Robert Schuman
Der Vater Europas

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Robert Schuman, der Gründungspräsident des Europaparlaments: bald ein Seliger?

Europa? Ist doch bloß eine seelenlose Truppe von Technokraten zur Verfolgung eigener Wirtschaftsinteressen … Das stimmt so nicht. Allerdings schwindet das historische Bewusstsein dafür, dass die Existenz der heutigen EU vor allem auf die Visionen und das hartnäckige Engagement christlich geprägter Politiker zurückgeht. Einer ihrer Vorreiter war der Franzose Robert Schuman (1886–1963), erster Präsident (bis 1960) des Europäischen Parlaments, das 1958 erstmals zusammentrat. Es hat ihm später den Ehrentitel „Vater Europas“ verliehen.
Kurz vor dem 70. Jahrestag der „Pariser Verträge“ zur Schaffung einer europäischen „Montanunion“ für Zollfreiheit für Kohle und Stahl (18. April 1951) berichtet nun die französische Zeitung „La Croix“, der Vatikan plane noch vor dem Sommer die Seligsprechung des gläubigen Katholiken Schuman.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern wollte Schuman eigentlich Priester werden. Doch Freunde überzeugten ihn, dass die Welt tüchtige Laien brauche – und dass die Heiligen des 20. Jahrhunderts Straßenanzüge trügen. So schlug der umfassend Begabte eine Karriere als Jurist und aktiver Laienkatholik ein.

Bereits in den 20er-Jahren knüpfte Schuman ein dichtes Netz von Kontakten mit christlich-demokratischen Politikern aus ganz Europa, etwa Konrad Adenauer oder dem Italiener Alcide de Gasperi. Diese Beziehungen sollten nach 1945 Früchte tragen. Doch zunächst geriet Schuman in Gegensatz zu Petains Vichy-Regierung; im Herbst 1940 wurde er verhaftet. Nach seiner Flucht aus Gestapo-Haft im August 1942 versteckte sich Schuman bei Benediktinern. Er arbeitete nun im Widerstand; 1945 gründete er die Christlich-Demokratische Partei.
Zwischen 1947 und 1953 gehörte Schuman allen schnell wechselnden französischen Regierungen an – als Finanzminister, Premier- und Außenminister. Gegen die Anfeindung der Gaullisten betrieb er seine Idee der europäischen Einigung und einer deutsch-französischen Annäherung. Auch die Straßburger Konvention für die Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950 gilt als sein Werk.

Im Mai 1950 wurde der „Schuman-Plan“ vorgestellt. Der damalige Außenminister sah darin eine „Montanunion“ zwischen Frankreich und Deutschland vor, also eine behördliche Aufsicht über die Stahl- und Kohleproduktion beider Länder. Die gemeinsame Bewirtschaftung der zentralen Stoffe der Rüstungsindustrie durch die einstigen Erbfeinde war für Schuman aktive Friedenspolitik. Dieses Instrument, offen für den Beitritt anderer Länder, sollte zur Keimzelle der europäischen Einigung werden – die heute weit über den einst Eisernen Vorhang ausgreift.

Auch nach 1960 verfolgte Schuman weiter das Werden „seines“ Europa. Doch im Winter 1961 erlitt der Junggeselle bei einem Abendspaziergang einen Herzinfarkt. Eine ganze Nacht blieb er hilflos in Eiseskälte liegen – und erholte sich nie mehr ganz davon. Am 4. September 1963 starb Schuman, 77-jährig, in seinem Landhaus bei Metz.

Der Seligsprechungsprozess lief seit 1990. Für dessen Abschluss bräuchte es ein „Wunder“, eine Gebetserhörung. Man könnte meinen, die Vision eines geeinten Europa nach Zeiten des „totalen Krieges“ in politische Realität umgesetzt zu haben, sei doch Wunder genug.

Alexander Brüggemann

Geborener Europäer. Robert Schuman wurde an der Grenze zwischen Luxemburg und Lothringen geboren. Im Ersten Weltkrieg war er Reservist im deutschen Heer. Nachdem Elsass-Lothringen an Frankreich fiel, wurde der Grenzgänger, der sich in Metz als Rechtsanwalt niedergelassen hatte, Franzose und 1919 junger Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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