierung.

Was hilft gegen diese Angst?
Wenn ich mich für Gefolterte einsetze und dieses System der Erniedrigung, diesen Apparat von Macht und Willkür störe, dann kann mir das auch ans Leben gehen. Wer bin dann ich mit meiner Angst? Da hat mich der Satz Jesu: „Das ist mein Leib, mein Blut für euch hingegeben“ herausgeholt aus meiner Angst. Das hat mich zur Identität meiner Christus-Beziehung zurückgebracht. Wenn ich das nicht leibhaftig tue, dass ich für euch da bin, selbst wenn sie mich erschlagen, dann habe ich meinen Glauben verraten, dann kann ich nicht mehr sagen: Gott ist die Liebe. Dann war alles nur leere Hülse und Lüge.

Da habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn die Angst nicht das letzte Wort über mich hat, dann ist auf einmal die Macht Gottes da. Und als ich das gesagt habe, war ich nur mehr Energie. Es ist mir im Gefängnis ein paarmal so gegangen, dass ich zuerst Angst hatte und mir dann gedacht habe: Warum hast du Angst? Sage die Wahrheit: „Ich komme im Namen Jesu Christi zu euch!“ Und auf einmal merke ich, dass die Hoffnung der Armen erfüllt wird, weil jemand zu ihnen kommt und sich auf ihre Seite stellt.

Natürlich wird man dabei auch ein Stück selber arm, wird mit verachtet, auch die Kirche wird mit verachtet. Das hat man bei uns auch in der Flüchtlingskrise erlebt. Das ist etwas, das man auf sich nehmen muss.

Was braucht die Kirche, damit sie – wie man heute oft hört – „systemrelevant“ ist?
Da gehört sicher das Prophetische dazu. Kirche ist prophetisch, wo ein System und das Bewusstsein der Menschen in Frage gestellt werden. Sind wir als Gemeinschaft Schenkende oder jammern wir, dass wir selbst zu kurz kommen? Dadurch entsteht auch Bewusstseinsbildung. Wenn wir aus der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes uns selbst annehmen können auch mit unseren Unvollkommenheiten, wenn wir nichts mehr abspalten, verurteilen oder verachten müssen in uns selbst, dann können wir auch dem anderen Mut geben, dass er mit seiner Misere eine Würde hat und angenommen ist. Das hat dann auch eine soziopolitische Wirkung, dass niemand ausgeschlossen werden muss, gerade wenn es um die Brösel am Kuchen geht, wenn arm gegen arm ausgespielt werden. Dann sind wir fähig, nicht abzuspalten, sondern die Ängste zu spüren und Zeugnis zu geben für eine Barmherzigkeit nach allen Seiten. Das ist die Macht der Kirche und auch die Chance in der gegenwärtigen Krise. Wenn wir von einem Erlösungsglauben geprägt sind, kann sich die Öffnung zu einem größeren Heil ereignen.

Ist eine arme Kirche auch eine schwache Kirche?

Im Gegenteil: Wenn unsere eigene Schwäche in Christus aufgefangen ist, kann sie zu einem Hoffnungspunkt für andere Menschen in ihren Begrenzungen werden. Das ist ganz etwas Elementares. Jede Pfarrgemeinde muss ihren Blick schärfen dafür, welche Nöte es gibt, und sich fragen: Wie können wir mit diesen Menschen sein, damit sie die Erfahrung von Freundschaft machen? Das Mit-Sein kommt vor dem Für-Sein. Es geht darum, das Leben zu teilen. Wir sind ein Leib in Christus. Selbst in der Armut zu teilen, ist eine Übung für die geistliche Armut. Wo das gelingt, wird die Macht Gottes spürbar.

Wie muss die Kirche aussehen, damit sie für Sie eine starke Kirche ist?
Für mich ist wichtig, dass Kirche zuerst keine Leistungsgesellschaft ist, sondern dass wir die Barmherzigkeit zu unserer Lebenskultur machen. Wenn wir uns angenommen wissen in unseren begrenzten Möglichkeiten, können wir dort, wo Not ist, aus Dankbarkeit die barmherzige Güte Gottes spürbar machen. Es geht um die Macht Gottes, nicht um unsere Macht. Wir können dieser Macht Gottes dienen.

Die Serie wird begleitet durch die Online-Kolumne „Mitten im Leben“, in der Menschen aus ihrem Alltag im Zusammenspiel mit der jeweiligen Frage berichten. – www.katholische-kirche-steiermark.at/mittenimleben

Nicht menschliche Allmachtsphantasien, sondern das demütige Vertrauen in die Macht Gottes soll das Handeln der Kirche prägen. Dann können auch die Armen, Schwachen und Ohnmächtigen wachsen, ist Günther Zgubic überzeugt.
Günther Zgubic
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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