Lokalaugenschein im Flüchtlingslager
Nicht mehr wegschauen

Das Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland – im Bild die Familienzelte – hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler Anfang Dezember besucht. Er wollte damit bewusst hinschauen „auf eine der größten humanitären Katastrophenschauplätze Europas“.
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  • Das Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland – im Bild die Familienzelte – hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler Anfang Dezember besucht. Er wollte damit bewusst hinschauen „auf eine der größten humanitären Katastrophenschauplätze Europas“.
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Auf Lokalaugenschein im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland war Bischof Hermann Glettler. Seine Eindrücke münden in einem Aufruf.

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat Anfang Dezember die griechische Insel Lesbos besucht und sich vor Ort ein Bild vom Elend der rund 9000 Flüchtlinge gemacht. Angesichts der erschütternden Situation appellierte der Bischof einmal mehr an die österreichische Bundesregierung, Flüchtlinge aus Lesbos aufzunehmen. Sein Besuch vor Ort sei kein politischer Aktivismus gewesen, „sondern ein bewusstes Hinschauen auf einen der größten humanitären Katastrophenschauplätze Europas“. Er wolle, wie auch viele andere engagierte Helfer, „beim Wegschauen und Verdrängen nicht mehr dabei sein“.

Die Wahrheit ist zumutbar
Schockiert haben ihn besonders die Bilder, die ihm ein Regentag während seines Aufenthaltes beschert hatte: „Rinnsale zwischen den Familienzelten, auf Stacheldrähte aufgehängte Wäsche…“, erzählt Bischof Glettler. Auf einem Video, das er in den sozialen Medien geteilt hat, ist Schlamm und Wasser zu sehen – Kartonstücke, die zur Isolierung dienen sollten, liegen durchgeweicht neben den Zelten.
Glettler wünscht sich „eine sachliche Kommunikation über die Situation der Aufnahmelager an den europäischen Außengrenzen“, denn „die Wahrheit ist der Bevölkerung zumutbar“. Weder ein „politisches Schönreden“ noch eine „aufgeschaukelte Empörungsrhetorik“ helfe weiter.

Der Winter als größte Bedrohung
An die 9000 Menschen befinden sich immer noch in Zeltlagern auf Lesbos, davon 7300 Personen im größten Lager Kara Tepe II, das nach dem Brand des Lagers Moria errichtet worden war. Aktuell würden viele Bemühungen laufen, die Infrastruktur des Lagers nachzubessern, so Glettler. Freilich: „Erst jetzt, drei Monate später, werden die ersten Duschen gebaut, 15 Stück! Warmwasser und Elektrizität werden jetzt erst eingeleitet. Die Leute müssen sich bisher in improvisierten Kabinen mit einem Kübel Kaltwasser duschen.“ Aktuell stehe der Winter als größte Bedrohung vor der Tür. „Es rächt sich, dass nicht rechtzeitig reagiert wurde – und dass große Lager nie eine Lösung des Problems sein können“, so Glettlers Befund.

Europaweit einheitliche Positionierung
Österreich sollte im konkreten Krisenfall Lesbos ein deutliches Zeichen setzen, forderte der Bischof: „Wir sollten uns rasch an der Aufnahme von Menschen beteiligen, die bereits einen positiven Asylbescheid haben.“ Die Länder an den EU-Außengrenzen bräuchten eindeutig mehr Solidarität von den anderen Mitgliedsländern. Und selbst nur eine Hundertschaft von Leuten aufzunehmen, wäre schon eine Hilfe und Erleichterung vor Ort. Nachsatz: „Weihnachten hätte dafür auch die nötige Symbolkraft.“
Der Zivilgesellschaft, darunter etwa auch Pfarrgemeinden, rät Glettler, mit Hilfsorganisationen zu kooperieren und sie so in ihrer Arbeit vor Ort zu unterstützen.
Zur Frage, welche Botschaft er für die heimischen Bischöfe aus Lesbos mitbringe, sagte Glettler: „Meinen Bischofskollegen schlage ich vor, dass wir uns europaweit für eine einheitliche Positionierung der katholischen Kirche aussprechen. Es kann nicht sein, dass sich Bischöfe gewisser Länder in die Geiselhaft einer nationalistischen Haltung ihrer Regierungen nehmen lassen.“

KATHPRESS / Katharina Grager

Das Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland – im Bild die Familienzelte – hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler Anfang Dezember besucht. Er wollte damit bewusst hinschauen „auf eine der größten humanitären Katastrophenschauplätze Europas“.
Mit der Grazer Aktivistin Doro Blancke verpackte Glettler Essensrationen für besonders vulnerable Gruppen im Lager.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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