Zivilschutz
Wie wir krisenfest werden
- Kerzen, Taschenlampe und ein gemeinsamer Plan: Vorbereitung schafft Orientierung, wenn Vertrautes zum Beispiel durch einen längeren Stromausfall ins Wanken gerät. Eine Veranstaltung im Minoritenzentrum in Graz macht dies zum Thema.
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Vorsorge gibt Sicherheit. Wie Zivilschutz funktioniert und warum Vorbereitung und Nächstenliebe zusammengehören.
Zivilschutz ist Nächstenliebe“, davon ist Daniela Felber, Referentin für die Themenschwerpunkte Schöpfungsverantwortung und Trauer bei der Katholischen Stadtkirche Graz, überzeugt. „Wer auch auf den Ernstfall vorbereitet ist, logistisch und mental, kann für andere Halt in Krisensituationen sein“, führt sie aus. Außerdem sei Zivilschutz eng mit Schöpfungsverantwortung verbunden: „Extremwetterereignisse nehmen im Klimawandel zu. Es braucht vorbeugend unseren Einsatz beim Klimaschutz, um Menschenleben, Zivilisation und Mitgeschöpfe zu schützen“, so Felber.
Wir hören fast täglich von Krisen – Naturkatastrophen, großflächige Stromausfälle (Blackouts), Unfälle ... Das kann einem an die Nieren gehen. Zugleich ist der Mensch gerne vorbereitet. Neue, unvorhersehbare Situationen machen die meisten von uns nervös. Die gute Nachricht: Auf einige „Krisen“ kann man sich vorbereiten. Da erwacht die Feuerwehrfrau in mir, die das Helfen schon von klein auf erlebt hat.
Was ist Zivilschutz?
Zivilschutz umfasst alle nicht-militärischen Maßnahmen des Staates und der BürgerInnen, die die Bevölkerung bei Krisen oder Katastrophen schützen. Dazu gehören unter anderem gute Information und Kommunikation. Wenn am Samstag, 3. Oktober, in ganz Österreich um die Mittagszeit wieder die Sirenen heulen, erinnern wir uns, dass es in unserem Land viele gut funktionierende Strukturen gibt, die uns als Gesamtbevölkerung vor Gefahren warnen und schützen.
Eine neue App des Zivilschutzverbandes will die Bevölkerung aktiver in die Aufgabe des Zivilschutzes einbinden. Denn nicht nur offizielle Stellen und Haupt- oder Ehrenamtliche in Einsatzorganisationen sind für Zivilschutz „zuständig“. Zivilschutz ist eine gemeinsame Aufgabe, die uns als gesamte Gesellschaft fordert.
Ich bin neugierig und lade mir die App namens ZIVA auf mein Handy, melde mich an und gebe meine Adresse ein. Sofort sehe ich jene Gefahren, die an meinem Wohnort am wahrscheinlichsten sind. Hagel steht ganz oben. Danach kommt Hitze. Unter den jeweiligen Bildchen öffnen sich Checklisten. Auch im Bereich „Grundvorsorge“ gibt es viel zu entdecken: Vom Notfallrucksack über Vorräte, Gesundheit, Ausrüstung und Hygiene – gefühlt wurde an alles gedacht. Ich gehe einige der Checklisten durch und sehe: Vieles davon habe ich zu Hause. Da spüre ich, wie ich innerlich ruhiger werde. Vorbereitung gibt mir Sicherheit, merke ich.
Wie man durch Vorbereitung mehr Sicherheit erlangen kann, darum dreht sich auch eine Veranstaltung (siehe Kasten), organisiert von Daniela Felber und Kathrin Karloff vom Bildungsforum bei den Minoriten. Eine der ReferentInnen des Abends ist Brigitte Hinteregger (kl. Bild). Die Psychotherapeutin und Traumatherapeutin hat Erfahrung mit Krisen: Neben ihrer langjährigen Mitarbeit im Team der Krisenintervention des Landes Steiermark war sie in der internationalen Krisen- und Nothilfe u. a. in Liberia und im Südsudan tätig. Ihre Expertise im Blick auf Krisen teilt sie mit uns im folgenden Interview:
Frau Hinteregger, was ist eine Krise?
Brigitte Hinteregger: Eine Krise entsteht, wenn ein Ereignis wie Hochwasser, Blackout, Gewalt oder ein schwerer Unfall unser Sicherheitsgefühl erschüttert und die gewohnten Wege nicht mehr reichen. Dass wir uns dann bedroht, hilflos oder überfordert fühlen, ist menschlich. Menschen erleben dieselbe Lage unterschiedlich.
Was machen Krisen mit uns?
Hinteregger: In akuter Gefahr schaltet unser Körper auf Alarm. Dann zählt zunächst: Sicherheit finden, nach den Kindern sehen, Hilfe holen. Ruhiges Abwägen und klare Entscheidungen fallen oft schwer. Manche Menschen erstarren, andere werden unruhig und handeln sofort. Wieder andere ziehen sich zurück oder können zunächst kaum glauben, was geschehen ist. Angst, Wut, Trauer, Schlafprobleme oder das Bedürfnis, das Erlebte wegzuschieben, sind mögliche Reaktionen. Auch wer ruhig wirkt, verarbeitet das Geschehen nicht unbedingt leichter.
Was hilft in einer Krise?
Hinteregger: Um wieder handlungsfähig zu werden, hilft Orientierung im Hier und Jetzt: kurz innehalten, ruhig atmen und sich einen Überblick verschaffen. Hilfreich ist es, einen sicheren Ort aufzusuchen, Menschen, die Unterstützung brauchen, zu sich zu holen und verlässliche Informationen über das Radio oder offizielle Warnmeldungen einzuholen. Nicht alles muss auf einmal gelöst werden. Eine Aufgabe nach der anderen hilft: Taschenlampe holen, Wasser bereitstellen, Medikamente sichern oder eine vertraute Person anrufen.
Auch anderen können wir so Sicherheit geben: bei ihnen bleiben, ruhig sprechen, zuhören und gemeinsam den nächsten Schritt überlegen. Kinder brauchen einfache, ehrliche Informationen und vor allem das Gefühl: „Da ist jemand bei mir und kümmert sich.“ Halten starke Angst, Schlaflosigkeit, innere Leere oder Rückzug an und bestimmen den Alltag, ist es sinnvoll, Unterstützung zu suchen – bei vertrauten Menschen, Krisendiensten oder PsychotherapeutInnen.
In Krisenzeiten ist oft von Resilienz die Rede – was ist damit gemeint?
Hinteregger: Resilienz heißt: Krisen dürfen uns erschüttern. Resilienz ist kein Schutzpanzer und macht uns nicht kalt, gefühllos oder weniger empathisch. Sie zeigt sich darin, nach einer Belastung wieder Halt und Orientierung zu finden, handlungsfähig zu werden und mit anderen verbunden zu bleiben. Resiliente Menschen wirken daher nicht immer ruhig oder stark. Sie können Angst haben, traurig sein oder zeitweise nicht weiterwissen – und dennoch Schritt für Schritt einen Weg durch die Situation finden.
Kann man Resilienz lernen oder trainieren?
Hinteregger: Definitiv! Dieser Halt entsteht nicht im Alleingang. Resilienz ist kein fester Charakterzug. Sie wächst dort, wo Menschen Sicherheit, verlässliche Beziehungen und Unterstützung erleben. Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Schule, Arbeit oder Gemeinde können dazu beitragen: zuhören, Gefühle ernst nehmen, verständlich informieren und praktische Hilfe anbieten. Eine warme Mahlzeit, ein Telefonat, das Abholen eines Kindes oder die Frage „Was brauchst du gerade?“ können viel Sicherheit vermitteln.
Hilft es, sich auf Krisen vorzubereiten?
Hinteregger: Einfache Vorbereitungen wie ein Zettel mit wichtigen Kontakten, notwendige Medikamente griffbereit haben und das Wissen, wo im Ernstfall verlässliche Informationen erhältlich sind, können beruhigend wirken. Ebenso hilfreich ist es, schon vorher zu wissen, was uns unter Druck guttut: ruhig atmen, etwas trinken, sich bewegen, einen vertrauten Menschen kontaktieren und sich auf den nächsten machbaren Schritt konzentrieren. Bei einem Blackout kann das heißen: Taschenlampe holen, Radio einschalten, nach Familie oder NachbarInnen sehen – und dann eine Aufgabe nach der anderen angehen.
Vorbereitung kann eine Krise nicht verhindern. Aber sie hilft, schneller wieder Orientierung und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Resilienz beginnt schon vorher: mit dem Wissen, was mir hilft, was ich tun kann und auf wen ich zählen kann.
Text und Interview: Katharina Grager
Probe.Alarm! – Blackout, Hochwasser & andere Ernstfälle. Wie wir uns gut vorbereiten und größere Sicherheit erlangen können. Mit Brigitte Hinter-egger, Psychotherapeutin und Traumatherapeutin sowie Heribert Uhl und Wolfgang Hübel vom Zivilschutzverband Steiermark. Mi., 23. Sept., 18.30 Uhr, Arkadensaal im Minoritenzentrum. Die Teilnahme ist kostenlos.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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