SOKO Jordan - Biblische Kriminalgeschichten
Gott auf der Anklagebank
- Ein Untersuchungsausschuss beleuchtet die dunkle Seite Gottes. Die Exodus-Lesung in der Osternacht irritiert viele Gläubige. Wie kann ein liebender Gott hunderte Krieger und Pferde ertränken? Ein Plädoyer: Vielleicht zeigt die Geschichte, dass Gewalt und Tyrannei untergehen müssen, um Freiheit zu möglichen.
- Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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Sabotage und Massenmord in Ägypten zeigen Gottes dunkle Seite.
Im Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ setzt die Autorin Ingeborg Bachmann Gott auf die Anklagebank. Er habe, so heißt es, eine junge Frau in den Tod geschickt.
- Ein Untersuchungsausschuss beleuchtet die dunkle Seite Gottes. Die Exodus-Lesung in der Osternacht irritiert viele Gläubige. Wie kann ein liebender Gott hunderte Krieger und Pferde ertränken? Ein Plädoyer: Vielleicht zeigt die Geschichte, dass Gewalt und Tyrannei untergehen müssen, um Freiheit zu möglichen.
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Wechseln wir in die Bibel, genauer: ins Buch Exodus, Kapitel 14. Hier können wir Gott zusehen, wie er zahlreiche Ägypter dem Tod ausliefert. „Sechshundert auserlesene Streitwagen … und alle anderen Streitwagen der Ägypter mit Vorkämpfern auf jedem von ihnen“ (Ex 14,7) sollen involviert gewesen sein. Klar ist, dass es kein Unfall war: Gott hat eindeutig vorsätzlich gehandelt. Vom Gemecker der Israeliten angestachelt, spricht der Herr: „Die Ägypter sollen erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich am Pharao, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweise“ (Ex 14,18).
Der Tathergang lässt sich einwandfrei rekonstruieren: Zunächst wendet Gott psychologische Kriegsführung an, indem er erst das Herz des Pharao und dann die Herzen der anderen Ägypter verhärtet, so dass sie dem Volk Israel blind vor Wut nachjagen (müssen?). Auch von Verwirrung ist wenig später die Rede. Anschließend setzt der Herr auf Sabotage: Erst mal wird den kampfeslustigen ägyptischen Kriegern die Sicht vernebelt, während das Volk Israel auf seinem Weg von einem Komplizen Gottes, einem Engel, Unterstützung bekommt.
Doch damit nicht genug: Bevor Gott auch noch die Räder der ägyptischen Streitwagen hemmt – Sabotageakt Nummer zwei! – werden wir Zeuginnen und Zeugen einer mächtigen biologischen Waffe. Das Meer selbst wird vom Allmächtigen instrumentalisiert, indem er es austrocknen und sein Volk hindurch marschieren lässt. Man darf froh sein, dass sich dieses besonders für Ausflugsschifffahrtsunternehmen geschäftsschädigende Verfahren nicht durchgesetzt hat. Die Israeliten jedenfalls kamen zu Fuß durchs Meer und staunten darüber vermutlich nicht schlecht. Als sich die feindliche Streitmacht zu Ähnlichem anschickte, ließ Gott das Meer zurückfluten, wobei alle Ägypter in den Wassermassen ertranken. „Nicht ein Einziger von ihnen blieb übrig“ (Ex 14,28). Ein kaltblütiger Massenmord, ist man versucht zu sagen.
Am Ende des eingangs erwähnten Bachmann-Hörspiels wird der gute Gott von Manhattan in die Freiheit entlassen, während die Anklage bestehen bleibt. Vielleicht sind es gerade Bibelstellen wie diese, die uns daran erinnern, dass wir Gott nicht „in der Hand haben“, ihn nicht restlos verstehen und erklären können. Auch die Bibel spricht in unterschiedlichen Bildern von ihm. Am deutlichsten ist Gottes Wesen für uns in Jesus Christus sichtbar geworden. Der Gott Jesu ist ein Gott, der bedingungslos für den Menschen einsteht, über den Tod hinaus. Die grenzenlose Liebe Gottes ist, mehr noch als die Frage nach seinen „dunklen Seiten“ im Alten Testament, das eigentliche Rätsel und Hoffnungsbotschaft zugleich.
Josef Promitzer
Aktenvermerk
Dürftige Beweislage: Angesichts der Überlieferung ägyptischer Quellen ist an ein Meerwunder mit Hunderttausenden von Israeliten (vgl. Ex 12,37) nicht zu denken. Der Tod eines Pharaos in einem solchen Zusammenhang ist gänzlich unwahrscheinlich. Man darf nicht erwarten, jemals archäologischen, geologischen oder meteorologischen Fakten auf die Spur zu kommen, die das Ereignis als historisch ausweisen.
Ramses II.: Dritter Pharao der 19. Dynastie des Neuen Reichs +++ regierte von 1279 bis 1213 v. Chr. +++ einer der bedeutendsten Herrscher des Alten Ägyptens +++ zahlreiche Baudenkmäler sind heute noch erhalten, z. B. die Tempel von Abu Simbel, Luxor und Karnak +++ im Tal der Könige beigesetzt +++ unsicher, ob zu seiner Regentschaft der Exodus stattgefunden hat.
Mose: Wichtigste Gestalt des Pentateuch, auch „Fünf Bücher Mose“ genannt +++ stammt aus dem in Ägypten versklavten Volk der Hebräer +++ nach seiner Geburt am Nil ausgesetzt und am Hof des Pharaos aufgewachsen +++ am Dornbusch von Gott berufen, um sein Volk zu befreien +++ bringt 10 Gebote.
Mirjam: Listige Schwester des Mose +++ tanzt nach dem Durchzug durchs Schilfmeer und stimmt Freudengesang an +++ wird als Prophetin geehrt.
Quellenlage:
Buch Exodus 13,17 – 15,2
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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