Interview mit Domorganist Ludwig Lusser
Ein schönes Instrument bildet den Musiker
- Ludwig Lusser, geboren 1969 in Innervillgraten/Osttirol, ist seit 2006 Domorganist in St. Pölten. Er studierte Orgel und Kirchenmusik in Wien und engagiert sich neben seiner vielfältigen Konzerttätigkeit auch als Lehrer und Improvisator.
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Ludwig Lusser ist seit 20 Jahren Domorganist in St. Pölten. Im Interview erzählt er, was dieses Jubiläum für ihn so besonders macht.
Sie feiern heuer 20 Jahre Domorganist in St. Pölten. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück? Was waren besondere Höhepunkte, was besondere Herausforderungen?
Ich kann sagen: mit Freude! Die vergangenen 20 Jahre waren sehr erfreuliche, produktive Jahre in jeder Hinsicht, auf die ich in großer Dankbarkeit zurückblicke. 17 Jahre davon waren geprägt von einer unglaublich anregenden Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Domkapellmeister Otto Kargl. Gerade zu den jährlichen Festen des Kirchenjahrs konnten wir gemeinsam auf die fruchtbarste Art lebendige musikalische Reaktion im Zusammenwirken mit den Zelebranten der Domliturgie erleben und einbringen.
Diese Gottesdienste bezeichne ich als einzigartige Höhepunkte in meinem Musikerleben, vor allem als Kirchenmusiker. Die weiteren Höhepunkte waren im Bereich der Konzertorganisation sicher die Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern wie Hermann Nitsch, Renato Zanella u. v. a. sowie viele Projekte im Rahmen der Konzertreihe Orgel PLUS.
Das Jahr 2026 steht aufgrund Ihres Jubiläums auch im Zeichen besonderer Konzerte. Was konnte man bereits hören und was erwartet die Zuhörer noch?
Drei Bereiche meiner musikalischen Arbeit waren mir bei der Konzeption dieses heurigen Jubiläums-Konzertzyklus wichtig: Einerseits mein Engagement für zeitgenössische Komponisten und die Aufführung ihrer Werke. In diesen vergangenen 20 Jahren haben die in Niederösterreich wirkenden Komponisten Franz Thürauer und Johann Simon Kreuzpointner wiederholt herrliche Werke für die Dommusik St. Pölten geschrieben. So war es mir ein besonderes Anliegen, Kompositionsaufträge an diese beiden von mir geschätzten Komponisten zu vergeben. Einen dritten Kompositionsauftrag konnte ich an Florian Reithner vergeben. Diese drei Werke kamen am 26. April zur Uraufführung.
Ein zweiter großer Bereich meiner Arbeit beinhaltet die Beschäftigung mit allen Fragen der Improvisation. Für ein Improvisationskonzert am 31. Mai konnte ich eine kleine Auswahl an großen Improvisatoren gewinnen, die mich bereits lange begleiten.
Zum Dritten widme ich meine sich immer weiter entwickelnde Kunst des Orgelspiels seit meinen Wiener Studienjahren dem sehr anspruchsvollen Gesamtwerk für Orgel von Erich Urbanner. Anlässlich seines heurigen 90. Geburtstages – er erfreut sich bester Gesundheit – spiele ich einen Konzertabend am 8. November mit drei seiner Werke für Orgel Solo und Orgel mit Flöte.
Wann hat Ihre Karriere als Organist begonnen? Woher kommt Ihre Faszination für dieses Instrument und die Kirchenmusik?
Mit 10 Jahren kam ich ins Bischöfliche Gymnasium mit Internat „Paulinum“ in Schwaz. An der dortigen beeindruckenden Pirchner-Orgel durfte ich von Anfang an improvisieren und Messen begleiten. Schon da war meine Faszination für dieses Instrument vorhanden, die bis heute ungebrochen ist. Der damalige Direktor des „Paulinum“, Otto Larcher, förderte dort meine musikalische Begabung, indem er mich in der Klavierklasse von Theo Peer und in die Orgelklasse von Reinhard Jaud (damals Domorganist in Innsbruck) am Innsbrucker Konservatorium unterbrachte. Reinhard Jaud empfahl mich wiederum nach Wien in die Orgelklasse von Michael Radulescu. Dieser große Meister der Orgelkunst war und ist mein großes Vorbild, in jeder Hinsicht.
Was hat Sie vor 20 Jahren bewogen, sich für St. Pölten als Dienstort zu entscheiden?
Eigentlich hatte ich keinen Anlass mich zu verändern. Ich hatte ein hervorragendes Arbeitsumfeld als Organist im Wiener Schottenstift, zusätzlich zwei große Lehraufträge an den Musikuniversitäten in Graz und Wien, eine Lehrtätigkeit am Diözesankonservatorium für Kirchenmusik in Wien und zahlreiche Konzerteinladungen als Organist. Mein Studienfreund und Vorgänger als St. Pöltner Domorganist Franz Danksagmüller erzählte mir allerdings in einem langen Gespräch, noch bevor ich mich zur Bewerbung entschließen konnte, von den hervorragenden Arbeitsbedingungen in St. Pölten. Die Metzler-Orgel im Dom kannte ich durch wiederholte Konzertbesuche während meiner Studienzeit und vor allem auch durch zwei Konzerte, die ich vorher durch Einladungen dort spielen durfte. Insgesamt würde ich sagen: Ein Hauptgrund war sicher die Schönheit der St. Pöltner Domorgel.
Als gebürtiger Osttiroler sind Sie ja hohe Berge gewohnt. Wie gefällt es Ihnen hier im „Flachland“?
Als passionierter Alpinist bin ich im Sommer und Winter natürlich viel in den Tiroler Bergen unterwegs. Dadurch bin ich den hochalpinen Regionen immer verbunden geblieben. Und, immerhin, der „Rauhe Kamm“ am Ötscher (der „heilige Berg“ in Niederösterreich, wie ihn Prälat Walter Graf mir gegenüber immer bezeichnet hat) ist schon recht anspruchsvoll, jedenfalls wunderschön. Sonst faszinieren mich vor allem die Schönheit des Mostviertels mit der Obstblüte im Frühjahr und der Farbenpracht der Herbstzeit und natürlich die Wachau. So fühle ich mich sehr wohl in St. Pölten und in den umliegenden Regionen.
Erst kürzlich feierte Ihr „Arbeitsplatz“, die Metzler-Orgel im Dom zu St. Pölten, ihr 50-jähriges Bestehen. Was ist das Besondere an diesem Instrument? Welche Verbindung hat man nach 20 Jahren als Domorganist zu „seiner“ Domorgel?
Die St. Pöltner Domorgel halte ich für ein zeitlos gelungenes wunderschön klingendes Instrument. Ich bezeichne sie gerne als die „Stradivari“ unter den Orgeln. Als mittlerweile 57-jähriger Organist lernte ich doch einige Instrumente kennen. Ich muss sagen, diese St. Pöltner Metzler-Orgel von 1973 im wunderbaren Egedacher-Gehäuse von 1722 ist von außergewöhnlich inspirierender Klangschönheit. Dort kann sich außerdem meine Leidenschaft für die Improvisation ungebrochen entfalten. Ein schönes Instrument bildet und lehrt einen Musiker ungemein. Mittlerweile habe ich naturgemäß viele Klänge dieser wunderschönen Orgel verinnerlicht. Sicher bin ich nach den vergangenen 20 Jahren mit meiner Domorgel nahezu verwachsen.
Welche Rolle spielen für Sie als Kirchenmusiker Glaube und Kirche? Wie finden bei Ihnen Konzerttätigkeit und liturgischer Dienst zusammen?
Schön ist für mich, dass ich bereits im Studium bemerkt hatte, dass mein tiefer Glaube einen nahezu unzerstörbaren Kern aufweist. Dass ich meine Liebe zu allen Kunstarten, Literatur, Bildende Kunst und natürlich Musik, im liturgischen Vollzug als tiefgläubiger Mensch erleben darf, das ist schon sehr erhebend und erfüllend – bedeutend erfüllender als jedes noch so schöne Konzert. Im Idealfall verschmelzen Konzerttätigkeit und liturgisches Spiel in einer wunderschönen Einheit.
Sie haben 2023 das Gesamtwerk des österreichischen Komponisten Anton Heiller (1923-1979) auf CD aufgenommen. Was fasziniert Sie an dieser Musik, die viele wahrscheinlich als schwer zugänglich bezeichnen würden? Was kann auch ein „ungeschulter“ Hörer dieser Musik abgewinnen?
Anton Heiller ist für unsere österreichische Orgelwelt ein wirklich ganz bedeutender Mann gewesen – als Pionier in der Wiederentdeckung der alten Musik und als bedeutender Komponist nach dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich braucht es eine gewisse Neugierde und Offenheit, um die Schönheiten der Heiller’schen Kompositionen zu hören und zu entdecken. Plötzlich erkennt man dann, wie gewaltig die kompositorischen Leistungen von Anton Heiller waren, wenn man bedenkt, wie konservativ, nahezu rückständig, die Kompositionen der Kirchenmusik-Komponisten dieser Jahrzehnte nach dem Krieg waren. Mein verehrter Professor Michael Radulescu war einer der bedeutendsten Schüler von Anton Heiller. So fühle ich mich als „Enkelschüler“ von Heiller seinem Werk seit meinen Studienjahren eng verbunden.
Mich fasziniert an den Werken von Heiller vor allem sein Erfindungsreichtum, sein improvisatorischer, intuitiver Kompositionsvorgang. Trotzdem ist alles immer mit unvergleichlich höchster kompositorischer Qualität geschrieben. Ich denke es erschließt sich einem offenen neugierigen Menschen sofort diese Musik, auch ohne, dass man von den kompositorischen Raffinessen weiß.
Welche (musikalischen) Pläne haben Sie für die nächsten 20 Jahre? Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für Kirchenmusik in der Zukunft?
Pläne habe ich leider für 20 weitere Leben, aber ich werde wohl nur mehr einen kleinen Ausschnitt davon umsetzen können. Für die nächste Zeit plane ich Gesamtaufnahmen aller Orgelwerke meines Lehrers Michael Radulescu sowie des Komponisten Erich Urbanner. Für die Kirchenmusik wünsche ich mir Persönlichkeiten, die erfüllt sind von dieser wunderschönen Aufgabe, den herrlichen Werken aus so vielen Jahrhunderten, die sich mit der dafür nötigen Sorgfalt und Liebe sowie der notwendigen Ausdauer dem Studium dieser Kunstwerke widmen, offen sind für die jeweiligen Zeitumstände, und erfindungsreich im Umgang mit manchmal schwierigen Umständen. Den künftigen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wünsche ich, dass sie beseelt sein mögen von der schönen Vorstellung von Nikolaus Harnoncourt, der einmal meinte: „Die Kunst ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.“
Interview: Felix Deinhofer
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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