Soko Jordan
Der Spion, der mich liebte

Alle Zutaten zu einem actiongeladenen, knisternden Agenten­thriller á la James Bond bietet die Geschichte Rahabs im Buch Josua. Sie erzählt von der Ankunft der Israeliten im Gelobten Land nach ihrer 40-jährigen Wüstenwanderung. Die Eroberung des Landes westlich des Jordan wird zum Urmythos eines jahrtausendelangen Konfliktes. | Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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  • Alle Zutaten zu einem actiongeladenen, knisternden Agenten­thriller á la James Bond bietet die Geschichte Rahabs im Buch Josua. Sie erzählt von der Ankunft der Israeliten im Gelobten Land nach ihrer 40-jährigen Wüstenwanderung. Die Eroberung des Landes westlich des Jordan wird zum Urmythos eines jahrtausendelangen Konfliktes.
  • Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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Folge 6: Rahab und die Kundschafter in Jericho

Eine delikate Spionage-Affäre ging der Eroberung Jerichos voraus.

Das erste Opfer eines Krieges, sagt man, ist die Wahrheit. Jede Konfliktpartei entwickelt ihr eigenes Narrativ und benennt Sachverhalte oder Akteure so, wie es der eigenen Erzählung dienlich ist. Was für die einen ein Angriffskrieg auf einen souveränen Staat ist, will der andere als militärische Spezialoperation verkaufen. Was ist Information und was Propaganda? Ist jemand Diplomat oder Spion? Es gibt alternative Fakten, die angeblich alternativlose Maßnahmen erfordern. Hinter der harmlosen Bezeichnung „Siedler“ können sich paramilitärische Landbesetzer verstecken. Zusagen und Vereinbarungen sind da, um gebrochen zu werden.

Ein solcher kreativer Umgang mit Begrifflichkeiten findet sich schon in der Bibel. Etwa im alttestamentlichen Buch Josua, wo von der Eroberung der Stadt Jericho erzählt wird – natürlich aus subjektiver Perspektive der Israeliten. Die Einheitsübersetzung betitelt das erste Kapitel mit den Worten: „Befehl zur Einnahme des Westjordanlandes“. Darin schwingt schon mit, dass die folgende Geschichte gleichsam zum Gründungsmythos eines tragischen Konfliktes wurde, der bis zum heutigen Tag fortdauert.

Er liest sich wie die Chronik eines unheilvollen Trugschlusses. Gottes Versprechen an Josua, seinem Volk Lebensraum zu geben, wurde als Freibrief für die gewaltsame Aneignung von Territorium betrachtet. Dabei wurde das gar nicht so Kleingedruckte in dieser Zusage übersehen: „… achte genau darauf, dass du ganz nach der Weisung handelst, die mein Knecht Mose dir gegeben hat!“ (Jos 1,7) Nicht Militärgewalt führt ans Ziel, sondern die Gebote Gottes und das Vertrauen in seine Verheißung. Die Einnahme Jerichos gelingt durch geduldiges Umkreisen mit der Bundeslade.

Zuvor werden zwei „Kundschafter“ in die Stadt geschickt – eine euphemistische Umschreibung für Spione. Dafür wird die Frau, bei der diese einkehren, als „Dirne“ diskreditiert, weil eine heiße Liebesaffäre zum Strickmuster jedes Agententhrillers gehört. Der Geschichtsschreiber Flavius Josephus bezeichnet Rahab viel seriöser als „Wirtin“.

Wie auch immer – Rahab füttert die beiden Agenten mit brisanten Informationen, versteckt sie auf dem Dach ihres Etablissements, schickt die Spionageabwehr auf eine falsche Fährte und ringt den feindlichen Gesandten das Versprechen ab, sie und ihre Verwandtschaft bei der Eroberung zu verschonen. Dann verhilft sie ihnen durch Abseilen an der Stadtmauer zur Flucht.

Das Besondere an der Geschichte: Auch wenn darin an Lüge, List und Täuschung nicht gespart wird, hält die Vereinbarung. Rahabs Familie wird evakuiert und gerettet. Die Frau, die aus Respekt vor den machtvollen Taten des Gottes Israels – oder ist sie doch dem Charme der Spione erlegen? – ins feindliche Lager gewechselt ist, wird ein Teil der Geschichte Israels. Anders gesagt: Ihre Bekehrung zu Jahwe ermöglicht ihr Leben und Zukunft.

Alfred Jokesch

Aktenvermerk
Der Name Rahab bedeutet auf hebräisch „Wildheit“, „Unverschämtheit“.
Das Buch Jesaja nennt die unbeherrschbare, bedrohliche Macht des Meeres „Rahab“, die im Namen des HERRN überwunden wird: „Warst du es nicht, der Rahab zerhieb, das Ungeheuer durchbohrte?“ Jes 51,9

Im Buch Josua ist Rahab eine Dirne in Jericho: „Josua, der Sohn Nuns, schickte von Schittim heimlich zwei Kundschafter aus und befahl ihnen: Geht, erkundet das Land, besonders die Stadt Jericho! Sie brachen auf und kamen zu dem Haus einer Dirne namens Rahab; dort legten sie sich schlafen.“  Josua 2,1

In seinem 20-bändigen Werk „Jüdische Altertümer“ erwähnt der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus eine Wirtin mit Namen Rahab, die zwei israelitische Kundschafter in ihrem Gasthaus beherbergt.

Der Hebräerbrief würdigt Rahabs Glauben: „Aufgrund des Glaubens kam die Dirne Rahab nicht zusammen mit den Ungehorsamen um; denn sie hatte die Kundschafter in Frieden aufgenommen.“ Hebr 11,31

Im Jakobusbrief wird Rahabs vorbildliche Gastfreundschaft hervorgehoben: „Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ?“ Jak 2,25

Im Stammbaum Jesu wird Rahab als Ururgroßmutter Isais, des Vaters des Königs David, genannt. gl. Mt 1,5

Alle Zutaten zu einem actiongeladenen, knisternden Agenten­thriller á la James Bond bietet die Geschichte Rahabs im Buch Josua. Sie erzählt von der Ankunft der Israeliten im Gelobten Land nach ihrer 40-jährigen Wüstenwanderung. Die Eroberung des Landes westlich des Jordan wird zum Urmythos eines jahrtausendelangen Konfliktes. | Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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