Serie des Katholischen Bibelwerkes
Tauet, Himmel, den Gerechten!

In dunklen Zeiten kündigt sich Heilvolles an. Wie „Tau aus Himmelshöh’n“ wird der Heiland vom Himmel her erwartet. „Ros’“ bezeichnet den dürren Zweig, der wider alles Erwarten Blüten trägt.
  • In dunklen Zeiten kündigt sich Heilvolles an. Wie „Tau aus Himmelshöh’n“ wird der Heiland vom Himmel her erwartet. „Ros’“ bezeichnet den dürren Zweig, der wider alles Erwarten Blüten trägt.
  • Foto: Leopold Schlager
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Viele der alten Lieder für die Advent- und Weihnachtszeit sind reich an Bezügen zur Bibel, insbesondere zu den Propheten des Alten Testaments. Manches leuchtet unmittelbar ein, anderes ist für heutige Menschen nur schwer zu verstehen.

Viele bekannte Advent- und Weihnachtslieder begleiten uns durch den Advent. Einige der schönsten Lieder haben sich am Buch Jesaja inspiriert, und da vor allem an Texten, die ursprünglich an das Gottesvolk Israel im babylonischen Exil gerichtet waren. Am Tiefpunkt seiner Geschichte, mitten in seiner dunkelsten Stunde, erhält das Volk die Zusage, dass etwas Neues, Unerhörtes anbricht, dass das Volk wieder aufleben kann, dass eine neue Zeit des Heils beginnt. In Jesaja 45,8 spricht Gott: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, erschaffe es.“

Das Adventlied, das diesen Text aufgreift, macht nun aus der Gerechtigkeit, die aus den Wolken regnet, den Gerechten (Gotteslob 790 und 791):

„Tauet, Himmel, den Gerechten,
Wolken, regnet ihn herab!“,
rief das Volk in bangen Nächten,
dem Gott die Verheißung gab,
einst den Retter selbst zu sehen
und zum Himmel einzugehen …

Damit verknüpft das Lied den Gesalbten, den Messias, zu dem Gott in Jesaja 45,1 spricht, mit der Gerechtigkeit, die mit diesem Einzug halten wird. Bei Jesaja ist der Messias der persische König Kyrus, der das Gottesvolk Israel aus dem babylonischen Exil wieder zurück ins Land ziehen lässt. In unserem Weihnachtslied ist damit Christus gemeint. Er ist der verheißene Retter. Und nicht Gott befiehlt dem Himmel und den Wolken, sondern das Volk erbittet diesen Gerechten.

Gott hört im Lied auf das Flehen des Volkes. Und die zweite Strophe wechselt daher zum Lukasevangelium und erzählt in aller Kürze von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria. Damit alle Menschen Gottes Heil ersehen können, schickt Gott einen Engel auf die Erde, der (von Maria) die Antwort erhält: „Sieh, ich bin des Herren Magd / mir gescheh, wie du gesagt“ (vgl. Lk 1,38).

Vom Himmel getaut. Ein anderes bekanntes Lied ist ebenfalls von Jesaja 45 inspiriert: „O Heiland, reiß den Himmel auf“ (Gotteslob 231). Da heißt es in der zweiten Strophe:

O Gott, ein Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

Auch hier ist es Christus, genauer: der Heiland, der vom Himmel getaut ist. Der Beginn geht jedoch auf Jesaja 63,19 zurück. An der Stelle bittet das Volk Gott mit diesen Worten darum, für es einzutreten, vom Himmel herabzusteigen und angesichts der Feinde seine Macht zu erweisen: „Ach, dass du doch den Himmel zerrissest und führest herab …“, übersetzt hier die Lutherbibel. Im Lied geht es um Christus, um den Heiland, der vom Himmel herabkommt: „O Heiland, reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Damit verbunden ist, dass der Himmel nicht nur aufgerissen, sondern auch entsperrt wird: „Reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ So wird auch für die Menschen der Himmel zugänglich.

Neues Heil. Jesaja verdanken wir zudem das Lied „Es ist ein Ros’ entsprungen“ (Gotteslob 243):

Es ist ein Ros’ entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art …

Hier wird ebenfalls das Alte Testament mit dem Neuen verknüpft. „Ros“ meint so viel wie „Reis“, und das ist die altdeutsche Bezeichnung für „Spross“. Aus der Wurzel Jesse, dem Baumstumpf Isais, wächst etwas Neues. Isai ist der Vater von König David und dem wiederum wurde von Gott verheißen, dass seine Königsherrschaft nicht enden werde.

Doch die David-Dynastie hat im Exil ein Ende gefunden – nun, nach dem Exil, soll aus dem schon toten Holz, aus dem „Baumstumpf“ wieder ein Spross sprießen. Darüber spricht Jesaja 11: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Dieses Reis wird in der zweiten Strophe des Liedes mit Maria gleichgesetzt, die das „Blümlein“ Jesus gebracht hat:

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
ist Maria, die Reine,
die uns das Blümlein bracht.

Damit wird das neue Heil auf Christus, „das Blümlein“, bezogen. Dieses Blümlein vertreibt nun (in Strophe 3) die Finsternis.

Allen genannten Jesaja-Texten gemeinsam ist: Das Volk befindet sich in einer dunklen Zeit. Ihm wird etwas Neues, Heilvolles angekündigt. Gerechtigkeit und neues Heil werden ihm zuteil. Die Adventlieder sehen dieses Neue, Heilvolle in Christi Geburt.

Autor:

Elisabeth Birnbaum aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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