Sr. Johanna Datzreiter – Missionarin zwischen Bürgerkrieg und Ebola Folge 2
Wo der Pfeffer wächst

„Ein afrikanisches Palaver“

Als ich bei meiner Ankunft am 8. Jänner 1975 in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, die Flugzeugtreppe hinunterbalancierte, schlug mir eine atemberaubende Hitze entgegen: Es war ein kompletter Klimawechsel gegenüber den Temperaturen, die ich in Europa gewöhnt war. In der Eingangshalle des Flughafens von Monrovia wurden wir von einem liberianischen Empfangskomitee herzlich begrüßt. Doch im Gedränge der vielen Passagiere verstand ich trotz meiner Eng­lisch­kenntnisse kein Wort, obwohl Englisch die offizielle Landessprache von Liberia ist.

Mit den Worten „Do you speak English?“ trat ich an einen freundlichen Liberianer he­ran, der mir behilflich sein wollte. „Welcome Sister, ooh, I am here, ooh, for you, ooh ...“ Mit großer Geduld steuerte er mich durch das Menschengewirr hin zum Ausgang. Zum ersten Mal erlebte ich dort ein nicht enden wollendes „afrikanisches Palaver“. Endlich entdeckte ich eine philippinische Mitschwester, die freudig auf mich zuschwebte und mich mit offenen Armen willkommen hieß. Wieder fragte ich verzweifelt: „Do you speak English here?“, da ich im Lärm nichts verstand.

Langsam lernte ich, dass das Umgangsenglisch, das dort im Alltag gesprochen wird, ein altes Sklavenenglisch ist. Die Liberianer hatten es einst aus den USA in ihre alte Heimat mitgebracht. Liberia wurde nicht nur die Pfefferküs­te, sondern auch die Sklavenküste genannt. Dieses in Liberia übliche Umgangsenglisch unterscheidet sich von dem aller anderen englisch-sprechenden Ländern Afrikas. Es hat eine große Rolle gespielt im Einigungsprozess der verschiedenen Stämme während des späteren Bürgerkrieges und wird in Liberia bis zum heutigen Tag gesprochen.

Das Land, wo der Pfeffer wächst

Die Freude über meine Ankunft in unserem Provinzhaus in Monrovia war groß. Die Pro­vinz­oberin, Schwester Gertrud, eine Kanadierin, und ihre Mitschwestern umarmten mich herzlich. Schon beim ersten gemeinsamen Abendmahl versuchten sie, mich mit dem Lieblingsgericht des liberianischen Vol­kes vertraut zu machen, nämlich mit Reis und einer Pfeffersuppe. Unter „Suppe“ versteht man hier einen Teller Reis, über den Gemüse mit viel Pfeffer „gegossen“ wird. Das wird dann zusammen gegessen, und zwar entweder mit den Fingern oder auch mit Besteck – je nach Stammessitte oder Belieben. Anfangs musste ich mich an diese neuen Sitten erst gewöhnen. Aber mit der Zeit war es für mich ganz normal, die Pfeffersuppe mit meinen Fingern zu essen.
Gewöhnen musste ich mich auch erst an die vielen Moskitos, die uns vor allem in der Nacht belästigten. Also fragte ich eine Schwes­ter, ob ich durch den starken Geruch des Pfeffers die lästigen Moskitos in der Nacht fernhalten könnte. Doch sie riet mir, besser ein Moskitonetz über dem Bett als Schutz zu verwenden. Gerne befolgte ich alle Ratschläge der Schwestern, soweit ich sie in dem mir vollkommen neuen Englisch verstehen konnte.

In meiner Unwissenheit gab ich den nächtlichen Blutsaugern viel zu viel Freiraum zwischen meiner Matratze und dem Moskitonetz. Sie hatten sozusagen freien Eintritt, um mein süßes Blut zu verkosten. Man sagt nämlich, das Blut der Weißen sei süßer. Laut Malaria-Forschungen in allen feuchttropischen Ländern gibt es jedoch keinen Unterschied zwischen dem Blut der weißen und der „schwarzen“ Bewohner. Die liberianischen Frauen schützen sich vor den Moskitos am besten mit den traditionellen Lapa-Tüchern, die bis zum Boden reichen und um die Mitte befestigt werden.

Allmählich verstand ich, welch wichtige Rolle nicht nur das Lapa-Tuch, sondern auch der selbstgezüchtete Pfeffer sowie der Pfeffervogel, der den Beginn der Regenzeit „einzwitschert“, für die Liberianer spielt: Sie gehören zu den Wahrzeichen Liberias, dem Land an der Pfefferküste.

„Wie weit ist es noch?“

„Ja, wie weit ist es denn noch?“ Ungeduldig stellte ich immer wieder diese Frage während der scheinbar endlosen Reise nach Yekepa, meinem ersten Einsatzort. „Wir müssen das ganze Land durchqueren bis hin zur nordöstlichen Grenze im Nimba County, wo sich die letzte liberianische Missionsstation vor der Brücke zur Elfenbeinküste befindet“, antwortete Schwester Gertrud lächelnd.

Unser wackeliger Jeep ratterte langsam auf der holprigen Landstraße von einer Staubwol­ke zur nächsten. Bereits etwa 20 Kilometer au­ßer­halb der Hauptstadt Monrovia war die einzige Asphaltstra­ße des Landes zu Ende. Auf der langen Fahrt konnte ich kein einziges Bananenbündel auf den Bananenstauden ent­decken. Die Schimpansen, die von einer Staude zur nächsten hüpften, hatten sie bereits alle ge­nüss­lich verzehrt, noch bevor wir eine zur Stärkung ergattern konnten. An einen Mittagschlaf war aufgrund der vielen Schlaglöcher, die uns immer wieder durchrüttelten, nicht zu denken. Es gab auch keine Klimaanlage, die uns die Hitze vom Leib fernhalten konnte. Weder ein Radio noch Vogelgesang sorgten in dieser Eintönigkeit für Entspannung.

Der sogenannte „Harmattan“-Tropenwind, der wäh­rend der sechsmonatigen Tro­ckenzeit in Liberia weht, war überall zu spüren. Nach fünf Stunden Autofahrt auf den staubigen Pisten erreichten wir endlich Gbarnga, die Hauptstadt des Bong County, wo unsere Schwestern die einzige Leprastation des Landes leiteten. Diese schreckliche Krankheit war in den 1970er-Jahren in Westafrika noch weit verbreitet. Die Schwestern kümmerten sich hingebungsvoll um die vielen Leprakranken, die man mit den richtigen Medikamenten bereits gut behandeln konnte. Wir legten einen kurzen Zwischenstopp bei ihnen ein.

Nach einer kleinen Stärkung fuhren wir wei­ter in den Norden. Auf unserem Weg überraschte uns noch ein kurzer Sandsturm, der unsere Ankunft am ersehnten Ziel nochmals verzögerte. Gerade noch rechtzeitig vor dem abrupten Einbruch der tropischen Dunkelheit erreichten wir nach rund neun Stunden unser Reiseziel in Yekepa. Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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