Wort zum Sonntag: Dechant Herbert Döller
Das Maß, mit dem Gott misst

Die Fehler der anderen bleiben nur allzu deutlich im Sieb unserer Wahrnehmung hängen, die eigenen fallen einfach durch. Jesus plädiert für eine andere, von einer Kultur des Herzens geleitete Sichtweise.
  • Die Fehler der anderen bleiben nur allzu deutlich im Sieb unserer Wahrnehmung hängen, die eigenen fallen einfach durch. Jesus plädiert für eine andere, von einer Kultur des Herzens geleitete Sichtweise.
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Was aus dem Mund Jesu kommt, zeigt immer, wovon sein Herz voll ist. Im letzten Sonntagsevangelium zeugen seine Worte von seiner Barmherzigkeit, Liebe, Vergebung, Großzügigkeit und gipfeln in dem Satz: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ und „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen“. Gott legt sein Maßband, nach dem er uns beurteilen wird, nicht um unseren Kopf oder über unsere Brieftasche oder über die Länge unserer Titel, sondern über unser Herz.

Das Herz ist jener Ort im Menschen, wo nach biblischem Verständnis die Entscheidungen fallen, wo sich die Worte bilden, die gut tun können oder auch verletzen. Wir reden von „herzlichen Menschen“, aber auch von Menschen, die kein oder ein „hartes Herz“ haben. In diesen Redewendungen verwenden wir das Wort „Herz“ so, wie es Jesus verstand. Heute gebrauchen wir dafür auch gerne den Ausdruck „Gewissen“.

Jesus Ben Sirach drückt in der Lesung sehr deutlich aus, dass in der Auseinandersetzung mit den Menschen ihr wahres Wesen zum Vorschein kommt. Wenn wir Menschen beobachten, ihr Verhalten beurteilen, gewinnen wir ein Bild von ihnen. Aber auch Jesus ist es bereits aufgefallen, dass Wahrnehmung von außen (Fremdeinschätzung) oft sehr weit entfernt ist von der eigenen Einsicht (Selbstwahrnehmung). Und genau auf diesen Umstand legt Jesus sein Augenmerk und spricht diese Schwierigkeit im menschlichen Zusammenleben an. Die Fehler der anderen fallen uns überdeutlich auf, eigene Fehler und Schwä­chen tun wir uns schwer, selbst wahrzunehmen und einzugestehen. Jesus nennt das Heuchelei. Und er entlarvt sie schonungslos. Das Bild von den blinden Führern trifft nicht nur auf die Pharisäer zu, es gilt allen: Schau doch zuerst in dein Herz, höre auf dein Gewissen!

Das Sieb – Ort der Reinigung und der Prüfung

Ich komme nochmals auf das Bild des Siebes zurück. Jeder Mensch kann sein Denken und Handeln – im Bild gesprochen – über dieses Sieb des Gewissens gleiten lassen. Manches wird durchgehen, anderes, hoffentlich die negativen Beweggründe, werden zurückgehalten. Wenn Balken durchgehen, dann hat es etwas! Und noch schwerer wiegt es, wenn man diese Tatsache nicht merkt und andere wegen ihrer Splitter tadelt.
Wir erkennen nicht, dass wir mit einem Balken im Auge gar keinen Splitter herausziehen könnten aus dem Auge des Nächsten, aber wir maßen uns ein Urteil darüber an. Die Indianer sagen: „Urteile nicht über einen Menschen, ehe du nicht eine Zeitlang in seinen Mokassins gegangen bist.“ Das ist eine Umschreibung für „sich in den Mitmenschen hineindenken, sich nicht überheben, zu unterscheiden, barmherzig zu sein“. Wenn wir Menschen „wie im Brennofen prüfen“, wie Sirach sagt, so muss es in den Augen Jesu der Brennofen der Liebe sein. An erster Stelle muss die Achtung voreinander stehen, erst dann können wir ein Urteil mit Herz über einen anderen abgeben.

Jesus vergleicht unser Herz, das der Ort unserer Entscheidungen ist, mit Baum und Frucht. Anderswo sagt er: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,20). Die Früchte sind das, was von uns nach außen sichtbar wird, wonach man uns beurteilen kann, unsere Worte und Taten. Aber die Grundlage dafür liegt im „Schatz unseres Herzens“. Dem englischen Dichter Charles Reade wird folgendes Wort in den Mund gelegt:

Achte auf deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten,
denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
denn er wird deine Bestimmung (engl.: destiny).

Achtsamkeit ist das Gegenteil von „Blindheit“. Darum gilt es, eine Kultur des Herzens zu pflegen, durch die unser Herz vom Gut-Reden und Gut-Sein überfließt. „In Christus ist keine Mühe vergeblich“, sagt Paulus. Wird Jesus, wenn er sein Maßband über mein Herz legt, sagen können: Du hast von mir gelernt. Du bist deinem Meister ähnlich?

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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