Vor den Vorhang
Je spiritueller desto solidarischer
- Die Selbstverpflichtung der Weizer Pfingstvision in zehn Punkten unterschrieb Kardinal König (l. Bild l.) 1995 als Erster, berichtet Fery Berger (l. Bild, r.).
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Nach 36 Jahren findet heuer in Weiz das letzte Mal das Pfingstereignis statt. Mitinitiator Fery Berger erinnert sich.
Was 1988 aus einer tiefen spirituellen Erfahrung von zwölf jungen Weizerinnen und Weizern entstand und im Jahr darauf begann, findet heuer, nach 36 Jahren, ein Ende: Das Weizer Pfingstereignis findet 2025 zum letzten Mal statt. Doch die Weizer Pfingstvision geht weiter – denn die Vision lebt. Und es gibt genug zu tun, ist Mitinitiator Ferdinand „Fery“ Berger überzeugt.
Wo liegen die Anfänge des Weizer Pfingstereignisses?
Fery Berger: Die jährlichen Treffen zu Pfingsten in Weiz starteten zuerst als Jugendtreffen. Dazu muss ich etwas weiter zurückgehen: Während meines Theologiestudiums verbrachte ich ein prägendes Semester in Indien. Daraus entstand bei mir die Frage, wie man Jugendliche bei uns für Spiritualität und politisches Engagement begeistern könne. Nach meinem Studium bin ich zum damaligen Generalvikar Leopold Städtler gegangen und habe ihm gesagt, dass ich etwas Neues machen möchte: Nicht Pastoralassistent werden, wie damals üblich, sondern Jugendleiter in einer Pfarre. Er war einverstanden, und so startete ich 1987 als Jugendleiter in Weiz.
Wir haben bei null begonnen. 1988 zu Ostern organisierte ich für zwölf Leute Meditationstage im damaligen Bildungshaus Johnsdorf in der Südoststeiermark. Das war für uns alle eine intensive Glaubenserfahrung. Dort entstand die Idee, ein Musical über Martin Luther King zu schreiben. 1989 zu Pfingsten haben wir es im Franziskus-Steinbruch in Anger aufgeführt. Pfarrer Hans Schrei, damals Jugendseelsorger, hatte den Einfall, ein steirisches Jugendtreffen daraus zu machen. Das war der Beginn der Weizer Pfingsttreffen, damals mit 1000 Jugendlichen.
Was war das Prägende an deinem Indien-Aufenthalt?
Berger: Ich war dort in einem christlichen Ashram, das ist ein klosterähnliches Meditationszentrum, wo ich tiefe spirituelle Erfahrungen machte. Gleichzeitig habe ich große Armut gesehen. Vor 40 Jahren war das in Indien noch extrem. Diese beiden Facetten haben mich und meine Spiritualität geprägt. Das schlägt sich auch im Leitwort der Weizer Pfingstvision nieder: Je spiritueller, desto solidarischer. Das eine geht für mich nicht ohne das andere!
Warum war Martin Luther King die Leitfigur für euer erstes Musical?
Berger: Wir bewunderten sein Engagement für den Frieden und seine weltberühmte Rede „I have a dream“ – „Ich habe einen Traum“. Nach diesem Vorbild formulierten wir als Höhepunkt des Musicals unsere Vision von Kirche: „Wir haben einen Traum von einem neuen Aufbruch in unserer Kirche. Wir haben einen Traum von Menschen, die Gott erfahren und Gemeinschaften bilden. Wir haben einen Traum von Christinnen und Christen, die das Dunkel in der Welt licht machen und die Botschaft von der Befreiung verwirklichen.“
Die 1990er-Jahre waren in Österreich – Stichwort Causa Groer – kirchlich eine schwierige Zeit. Eure Pfingstvision ist damals entstanden – wie das?
Die Turbulenzen der österreichischen Kirche haben uns nicht unberührt gelassen. Das Kirchenvolksbegehren, das 1995 kam, stellte Forderungen an die Hierarchie, von denen man jetzt, nach 30 Jahren sagen kann, dass der Großteil ungehört verklungen ist. Wir entschieden uns, an der Basis anzufangen und auf Selbstwirksamkeit zu setzen. Wir formulierten Selbstverpflichtungen. In den zehn Punkten geht es um Spiritualität, Engagement für Benachteiligte, Bewahrung der Schöpfung, Offenheit, Dialogbereitschaft, eine gute Konfliktkultur und mehr. Kardinal Franz König unterschrieb sie als Erster. Und auch Bischof Johann Weber.
Im Blick auf die letzten 30 Jahre und euer Engagement könnte man sagen, die Rechnung ist aufgegangen. Aus euren Initiativen sind drei Vereine entstanden, die noch immer tätig sind. Wie kam das?
Berger: Solche Dinge kann man im Vorhinein nicht planen, die ergeben sich. Am Beginn meiner Tätigkeit als Jugendleiter habe ich Meditationstage bzw. spirituelle Reisen nach Assisi angeboten und politische Arbeitskreise. In einem dieser Arbeitskreise wollten sich fünf Leute für Behinderte engagieren – darunter ein Rollstuhlfahrer. Zur gleichen Zeit gab es einen Firmling in der Pfarre, der auch im Rollstuhl saß. Für sie, Christina, hat die Gruppe einen Arbeitsplatz gesucht. Aus dieser kleinen „Zelle“ entstand der Verein Christina lebt, der sich heute als große, professionelle Sozialeinrichtung der mobilen Betreuung und Integration von Menschen mit Behinderung annimmt.
- Beim heurigen letzten Weizer Pfingstereignis wird Paul M. Zulehner (r. Bild), ein prägender Wegbegleiter der Pfingstvision, predigen.
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Was braucht es, dass solche Initiativen Bestand haben?
Berger: Also zuallererst sollten sie geistgeleitet sein. Das ist der Hauptpunkt. Die Vision muss stimmen und die Notwendigkeit da sein. Bevor man etwas startet, schaut man in die Welt und fragt, wo es drückt, wo es Menschen gibt, die etwas benötigen. Dann braucht es noch die richtigen Leute, die etwas aufbauen und tragen.
Eine große Solidaritätsaktion habt ihr auch 2015 gestartet, als viele Geflüchtete aus Syrien und dem Nahen Osten bei uns ankamen. Hattet ihr auch mit Gegenwind zu kämpfen?
Berger: Je größer unsere Projekte wurden, desto größer waren auch die Widerstände. Am Anfang erlebten wir eine große Welle der Solidarität in ganz Weiz. Doch es kam auch zu Auseinandersetzungen – konkret mit der FPÖ. Wir haben das Gespräch gesucht. Der Gegenwind hat uns nicht gestoppt, sondern stärker solidarisiert.
Euer Pfingsttreffen findet nach 36 Jahren das letzte Mal statt. Was macht das mit dir?
Berger: Ich bin kein nostalgischer Typ, der zurückschaut und etwas verherrlicht. Es wird natürlich Menschen geben, denen die Veranstaltungen rund um Pfingsten abgehen werden. Aber es kommen andere, neue Projekte. Die Vision lebt weiter. Und in der aktuellen Weltsituation gehen einem die Ideen eh nicht aus.
Ja, was kommen dir da für Ideen?
Berger: Ganz konkret startet gerade ein neues Projekt. Wir kooperieren mit der großen ukrainischen Organisation Voices of children und laden Mütter mit ihren Kindern aus Kriegsgebieten der Ukraine zu 14-tägigen, psychologisch betreuten Erholungszeiten nach Weiz ein. Im Juni kommen die ersten.
Was bedeutet Pfingsten für dich?
Berger: Ganz einfach ausgedrückt und ins Heute hinein formuliert heißt Pfingsten für mich: sich vom Geist Gottes inspirieren lassen. Wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen einander verstehen, sich von einem positiven Geist inspirieren lassen, dann ist viel möglich. Pfingsten ist ein globales Friedensprojekt.
Interview: Katharina Grager
Ferdinand „Fery“ Berger ist Pastoralreferent im SR Weiz, Mitinitiator, Leiter und Koordinator der Weizer Pfingstvision und u. a. Mitgründer der Bewegung WAY of HOPE. Auch einen Papst-Franziskus-Pilgerweg von Graz nach Weiz initiierte er. Näheres: wayofhope.at – pfingstvision.at – pilgerzentrum.info
Letztes Weizer Pfingstereignis: Pfingstgottesdienst: 8. Juni, 10.30 Uhr, Basilika am Weizberg, Predigt: Paul M. Zulehner zum Thema „Auf zu einem Neuen Morgen“. Musik: fine.art.musik.
Live-Übertragung des Gottesdienstes auf youtube.com/pfingstvision
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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