Wort zum Sonntag - von P. Stefan Linder
Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner

Jugendtreffen der „Bewegung der Reinen Herzen“  in Kasachstan mit den Missionaren P. Stefan Linder (links), rechts neben ihm P. Leopold Kropfreiter mit weiteren Priestern und Ordensfrauen.
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  • Jugendtreffen der „Bewegung der Reinen Herzen“ in Kasachstan mit den Missionaren P. Stefan Linder (links), rechts neben ihm P. Leopold Kropfreiter mit weiteren Priestern und Ordensfrauen.
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Haben Sie sich im Nachhinein schon einmal gewundert, dass Sie Dinge gemacht haben, die so gar nicht Ihrem Verhaltensmuster entsprechen? Jedenfalls erging es mir so vor einem guten halben Jahr: Draußen in der kasachischen Steppe herrschten unter -30 °C, da begann ich drinnen im wohltemperierten Pfarrhaus Sauerkraut herzustellen. Ich bin kein wirklicher Sauer­krautliebhaber, aber es brachte ein Stück Heimat in die Ferne.
Dass der Sauerkaut-Produktionsprozess mich auch im Gebet begleitete, wundert wohl niemanden – so ist das eben mit den Gebetszerstreuungen. Jedenfalls scheint mir, dass diesmal das Sauerkraut ein Schlüssel ist, um das Evangelium besser zu verstehen.

Der Herstellungsprozess ist denkbar einfach: Kraut hobeln, stampfen bzw. durchkneten bis es saftet, danach mit Salz in sauberen Behältern mindestens zehn Wochen gären und reifen (fermentieren) lassen. Fertig ist das „Superfood“. Mission, und ganz allgemein unser geistliches Leben, ist eine Abwechslung von Aktivität, Ruhephase, Gärung und Genießen.

Bartimäus, ein blinder Bettler, richtet heute im Evangelium den einen Wunsch an Jesus: „Mach mich sehend!“

Das ist die allererste und wichtigste Bitte an Gott. Was ich nicht sehe und kenne, kann ich nicht lieben. Bartimäus muss aber diesen Wunsch selbst aussprechen, er muss dabei Wider­stand überwinden. Er wirft den Mantel weg und lässt das Wenige, das er besitzt, zurück und geht auf Jesus zu.

Wie kommt es aber dazu? Bartimäus wurde von einer Hoffnung und von einem Glauben erfüllt: Jesus kann mich heilen. Jede Mission ist eine Antwort auf die Gnade Gottes und nicht umgekehrt.

Die Bereitschaft, dass Gott meine eigenen Pläne auf den Kopf stellen darf, ist nicht selten Voraussetzung, um Sein Werkzeug zu werden. Der heilige Ignatius von Loyola würde es so formulieren: „Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm nur zur Verfügung stellen würden.“
Diesen Prozess (Bitte und Bereitschaft zur Veränderung) würde ich mit dem Krauthobeln und Durchkneten vergleichen.

Beginn der Gärungsphase

Man würde vermuten, dass nach dem Augenöffnen die aktive Phase beginnt.
Bartimäus bleibt erst einmal dabei, nur zu Schauen. Es gibt so viel Neues. Schauen können, ruhig werden ist eine Fähigkeit, Gott näher zu kommen.

Kürzlich hatte uns Missionare das Glaubenszeugnis einer Kasachin sehr betroffen gemacht und angespornt. Von Kindheit an war ihr das Christentum fremd. „Zufällig“ ging sie in eine Kirche, in der gerade das Allerheiligste ausgesetzt war. Weil „irgendwas“ sie berührte, wiederholte sie diesen Besuch fortan. Dass dieses „irgendwas“ Gott war, erfuhr sie nach und nach. Dieses Schauen führte sie zur Taufe. Sie fand in der Kirche eine Heimat.
Wenig später wurden wir Missionare Schauende: Beim (touristischen) Besuch einer orthodoxen Kirche wurden wir Zeugen einer sehr symbolträchtigen Hochzeit. Dabei setzte der Priester dem Bräutigam und der Braut goldene Kronen auf – man musste unweigerlich an eine Kaiserkrönung denken. Der Ehebund verleiht den Eheleuten eine neue und höhere Würde – sie werden in der Gnade erhoben.

So finden sich in verschiedenen Liturgien Schätze an Gebeten und Gesten, die unseren Glauben greifbarer machen. Solche liturgische Feiern öffnen das geistliche Auge und versetzen in Staunen. Im Russischen heißt das Wort „Sak­rament“ treffend „Tainstvo“ (тайнство), was so viel wie das „Geheimnis“ bedeutet.

Das Jesusgebet

Begleitet wurde diese Zeremonie von einer sich ständig wiederholenden Gebetsbitte: „Gospodi pomilui.“ – Herr, erbarme dich.“ Dieses Gebet ist eine Kurzform des sogenannten Jesus­gebetes. Die Langform dieses Gebetes finden wir heute im Evangelium, als der blinde Bartimäus Jesus anfleht: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.“
Dieses Gebet scheint auf den ersten Blick kein besonderes Gebet zu sein. Und doch kann es die Augen öffnen – nicht nur dem Bartimäus. Generationen von Heiligen schöpften aus diesem Gebet Kraft. Was macht es so besonders?
Sicherlich ist nicht die Anzahl der Wiederholungen das Geheimnis, sondern eher das Bewusstsein, in der Gegenwart Gottes zu leben. Das Aussprechen eines Namens bringt die Gegenwart der Person mit sich. In der Ostkirche zieht sich dieses „Gospodi pomilui“ (Herr, erbarme dich) wie ein roter Faden durch die Liturgie. Der Mensch, das erhabene Geschöpf Gottes, ruft zu seinem Schöpfer.

Staunen und Gebet haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Beim geheimnisvollen Staunen sind nicht viele Worte nötig, ja noch mehr, sie sind geradezu lästig und hinderlich. Wer bei einem Konzert staunend zuhören möchte, wird sich über die unnötigen Kommentare der hinter ihm Sitzenden aufregen. So kann ein Gebet mit wenig Worten eine geistliche Welt öffnen und eine wirkliche Gottesbeziehung erstehen lassen.
Staunen lässt uns im Gebet reifen und unser geistliches Auge gewinnt an Sehkraft.

Leider gibt es einen großen Unterschied zum Sauerkrautprozess: Der Zeitpunkt, wann Gott uns wieder ein Stück weit die Augen öffnet, geschieht nicht auf Knopfdruck oder beim Glas­öffnen. Gott wirkt geheimnisvoll, aber ganz real, so wie Bartimäus sehend ge­worden ist.

Jugendtreffen der „Bewegung der Reinen Herzen“  in Kasachstan mit den Missionaren P. Stefan Linder (links), rechts neben ihm P. Leopold Kropfreiter mit weiteren Priestern und Ordensfrauen.
P. Stefan Linder SJM
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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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