Sr. Elvira Reuberger berichtet
Vor 800 Jahren wurde die Krippe „erfunden“

Sr. Elvira Reuberger (2. v. li.) und ihre Mitschwestern kennen die Krippentradition ganz genau. Das Bild zeigt die Amstettner Franziskanerinnen mit der Winklarner Bauernfamilie Hinterbuchinger – und mit Esel und jungem Ochsen.   Foto: Wolfgang Zarl | Foto: Wolfgang Zarl
  • Sr. Elvira Reuberger (2. v. li.) und ihre Mitschwestern kennen die Krippentradition ganz genau. Das Bild zeigt die Amstettner Franziskanerinnen mit der Winklarner Bauernfamilie Hinterbuchinger – und mit Esel und jungem Ochsen. Foto: Wolfgang Zarl
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Betlehem ist überall“, ist der Titel eines bekannten Liedes. Und Betlehem ist auch sehr oft dort, wo Menschen vom Geheimnis der Geburt Jesu berührt sind. So verstehen das Angehörige des Franziskanerordens, wie Sr. Elvira Reuberger von der Gemeinschaft in Amstetten berichtet. Bei jeder Reise nach Assisi gibt es eine Krippenandacht, auch im Sommer. Die Ordensfrau war schon oftmals an der Wirkstätte von Franz von Assisi und Sr. Elvira kennt auch den Ort, wo im Jahr 1223 die erste Krippenandacht mit dem Ordensgründer stattgefunden hat, sehr gut.

Vor 800 Jahren, am 25. Dezember 1223, wollte der heilige Franz von Assisi in einer nächtlichen Feier die Botschaft von der Menschwerdung Gottes sinnenfreudig und alltagstauglich dem einfachen Volk vor Augen führen. Er selbst hatte in Betlehem einige Jahre zuvor mit innerer Ergriffenheit die heiligen Stätten der Geburt Jesu erleben können. Nun wollte er die Bauernfamilien Italiens auf die Hirtenfelder von Betlehem führen: innerlich und mit allen Sinnen.

Greccio als neues Betlehem

Es war im Jahr 1223, vierzehn Tage vor Weihnachten, als der Heilige einen befreundeten Adeligen bat, in einer einsamen Felsenhöhle in der Nähe des Dorfes Greccio alles für dieses Fest vorzubereiten. Er sollte alles so gestalten, wie das Kind von Betlehem in bitterer Not geboren worden war. Aus Greccio sollte gleichsam ein neues Betlehem werden. Die Leute aus der Umgebung und die Brüder kamen mit Fackeln herbei und fanden in der Höhle eine Futterkrippe mit Heu zwischen einem lebendigen Ochsen und einem Esel. Über der Krippe wurde ein einfacher Altar errichtet und ein Hochamt gefeiert. Franziskus sang mit bewegter Stimme das Evangelium von der Heiligen Nacht und predigte dem umstehenden Volk von der Geburt des armen Gottessohnes. Damals, so schließt die Erzählung von der ergreifenden Feier, „ist das Kind Jesu im Herzen vieler neu geboren worden“.
Sr. Elvira betont: „Damit auch in unseren Herzen und in unserem Leben Gott Mensch werden kann, feiern wir jedes Jahr das Fest der Heiligen Nacht: Weihnachten.“ Und jede Assisi-Reise mit den Franziskanerinnen führe auch nach Greccio, zu der Einsiedelei im Rietital, selbst wenn das in der warmen Jahreszeit ist: „Dann hören wir dort vor der Felsenhöhle das Weihnachtsevangelium, singen Weihnachtslieder, und alle lassen sich auf besondere Weise von diesem Ort und seiner Innigkeit berühren.“

Die Franziskanerin verweist auch auf eine zentrale Botschaft der Krippe sowie des heiligen Franz von Assisi: „Gott möchte, dass alle Menschen erlöst werden!“ Das würden seit der Zeit der Kirchenväter der Ochs und der Esel zeigen: Ersterer steht für das Volk Israel, zweiterer für die Heiden.

Pater Fritz Wenigwieser, Provinzial der Franziskanerprovinz von Österreich und Südtirol, hat einen guten Überblick über das Krippenbrauchtum der Franziskaner in den verschiedenen Klöstern. So gebe es die Tradition der klassischen Krippe, der „Ikonen-Krippen“ sowie der „lebendigen Krippe“. In seiner Zeit in Pupping (OÖ) habe man die Tiere des Klosters – Esel, Gänse, Pferde, Ziegen ... – am Heiligen Abend eingebunden, und zwar in der Krippe in der Kirche. Auch der Wunsch des heiligen Franz von Assisi sei es gewesen, die Menschwerdung Gottes sinnenhaft und plastisch vor Augen zu führen. Bei den vielen Kindern sei das sehr gut angekommen.

Beim „Kirche bunt“-Gespräch mit P. Wenigwieser war dieser gerade in Innichen, wo Tausende die Krippenausstellung im dortigen Kloster besuchten. Der Franziskaner erzählt, dass ein sterbenskranker Mann diese Schau noch sehen wollte, es war sein letzter Wunsch. Einen Tag später ist er gestorben. P. Wenigwieser verweist auf eine zentrale Botschaft von Weihnachten: „Gott wurde Mensch, damit wir selber mehr Mensch werden!“ Der Franziskaner-Provinzial kann nachvollziehen, warum Weihnachten so beliebt ist: Das Kind in der Krippe berührt die Menschen und das werde auch so bleiben.

Ohne Maria und Josef

Dass bei dieser ersten Krippenfeier Maria und Josef nicht vorgesehen waren, schien niemanden zu stören. Mütter und Väter, arme Hirten waren die Teilnehmer selbst. Wichtiger war ihnen der Glaube an die tatsächliche Gegenwart Christi bei dieser ungewöhnlichen Messfeier. Ein Wandgemälde in der Grotte, in der die Krippenfeier stattfand, zeigt das Kind in der Krippe, darüber den Altar mit Brot und Wein und davor kniend den heiligen Franziskus.

Eine zentrale Botschaft von Weihnachten ist: Gott wurde Mensch, damit wir selber mehr Mensch werden.

Wie immer es sich mit historischen Fakten verhalten mag – eines ist sicher: Die Feier hat bei den Menschen, die dabei waren, Eindruck hinterlassen. Mit weitreichenden, über Jahrhunderte wirkenden Folgen. Bald darauf entstanden in den Kirchen Darstellungen der Geburt Christi. Im Zuge der katholischen Gegenreformation kamen nach dem Konzil von Trient (1545–1563) jene mobilen Krippen auf, die nur zur Weihnachtszeit aufgebaut wurden.

Heute noch sind in den säkularisierten Gesellschaften Westeuropas weihnachtliche Krippenfeiern die meistbesuchten Gottesdienste – weswegen Papst Franziskus dem „wunderbaren Zeichen der Krippe“ einen eigenen Brief widmete. Um ihn zu unterzeichnen, reiste der Namensvetter des Heiligen eigens am 1. Dezember 2019 nach Greccio in das dortige Franziskanerkloster. „Es ist nicht wichtig, wie man die Krippe aufstellt“ – immer gleich oder jedes Jahr anders – „was zählt, ist, dass sie zu unserem Leben spricht“, so der Papst. Wie in jener Dezember-Nacht des Jahres 1223.

Gottes Menschwerdung schauen

Damals soll ein Teilnehmer die Vision gehabt haben, wie in der Krippe ein lebloses Neugeborenes lag, das durch den Heiligen wie aus tiefem Schlaf erweckt wurde. „Gar nicht unzutreffend ist diese Vision“, schreibt Thomas von Celano, der einst dem heiligen Franziskus gefolgt war, „denn der Jesusknabe war in vieler Herzen vergessen. Da wurde er in ihnen mit Gottes Gnade durch seinen heiligen Diener Franziskus wieder erweckt und zu eifrigem Gedenken eingeprägt.“

Oder wie der Papst es formulierte: Vor der Krippe brauche es nicht viele Worte. Die Szene der Geburt Jesu vermittle auch so die wesentliche Weisheit des christlichen Glaubens: „Gott liebt uns so sehr, dass er unsere Menschlichkeit und unser Leben mit uns teilt.“ Wie die Hirten von Betlehem sollten auch heutige Gläubige die Freude, die sie vor der Krippe empfinden, dorthin bringen, wo Trauer herrscht.

Autor:

Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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