Pilgerorte der Welt: Jerusalem
Beweint und bejubelt

Gottesdienst in der Grabeskirche in Jerusalem.  | Foto: Andrea Krogmann/KNA
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  • Gottesdienst in der Grabeskirche in Jerusalem.
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Sie ist Geburtsort der Kirche: Die Stadt Jerusalem ist das örtliche Zentrum des christlichen Glaubens. Und trotz der immerzu präsenten Konflikte ist sie das Wallfahrtsziel schlechthin. Ein Bericht des Theologoen Till Magnus Steiner, der seit 2014 in Jerusalem lebt.

Die Klappstühle aus Holz sind unbequem und wenn man sich auf einen setzt, hört man ein Knarren, das wie ein leichtes Seufzen klingt. An diesem Ort, wo Jesus Christus auf dem Ölberg über die Stadt Jerusalem geweint haben soll, steht die kleine Kirche Dominus Flevit. Vor der Corona-Pandemie und dem seit dem Massaker des 7. Oktober 2023 herrschenden Krieg erklangen in ihr eher Lob- als Klagelieder. Dort einen Gottesdienst zu feiern und den Blick über den Altar auf die Altstadt Jerusalems wandern lassen zu können, ist ein unvergessliches Erlebnis – und nicht selten lag Psalmengesang in der Luft: „Groß ist der HERR und hoch zu loben in der Stadt unseres Gottes. Sein heiliger Berg ragt herrlich empor“ (Psalm 48,2-3).

Die Anfänge Zions, wie Jerusalem im Alten Testament auch genannt wird, liegen auf einem kleinen Hügel südöstlich des Tempelbergs außerhalb der heutigen Altstadtmauern. Mitten in der palästinensischen Nachbarschaft Silwan werden die Ruinen der Stadt Davids ausgegraben und wird der Konflikt zwischen jüdischer Erinnerung und palästinensischer Gegenwart sichtbar. Von dort wuchs die Stadt hinauf auf den Tempelberg, auf dem heute der muslimische Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und die Al-Aqsa-Moschee alles überragen – hoch über dem Teil der westlichen Umfassungsmauer des von König Herodes ausgebauten Tempelplateaus, der für das Judentum den heute wichtigsten Gebetsort darstellt: die Klagemauer.

Priester, Mönche und Nonnen aus der ganzen Welt leben hier in verschiedensten Klöstern.

In biblischer Zeit hieß zuerst nur die Davidsstadt Zion, dann wanderte dieser Name hinauf auf den Tempelberg und wurde schließlich ein zweiter Name ganz Jerusalems. Es gibt jedoch noch einen dritten Zion in Jerusalem. Verlässt man die Altstadt südwestlich durch das Zionstor, gelangt man zum Grab Davids, zum Saal des Letzten Abendmahls und zur deutschsprachigen, benediktinischen Dormitio-Abtei. Dort auf diesem Berg Zion verortet die kirchliche Tradition den Ort des Pfingstwunders, dort kam der Heilige Geist auf die entstehende Kirche und das Evangelium Jesu Christi wurde und wird in den Sprachen der Welt verkündet.

Wenn man in der Altstadt durch die kleinen engen Gassen von einer Kirche zur nächsten geht, kann man bis heute die verschiedensten Sprachen hören. Priester, Mönche und Nonnen aus der ganzen Welt leben hier in den verschiedensten Klöstern. Im christlichen Viertel bieten palästinensische Familien in ihren Läden, wenn sie die Hoffnung auf Pilger noch nicht aufgegeben haben, Souvenirs an – und so, wie der Zion sich in der Vergangenheit verändert hat, so verändert sich auch das Gesicht des Christentums in der Stadt. Aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Situation verlassen immer mehr palästinensische Christen das Heilige Land, während die Zahl asiatischer Christen, zum Beispiel von den Philippinen, stetig wächst. Sie kommen als Gastarbeiter, um alte Menschen zu pflegen oder in der Landwirtschaft zu arbeiten, gründen hier Familien und wollen trotz prekärer Arbeitssituation und begrenzter Aufenthaltserlaubnisse dauerhaft im Staat Israel leben. Das Christentum in Jerusalem und in ganz Israel ist vielfältig und zugleich auch in einem andauernden Identitätskonflikt.

Christen in der Minderheit

Auch wenn Christen eine kleine Minderheit in Jerusalem sind, gehören das Christentum und seine Gläubigen zu dem Mosaik, das diese Stadt ist. Es gehört dazu, aber sitzt nicht zwischen zwei Stühlen – um ein viel verwendetes Bild aufzunehmen –, sondern sitzt auf beiden. Es gibt in Jerusalem sowohl die Christen, die lautstark Israel als Apartheidstaat anklagen, als auch diejenigen, die ein Teil der israelischen Gesellschaft sein wollen und in der israelischen Armee dienen.

Das Christentum in Jerusalem gleicht der Grabeskirche. Dieser Prachtbau mitten in der Altstadt hat eine komplizierte Baugeschichte entlang vieler Konflikte. Sie ist nicht mehr durch das Hauptportal, sondern nur noch durch einen Seiteneingang betretbar. In ihr herrscht ein Nebeneinander verschiedener christlicher Konfessionen, das oft auch Streitigkeiten aushalten muss – ein Ort, an dem es keinen gemeinsamen Gottesdienst gibt, aber eine gemeinsame christliche Identität. Da gibt es nebeneinander die sichtbare Macht des griechisch-orthodoxen Patriarchats am Grab Jesu und die Armut der äthiopisch-orthodoxen Mönche und Nonnen in provisorisch wirkenden Unterkünften auf dem Dach.

Das Christentum ist ebenso wie die ganze Stadt Jerusalem in sich zerrissen und zugleich eine Einheit. Jerusalem ist eine heilige und unheilige Stadt. Sie ist voller Gebet – füreinander und gegeneinander. Man sieht Jüdinnen, die am Straßenrand Psalmen beten, Muslime, die sich mitten im Alltag auf ihre Gebetsteppiche knien und man sieht Christen, die tief versunken mit einem Rosenkranz in ihren Läden sitzen.

Gebet ist allgegenwärtig und dort, wo der eine weint, freut sich der andere. Und wenn man als Pilger nach Jerusalem kommt, kann man mit Jesus verzweifelt feststellen: „Wenn doch auch du, Jerusalem, an diesem Tag erkannt hättest, was Frieden bringt!“ (Lukas 19,42), oder voller Freude mit dem Propheten Jesaja ausrufen: „Von Zion kommt Weisung, und das Wort des HERRN von Jerusalem“ (Jesaja 2,3). Bis heute gibt es das beweinte und das bejubelte Jerusalem.

Gebet am Wallfahrtsort
Ich suche Dich in Deiner Stadt:
in den uralten Steinen,
im Jubel in ihren Toren,
im Weinen in ihren Gassen,
im Gebet, das ihren Frieden erbittet.
Ich finde Dich
im Kommen und Gehen der Menschen,
im Bleiben des Erzählten,
im Wanken dieser Stadt
und singe:
„Gott ist in ihrer Mitte,
sie wird nicht wanken.“

Till Magnus Steiner

Wissenswertes
Jährliche Besucher: Die Besucherzahlen im Heiligen Land schwanken zwischen 1 Mio. und 3,5 Mio. Die Kriege im Nahen Osten sorgen für große Unsicherheit und haben zu einem Pilgerrückgang geführt.

Geheimtipp: Inmitten des christlichen Viertels, nur ein paar Schritte entfernt von der Grabeskirche, bietet der Glockenturm der evangelischen Erlöserkirche einen atemberaubenden Blick über die Dächer der Jerusalemer Altstadt.

Autor
Till Magnus Steiner, geboren 1984 in Bielefeld, kam 2003 erstmals nach Jerusalem – dort lernte er seine spätere Frau kennen. Nach dem Studium der Katholischen Theologie in Bonn und Jerusalem immigrierte er 2014 nach Israel und arbeitet seitdem in Jerusalem in einem wissenschaftlichen Projekt. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Alte Testament. Foto: zVg

Gottesdienst in der Grabeskirche in Jerusalem.  | Foto: Andrea Krogmann/KNA
Blick aus der Kirche "Dominus Flevit" auf den Tempelberg. | Foto: Wikimedia Commons
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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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