„Kirche in Not“
Chaos & Not ein Jahr danach

Tauben fliegen über die zerstörten Container im Hafen von Beirut im Libanon, Juli 2021. Seit der verheerenden Explosion vor einem Jahr ist die Lage im ganzen Land noch schlimmer geworden.
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Nach der Explosion im Hafen von Beirut am 4. August des Vorjahres ist die Lage im Libanon schlimmer denn je. Die Regierung will weder untersuchen noch helfen.

Dienstag, 4. August 2020, 18.07 Uhr. In Ordnung ist die Welt in Beirut schon lange nicht mehr. Doch die nächsten Sekunden werden das Gesicht des einstigen „Paris des Nahen Ostens“ dramatisch verändern. Eine Explosion wird die Stadt aus den Fugen reißen und mehr als 200 Menschen töten. Ein Jahr später steht die Aufklärung der Katastrophe nach wie vor am Anfang. Das Land trudelt ungebremst ins Chaos.

„Die verheerende Explosion im Hafen war symbolisch für alles, was im Libanon falsch gelaufen ist“, sagt der Präsident der Evangelischen Nationalkirche von Beirut, Habib Badr. Seither habe sich die Stadt „nicht wirklich erholt“, so der 70-jährige Pastor. „Libanon und Beirut sind in viele Teile zerbrochen. Sie als funktionierendes Land und Nation wieder aufzubauen, scheint immer weniger wahrscheinlich mit jedem Tag, der vergeht.“

Lange Liste der Probleme. Firas Lutfi teilt Badrs Einschätzung. „Die allgemeine Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag“, sagt der regionalverantwortliche Franziskanerpater. Die Liste der Probleme ist lang: Die Währung hat dramatisch an Wert verloren; immer seltener gibt es Strom. Es fehlt an Trinkwasser, viele Medikamente sind in den Apotheken nicht mehr erhältlich. Wer tanken will, muss sich auf stundenlange Wartezeiten einstellen.
Im Volk wachsen Wut und Frustration, sagen Badr und Lutfi. Es drohen „soziale Brüche, die den Libanon zu einem unbändigen, gescheiterten Staat machen könnten“, so Badr. Zu all dem hinzu kommen die Corona-Pandemie und eine Auswanderungswelle. Im Libanon habe es eine gut ausgebildete Mittelschicht gegeben, die „gerade verschwindet“, erklärt der Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Beirut, Kristof Kleemann.

Galoppierende Geldentwertung. In ihren Gemeinden haben beide Kirchenmänner alle Hände voll zu tun, den unter der anhaltenden Krise leidenden Menschen zu helfen. Ein Problem: Es wird immer mehr Geld benötigt, um der gleichen Zahl von Menschen helfen zu können. Badr: „Vor fünf Monaten konnte man mit 50.000 Pfund etwas kaufen, heute ist die Summe quasi nichts mehr wert.“
Die Katastrophe vom 4. August hat zu Solidarität geführt. Der libanesische Staat glänzt aber in alldem durch Abwesenheit. Fehlendes Geld, fehlende Organisationskraft und ein im Aufbau von Infrastruktur traditionell schwacher Staat macht Kleemann als einen Grund aus. „Jahre der Korruption, aufeinanderfolgende dysfunktionale Regierungen, tief verwurzelte sektiererische Haltungen“ kommen laut Badr hinzu, „verschärft durch die Entwicklungen in den umliegenden Ländern“.

Krisenfeste Regierung fehlt. Eine Regierung, die sich der enormen Herausforderung stellen könnte, fehlt. Mitte Juli trat der designierte Regierungschef Saad Hariri nach neun Monaten gescheitertem Versuch einer Regierungsbildung erneut zurück. Dabei „bräuchte es dringend eine Regierung, wenn das Land größere internationale Hilfen erhalten möchte“.
Als symptomatisch für eine „Kultur der Straflosigkeit“, die Beamte im Libanon seit langem genießen, bewertet „Human Rights Watch“ die Tatsache, dass mit einer Aufklärung der Explosion bisher nicht ernsthaft begonnen wurde. Sie ist eine von 53 Organisationen, die Mitte Juni eine unabhängige internationale Untersuchung des UN-Menschenrechtsrats forderte. Für eine innerlibanesische Aufklärung der Katastrophe fehlt schlicht das politische Interesse.

Andrea Krogmann

„Kirche in Not“ hilft
Das Hilfswerk „Kirche in Not“ hilft im Libanon humanitär und unterstützt die Bevölkerung in der schrecklichen Situation. Spenden an www.kircheinnot.at oder IBAN AT71 2011 1827 6701 0600.

Tauben fliegen über die zerstörten Container im Hafen von Beirut im Libanon, Juli 2021. Seit der verheerenden Explosion vor einem Jahr ist die Lage im ganzen Land noch schlimmer geworden.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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