Sr. Johanna Datzreiter – Missionarin zwischen Bürgerkrieg und Ebola Folge 1
Wo der Pfeffer wächst

Wie alles begann

Als Älteste von neun Geschwistern – ich bin 1938 im niederösterreichischen Frankenfels geboren – musste ich bereits als junges Mädchen oft Verantwortung für meine Geschwister übernehmen, weil unsere Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg in der Landwirtschaft schwer arbeiten mussten. Nach dem Krieg zog meine Familie im Jahr 1947 nach Obergrafendorf. Dort waren wir sehr stark in das Leben der Pfarre eingebunden. Es war eine sehr lebendige Pfarre mit vielen pastoralen Aktivitäten, vor allem auch für die jungen Menschen. Meine Berufung zum Ordensleben und den Ruf in die Mission führe ich hauptsächlich auf die katholische Erziehung meiner Eltern, aber auch auf den positiven Einfluss der Pfarre Obergrafendorf zurück, aus welcher acht Priester und drei Ordensberufe hervorgingen.

Nach dem Krieg haben wir Jugendlichen die Missionszeitschrift „Stadt Gottes“ der Steyler Missionare und der Heilig-Geist-Missionsschwestern mit großem Interesse gelesen. Der Gedanke an einen Ruf zu diesem Leben beschäftigte mich immer mehr, bis ich mich eines Tages an unseren Kaplan wandte und ihn um Rat bat. Ich wusste, dass eine seiner Schwestern im Kloster war. „Ja, das sind die Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens, die F.M.M.s, die auch die ewige Anbetung haben und in die Mission geschickt werden. Du kannst sie ja einmal besuchen und dich selbst bei ihnen erkundigen“, riet er mir, nachdem ich ihn über die Mission und das Ordensleben ausgefragt hatte.

Am Fronleichnamstag 1955 mischte ich mich in Eichgraben an der Westbahn unter die Gläubigen, die sich rund um das berühmte Missionskloster der Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens am Klosterberg eingefunden hatten. Nach dem Segen mit dem Allerheiligs­ten, bei der letzten Fronleichnamsstation war mein Entschluss gefasst. Noch bevor ich mit einer der Schwes­tern überhaupt Kontakt aufgenommen hatte, wusste ich bereits, dass ich zu ihnen gehörte. Meine Eltern und Geschwister waren etwas überrascht über meinen Entschluss, ins Klos­ter zu gehen, aber sie hinderten mich nicht daran. Und so geschah es, dass sich nach einigen Monaten die Klosterpforte hinter mir schloss. Die lange Vorbereitung auf diesen besonderen Beruf einer Franziskanerin Missionarin Mariens begann!

Du bist gesendet!

8. Dezember 1974: Nach meiner Ordens- und Missionsausbildung verließ ich an diesem denkwürdigen Tag – es war der Festtag der Unbefleckten Empfängnis – meine Heimat Niederösterreich und reiste mit dem Zug nach Rom. Es war meine erste Reise in ein fremdes Land. Ich war etwas aufgeregt. Wohin wird mich meine Lebensreise wohl führen?, fragte ich mich und schaute neugierig aus dem Fenster. Meine Gedanken wanderten immer weiter in die Ferne, während Olivenhaine, Pinien und Zypressen-Alleen an mir vorbeizogen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass mich Jesus in ein Land schicken würde, das man überhaupt nicht mit europäischen Zuständen vergleichen kann.

In unserem Mutterhaus in Rom lernte ich Schwestern aus verschiedensten Ländern der Welt kennen. Wir verständigten uns auf Englisch. So konnte ich mich schon innerlich auf ein Leben in einem fernen Land unter fremden Menschen vorbereiten.

Am 1. Jänner 1975 nahmen wir in Rom an der Eröffnung des Heiligen Jahres teil. Papst Paul VI. schlug mit einem Hammer dreimal auf die heilige Pforte des Petersdoms, die seit 25 Jahren verschlossen war. Die Sixtinische Kapelle stimmte ein Te Deum an, während sich langsam das Tor öffnete. Nun konnten Gläubige aus aller Welt ein Jahr lang die heilige Pforte der ehrwürdigen Basilika durchschreiten und einen Sündenablass erlangen. Wir Schwestern wollten natürlich auch diese Gelegenheit nützen. Wir wussten ja noch nicht, was uns in unserem Bestimmungsland erwarten würde. Dafür konnten wir eine Extraportion an Gnade gut gebrauchen.
Am 6. Jänner – am Fest der Erscheinung des Herrn – war es soweit. Wir gingen noch einmal in den Petersdom, um an der Sendungsfeier von 400 Missionarinnen und Missionaren aus aller Welt teilzunehmen. Papst Paul VI. stand dieser liturgischen Feier vor. Es war ein sehr aufregender Moment in meinem Leben. Ich war bereit, mein Leben für Chris­tus hinzugeben und hatte mich für ein Leben in der Mission entschieden, egal in welchem Land der Welt.

„Geht, Ihr seid gesendet!“, rief Papst Paul VI. den 400 Ordensfrauen und -männern, die sich auf ein Leben in der Mission vorbereitet hatten, im überfüllten Petersdom zu. Seine Worte waren ein Auftrag an uns. Bis heute hallen sie noch in mir nach.

Vor der Abreise von unserem Mutterhaus in Rom verkündigte uns die Generaloberin den Namen unseres Einsatzlandes: Ich sollte nach Liberia gehen.

Als eine meiner Mitschwestern von meinem Bestimmungsland hörte, äußerte sie sich entsetzt: „Dorthin, wo der Pfeffer wächst, geschickt zu werden, würde ich für mich persönlich als eine Strafe ansehen! Immer schwitzen, der Kampf mit der Malaria, nicht zu erwähnen die vielen Giftschlangen, die dieses schreckliche Klima hervorbringt!“ Nicht umsonst hat man die Westküste Afrikas immer als „das Grab des weißen Mannes“ bezeichnet. In der Tat haben viele dort vorzeitig ihr Leben verloren, wie die Geschichte der Erstmissionierung Westafrikas zeigt. Doch wir alle, als Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens, hatten uns bereit erklärt, über­all dorthin zu gehen, wo das Reich Gottes noch nicht bekannt ist, vor allem zu den Ärmsten. Eine Untersuchung in einem Tropen­institut bestätigte, dass ich für dieses tropische Klima durchaus tauglich war. Und so begann am 6. Jänner 1975 ein fast 43-jähriges Missionsabenteuer an der Pfefferküste Westafrikas: in LIBERIA! Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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