Glaube
Wo aber Gefahr ist …

Sonnenuntergang. Dennoch keine Untergangsstimmung. Der Herr bleibt bei uns, wenn es Abend wird. Und wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.
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… wächst das Rettende auch.
Ein Wort des im März vor 250 Jahren geborenen Dichters Friedrich Hölderlin
interpretiert Bischof Egon Kapellari.

Die Patmos-Hymne, eines der bekanntesten Gedichte Friedrich Hölderlins, beginnt mit den Worten „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“ und fügt dann die Tröstung hinzu: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Dass Gott nahe ist, war im Jahr 1802, als dieses Gedicht entstand, für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich. Hölderlin empfand seine Epoche als dürftige Zeit, weil das Göttliche aus ihr zu entschwinden drohte, ja als schon entschwunden empfunden wurde.
… aber weh!
es wandelt sich in Nacht
es wohnt wie im Orkus
ohne Göttliches unser Geschlecht …
sagt der Dichter an anderer Stelle im Gedicht „Der Archipelagus“. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“ – die Quellen des biblischen Glaubens bekunden dies ebenfalls. Gott ist unverfügbar für den eigenmächtigen Zugriff von Menschen, aber er ist immer nahe.
Nicht Gott entfernt sich vom Menschen, sondern der Mensch kann ihn vergessen, verleugnen. Das Leben geht dann für viele anscheinend so weiter wie bisher. Fast alle Räder drehen sich noch. Geschäftigkeit und vordergründiger Erfolg sind nicht in Frage gestellt. Aber der innerste Funke ist erloschen.
Auch die Gegenwart Europas ist nach den Maßstäben Hölderlins gewiss eine dürftige Zeit. Viele leben so, als gäbe es Gott nicht, und der Preis dafür, ein neuer Nihilismus, ist weithin noch nicht ansichtig geworden.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Das ist ein Wort der Hoffnung gegen alle Prognostiker, die eine globale Katastrophe erwarten. Dieses Wort ist in christlichem Verständnis freilich kein bequemes Ruhekissen, sondern eine Einladung, sich in den Dienst wendender Kräfte zu stellen. In den Dienst des nahen Gottes.
Suchende begegnen immer wieder Spuren und Stimmen, in denen er sich vernehmen lässt. Wer dafür offene Sinne hat, der lässt göttlichen Glanz und Frieden in seinen Alltag ein.
* * *
Friedrich Hölderlin. Geboren 1770 in Lauffen am Neckar. Studium im Tübinger Stift zum Teil gemeinsam mit Hegel und Schelling. Ab 1807 als psychisch Kranker im Tübinger Hölderin-Turm in der Obhut des Schreiners Zimmer. 1843 ist Hölderlin dort gestorben.
Keiner von den deutschen Dichtern des 18. und 19. Jahrhunderts hat es vermocht, die Grenze der Sprache so weit in das Land des noch nicht Gesagten hinein zu verschieben wie Friedrich Hölderlin. Vielleicht hat auch keiner von ihnen so viel gelitten wie er.
Der Nachkomme einer schwäbischen evangelischen Pfarrerdynastie hatte seine geistige Heimat vor allem in der griechischen Antike. Nach dem Studium der Theologie stand er dem Leben seiner Kirche eher fern. Was er aber auch dann noch über Jesus Christus zu sagen vermochte, muss selbst Christen im Herzen der Kirche tief berühren.

aus: Egon Kapellari,
Aber Bleibendes stiften die Dichter, Styria

Verschlossene Türen
Der Auferstandene klopft leise an, um uns seine Freude zu bringen.

Hinter verschlossenen Türen versammelten sich die Jünger im Jerusalemer Abendmahlsaal aus Furcht vor jenen draußen vor der Tür, die Jesus in den Tod getrieben hatten. Sie hatten Sehnsucht nach ihm, der ihre Mitte gewesen war, und glaubten, diese Mitte sei nun für immer verloren. Die Evangelien des Lukas und des Johannes berichten, dass Jesus plötzlich in ihre Mitte trat und ihnen die Furcht nahm mit den Worten: „Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36; Joh 20,19.26)
In der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testamentes, ist von Christen und ihren Gemeinden die Rede, die wieder ihre Türen verschlossen haben. Diesmal nicht aus Angst vor den Gegnern draußen, sondern aus einer Lauheit, die sie hindert, sich zu Christus hin zu öffnen, auf ihn zu warten wie die „klugen Jungfrauen“.
Christus lässt der Gemeinde von Laodizea durch den Seher von Patmos sagen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,20).
Christus klopft damals wie heute leise an. Die Zeichen seiner Gegenwart sind leicht überhörbar, übersehbar. Wer aber öffnet, der erlebt etwas von der Freude der Jünger, als „sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20).
Aus: Egon Kapellari, Ein Fest gegen die Schwerkraft, Styria

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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