Kultum
Zerbrechliches „Mittlerweile“

Foto: Johannes Rauchengerger
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Maaria Wirkkala setzt im KULTUM mit „NUN MEHR – MEANTIME“ der bedrohlichen Gegenwart eine tiefe Poesie entgegen.

Die balancierenden Tiere über dem Klosterhof der Minoriten im Jahr 2011 waren eine Metapher für Flüchtende – vier Jahre bevor die so genannte „Flüchtlingskrise“ diesen Kontinent in seiner Empathie zu verändern begann. Wohin ist dieser Kontinent nunmehr gekippt? Wohin der gesamte Globus? Den schwindelnden Abgrund zu erleben bleibt nunmehr niemandem erspart. Nunmehr ist alles anders.

Doch der Ausstellungstitel beharrt auf der Leerstelle: Nicht ein penetrantes „NUNMEHR“, sondern eine kühne Behauptung: NUN MEHR! Man mag das „Meer“ dabei hören. Mehr noch das existenziell unersättliche „Mehr“, das im Lateinischen das „Magis“ meint. Ein „Mehr“ ist schon die erste Stufe hinauf, die bei der Renovierung vergessen wurde. Maaria Wirkkala macht nunmehr einen klaren Anfang für dieses in diesem historischen Ort situierte Museum, das nach Spuren von Religion in der Kunst der Gegenwart sucht: Sie schlug vor, die erste Stufe mit einer massiven Eichenstufe zu ersetzen und die Höhe zur Trittfläche zu vergolden.

Ausgeführt hat es die gleiche Zimmerei, die bei „Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas“ vier zwölf Meter lange Leitern durch historische Dächer der Grazer Altstadt gesteckt hat. War es dort die Vertikale, ist es nunmehr die Horizontale, die die Künstlerin veredelt. Eine kleine Geste nur. „ASPIRATION“ („Beseelung“) lautet der Titel dieses Anfangs.

Dann aber geht es weiter mit betörenden Bildern über den Tod, das Abheben, das Licht, das Geführt-Werden, über den imaginären Aufstieg. Aber immer wieder die Ermahnung ans Zerbrechliche: Selbst die Ausstellungszellen tragen ein Pickerl mit der Aufschrift „zerbrechlich“. Sie dienen als eine Art von Lager mit verkohlten Kisten. Doch in ihnen ist das Kostbare par excellence: ein goldener Stuhl, ein goldener Ring, eine Glaskugel, ein kostbares Gefäß, in das Wasser (von der Decke) tropft, eine Glas-Leiter, aus der Stücke herausgebrochen sind. Am Ende aber sind es bedrohliche Spritzen, die diese Schönheit ins Existenzielle erden.

Johannes Rauchenberger

NUN MEHR!

Kurator Johannes Rauchenberger 
mit der Künstlerin Maaria Wirkkala
 | Foto: Tinni Wirkkala
  • Kurator Johannes Rauchenberger
    mit der Künstlerin Maaria Wirkkala
  • Foto: Tinni Wirkkala
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In der Ausstellung „Himmelschwer“ (Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas) verzauberte sie Graz mit ihren vier goldenen Leitern (u. a. über dem Landhaus und der Burg). Nach dem Umbau 2011 bestritt sie mit der Ausstellung „SHARING“ die erste Einzelausstellung in den damals neuen Räumen im KULTUM: die finnische Künstlerin Maaria Wirkkala.

Ein roter Luftballon, der zart ein kleines Zebra führt, das am Boden grast, empfängt die Besucherinnen und Besucher: „SO WHAT?“ („Na und?“) ist seine freche Frage zu Beginn.  | Foto: Johannes Rauchengerger
  • Ein roter Luftballon, der zart ein kleines Zebra führt, das am Boden grast, empfängt die Besucherinnen und Besucher: „SO WHAT?“ („Na und?“) ist seine freche Frage zu Beginn.
  • Foto: Johannes Rauchengerger
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In den damals neuen Lehmwänden hatte sie eine ständige Sammlung „freigelegt“: Die Bilder aus der Frührenaissance – Fragmente von Kunstkarten – befanden sich bis zur Ausstellung noch hinter der vernarbten Wand. Das war der Anfang der Museumsidee für Gegenwartskunst und Religion, die nun, mit der jüngsten Erweiterung zum 50. Geburtstag des KULTUM, Wirklichkeit wird.

Aus diesem Grund habe ich Maaria Wirkkala – bevor die Sammlung im steirischen herbst ab 27. September 2025 das erste Mal gezeigt wird – nunmehr erneut eingeladen und gebeten, die neu adaptierten und miteinander verbundenen Museumsräume mit einer großen Ausstellung zu bespielen: NUN MEHR – MEANTIME handelt von der Transzendierung von Zeit und Raum. Es setzt dieser bedrohlichen Gegenwart eine tiefe Poesie entgegen; die Schau verbindet unterschiedliche Weltanschauungen, ja Kontinente. Sie macht die Würde von Orten sichtbar und lässt uns dabei eine andere Gegenwart durch Kunst erahnen.

Eine Zisterne in Istanbul: Ein Paar roter Kinderstiefel steht im Wasser; es spiegelt sich wie der vergoldete Stuhl. Es sind die ersten Stiefel ihrer Tochter. An der Wand ist ihr Schatten zu sehen.  | Foto: Johannes Rauchengerger
  • Eine Zisterne in Istanbul: Ein Paar roter Kinderstiefel steht im Wasser; es spiegelt sich wie der vergoldete Stuhl. Es sind die ersten Stiefel ihrer Tochter. An der Wand ist ihr Schatten zu sehen.
  • Foto: Johannes Rauchengerger
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Kuratorenführungen
Führungen mit Kurator Johannes Rauchenberger:
SA 18. Mai 2025, 17 Uhr;
SA 21. Juni, SA 5. Juli, SA 19. Juli;
je 11.15 Uhr.
Führungsanmeldungen für Schulklassen und Gruppen: 0316/7111 33
Geöffnet DI–SA 11–17 Uhr, SO 15–18 Uhr.

KULTUM, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz
www.kultum.at/maaria-wirkkala

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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