Weltkirche
Mit Ruhe und Bedacht
- Das „Bad in der Menge“ scheint Papst Leo XIV. nach 100 Tagen im Amt (noch) nicht so eine Freude zu sein, wie es sein Vorgänger Papst Franziskus genossen hatte, beobachtet die Kathpress-Rom-Korrespondentin Severina Bartonitschek.
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100 Tage Papst Leo XIV. Ein Einblick von Kathpress-Rom-Korrespondentin Severina Bartonitschek.
Es ist ruhig geworden um den Vatikan. Nach anfänglicher Euphorie um den ersten US-amerikanischen Papst haben sich die Berichte über Leo XIV. in der internationalen Presse reduziert. Der gebürtige Chicagoer liefert für das eher kirchenferne Publikum schlicht keine Schlagzeilen. Bedacht liest er seine vorbereiteten Ansprachen ab, die seltenen Abweichungen sind nicht erwähnenswert. Er geht freundlich auf Menschen zu, seine Nahbarkeit wirkt authentisch, doch zugleich immer ein wenig distanziert. Ganz sicher angekommen scheint Leo nach 100 Tagen (16. August) noch nicht in seinem Amt.
Große Fußstapfen und Fettnäpfchen
Sein Vorgänger Franziskus hätte für jeden Nachfolger große Fußstapfen hinterlassen. Die Nähe zu Menschen war Lebenselixier des Argentiniers, ohne Berührungsängste ging er auf jeden und jede zu und begeisterte damit auch Nicht-Gläubige. Er verabscheute päpstliche Statussymbole und vermied weder Konflikte noch Fettnäpfchen, die immer wieder zu diplomatischen Erschütterungen führten.
Seine Sprache war direkt, die Inhalte meist spontan und mitunter zweideutig. Die vom vatikanischen Staatssekretariat sorgfältig vorbereiteten Ansprachen dienten Franziskus höchstens als Vorschlag, von dem er ein ums andere Mal abwich – oder am liebsten gleich den Journalisten seine Meinung ins Mikrofon sagte. Oft sorgte er damit für Schlagzeilen und eine erhebliche Reichweite in den Medien.
Sicherheit durch das Protokoll
Genau diese Schlagzeilen scheint Leo XIV. vermeiden zu wollen. Bis er seinen eigenen Umgang mit dem Amt gefunden hat, nutzt der neue Papst das strenge vatikanische Protokoll als Sicherungsleine, überlässt erfahrenen Redenschreibern den Umgang mit theologischen wie politischen Themen.
Inhaltlich, insbesondere was die Teilhabe aller Gläubigen an Entscheidungsprozessen in der katholischen Kirche angeht, ist Leo XIV. ganz auf Linie seines Vorgängers. So können derzeit alle katholischen Lager „ein Stückchen Papst“ für sich beanspruchen und wirken zufrieden. Ikonische Momente, die ganze Pontifikate prägten, wie Franziskusʼ offene Kirche für „alle, alle, alle“ fehlen noch in Leos Portfolio.
Doch ist auch der neue Papst den Menschen zugewandt und für Scherze zu haben. Aber auf Tuchfühlung geht er ungern, verzichtet aus diesem Grund wohl weitestgehend auf Selfies. Deutlich gelöster als in einer Umarmung wirkt er bei den zahlreichen Fahrten im Papamobil, bei denen er viele Menschen gleichzeitig begrüßen kann und für jeweils nur einen kurzen Moment in deren Rampenlicht steht.
In der Kennenlern-Phase
Der Papst und die Menschen befinden sich noch in der Kennenlernphase. Mögliche Schwerpunkte des Pontifikats lassen sich nur vermuten. Zudem gab Leo XIV. bislang keine Interviews, die Rückschlüsse auf sein Denken zuließen. An seinem ersten Grundsatzschreiben, einer Enzyklika, soll der neue Papst bereits arbeiten.
Derzeit führt er viele Gespräche mit seinen – vorerst bestätigten – Behördenleitern und scheint seine Entscheidungen in aller Ruhe und vor allem mit Bedacht treffen zu wollen. Die durch Franziskus mitunter erschütterte Kirche soll und will er wieder zu mehr Einigkeit führen. Zugleich müssen die von seinem Vorgänger angestoßenen Reformen entschlossen umgesetzt werden. Bei alldem darf das neue Kirchenoberhaupt die Welt außerhalb der „katholischen Blase“ nicht aus dem Blick und die Stimme der Kirche nicht an zu viel Reichweite verlieren. Ob das gelingt, wird sich zeigen.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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