Interview mit Bischof Schwarz und Caritasdirektor Ziselsberger
„Die Not wohnt bei dir im Ort – die Hilfe auch“

Caritasdirektor Hannes Ziselsberger und Bischof Alois Schwarz bitten die Leserinnen und Leser von „Kirche bunt“, heuer die Haussammlung der Caritas per Zahlschein zu unterstützen. Das Geld wird dringend benötigt, denn nach der Gesundheitskrise wird nun eine soziale Krise befürchtet.
  • Caritasdirektor Hannes Ziselsberger und Bischof Alois Schwarz bitten die Leserinnen und Leser von „Kirche bunt“, heuer die Haussammlung der Caritas per Zahlschein zu unterstützen. Das Geld wird dringend benötigt, denn nach der Gesundheitskrise wird nun eine soziale Krise befürchtet.
  • Foto: Sonja Planitzer
  • hochgeladen von Wolfgang Zarl

Wie ist Ihre Einschätzung: Wie groß sind die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Menschen in unserem Land?

Bischof Alois Schwarz: Die Krise hat bereits jetzt enorme Auswirkungen: im Umgang miteinander, in der Sorge füreinander. Es geht im Land auch um die Sorge um Arbeitsplätze, um die Sorge um Unternehmen und um die Wirtschaft. Es hat ja in vielen Bereichen so etwas wie einen Stopp gegeben und es ist nun einmal so, dass das Gemeinwohl auch vom Unternehmertum lebt. Wenn es den Unternehmen schlecht geht, stellt sich die Frage: Wo kommt das Geld für den Sozialstaat her? Und es geht um die Fragen, wer den Betroffenen in den sozialen Notlagen hilft? Wer sorgt für die Kranken?

Caritasdirektor Hannes Ziselsberger: Wir in der Caritas tun das. Mit der Caritas ist Kirche ganz nah an den Menschen. Wenn wir Not sehen, dann handeln wir. Wir hatten in der Coronakrise eine schwierige Zeit zu bewältigen, weil wir natürlich alle sozialen Dienst­leis­tungen aufrechterhalten haben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der mobilen Hauskrankenpflege sind weiterhin zu den Menschen gefahren und haben sie gepflegt. In unseren Wohnhäusern wurden Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen weiter betreut und begleitet. Das Pflegeheim war weiterhin in Betrieb und auch unsere Sozialberatung und Nothilfe hat durchgearbeitet. Wir bemerken, dass jetzt ganz viele Menschen, die sonst niemals bei der Caritas anklopfen würden, vorstellig werden. Ich habe zum Beispiel einen Anruf von einer jungen Frau erhalten, die neben der Matura Teilzeit gearbeitet hat und diesen Job in der Coronakrise verloren hat. Weil sie keine Reserven und keine Unterstützung von zu Hause hat, war sie plötzlich in der Situation, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnte. Die Caritas hat geholfen und eine Monatsmiete übernommen, damit die Frau Zeit hat, zu schauen, wie sie sich stabilisieren kann. Es ist wichtig, dass wir den Menschen helfen, durch diese Zeit zu kommen. Wir helfen mit kleinen Hilfen: Da einmal die Miete übernehmen, dort einmal die Stromrechnung bezahlen, aber auch viel mit Beratungsleistung.

Wie viel musste die Caritas in der Coronakrise mehr helfen?

Caritasdirektor Ziselsberger: Im April hatten wir eine Steigerung zwischen zehn und 20 Prozent bei den Erstkontakten in unserer Sozialberatung und wir erwarten für die kommenden Monate noch einmal eine deutliche Steigerung, weil die fehlenden Einkommen erst nach und nach spürbar werden. Wir bereiten uns darauf vor, dass wir für Menschen da sind, die bisher noch nie bei der Caritas angeklopft haben.

Erhalten die Caritas-MitarbeiterInnen die ange­kündigte Prämie als Dank?

Caritasdirektor Ziselsberger: Es wird – ähnlich wie bei anderen Pflegeberufen – eine einmalige Zahlung von bis zu 500 Euro für jene MitarbeiterInnen geben, die in der Zeit des Lockdowns Kontakt mit Kundinnen und Kunden hatten. Ich denke, dass jemand, der in diesen Wochen so eng mit Menschen gearbeitet, sie gepflegt und betreut hat, wirklich diese Prämie verdient. Es klingt vielleicht einfach, aber z. B. jemanden zu duschen und dabei einen Schutzanzug zu tragen, ist unglaublich anstrengend. Für viele ist ja schon der normale Mund-Nasen-Schutz eine Belastung.

Bischof Schwarz: Ich habe in den letzten Wochen und Monaten bewundernswerte Menschen getroffen und gemerkt: Was die da machen, das ist ihre Berufung – bei der Caritas, aber auch bei anderen Organisationen wie z. B. dem Roten Kreuz. Für diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie weitermachen. Eine solche Hingabe verdient unsere ganz große Wertschätzung und Dankbarkeit – immer und ganz besonders jetzt. Ich war z. B. mit den Menschen bei der Telefonseelsorge in Kontakt und habe mich für ihren Dienst bedankt. Die hatten ja viel mehr Anfragen als sonst und haben großartige Diens­te geleistet. Dafür bin ich dankbar, denn das ist ein Dienst der Kirche an den Menschen.

Viele fordern angesichts der trüben Wirtschaftsaussichten ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was sagen Sie dazu?

Bischof Schwarz: Die Frage nach dem Grundeinkommen ist eine Frage nach sozialer Sicherheit für den Einzelnen. Ich sehe in Österreich ein durchaus tragfähiges und solidarisches Sozial­system. Wir haben eine Arbeitslosenversicherung, wir haben das AMS, die Notstandshilfe. Ich sehe in Österreich eine große Absicherung im Sozialbereich, und viele gute Ini­tiativen. Es gibt Antworten auf Fragen der Not und das solidarische Miteinander hilft zu tragen, bis Menschen wieder selbst auf den Beinen stehen können.

Caritasdirektor Ziselsberger: Es gibt in diesem Land ein tragfähiges soziales Netz, das von der Allgemeinheit mit Steuern und Abgaben finanziert wird. Als Caritas sehen wir aber auch, dass dieses Netz an einigen Stellen durchlässig ist und Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht immer zielgenau helfen kann. Für diese Menschen braucht es eine ausreichende Absicherung und Unterstützung. Jeder Mensch ist dazu berufen, sich schöpferisch in die Gesellschaft einbringen zu können, tätig zu sein. Dieser Gedanke sollte jede Hilfsmaßnahme leiten.

Die Coronakrise hat enorme wirtschaftliche Folgen. Muss angesichts dieser auch die Sozialversorgung neu aufgestellt werden?

Bischof Schwarz: Das eine ist die finanzielle Unterstützung für die Menschen und Unternehmen, und das andere ist die Frage, welche Arbeitsmöglichkeiten schaffen wir und welche Formen von Beteiligungen? Da braucht es Kreativität und Unternehmergeist. Vielleicht geht es um neue Formen von Genossenschaften, um das Miterfinden von Arbeit, von der die Menschen wieder leben können. Mir geht es nicht nur darum, dass wir finanziell kreativ werden, sondern auch arbeitsmäßig. Da gibt es ja einiges. Manche Gasthöfe haben in der Krise angefangen, Essen auszuliefern. Ich kenne einige Wirte, die haben überlebt, weil sie kreativ waren. Oder manche Landwirte haben ganz kreative Hofvermarktungen entwickelt. Für Probleme im Einzelfall gibt es tragfähige Sys­teme der Absicherung und Hilfe.

Caritasdirektor Ziselsberger: Ich glaube, wir haben ein tragfähiges System. Was bleibt, sind wenige systematische Problemstellungen und Einzelfälle, die durch ein soziales Netz fallen können. Da gibt es Gott sei Dank unsere Sozialberatungsstellen. Caritas kann nie für jemanden das ganze Leben finanzieren, aber wir können punktuell helfen. Und diese Kombination einer sozialen Absicherung und dem kirchlichen Engagement, das die Caritas hier erbringt, wird nie ersetzt werden können. Es wird immer Fälle geben, die sich im gesetzlich definierten Rahmen nicht lösen lassen und wo wir diese sehr unbürokratische Hilfe von Mensch zu Mensch benötigen. Nächstenliebe heißt immer auch, sich um den anderen zu sorgen. Die Caritas sammelt nie für sich selbst, sondern für die Menschen, die in der Pfarrgemeinde wohnen, in der Nachbarschaft. Daher auch das Motto der Haussammlung: Die Not wohnt bei dir im Ort – die Hilfe auch.

Die Haussammlung findet heuer erstmals nicht als Sammlung an den Haustüren der Diözese statt – was bedeutet diese Entscheidung in der Konsequenz für die Caritas?

Caritasdirektor Ziselsberger: Diese Entscheidung haben wir rund um Ostern getroffen, weil wir nicht wollen, dass überwiegend ältere Menschen von Tür zu Tür gehen und sie sowie die Spenderinnen und Spender damit einer möglichen Infektionsgefahr ausgesetzt sind. Die Haussammlerinnen und Haussammler haben in den vergangenen Jahren verlässlich mehr als 800.000 Euro gesammelt – das Geld werden wir heuer dringend benötigen. Denn wir befürchten, dass nach der Gesundheitskrise nun eine soziale Krise folgen könnte. Und um diese meistern zu können, braucht es auch Geld. Es wird also eine Postwurfsendung an jeden Haushalt geben, mit der wir die Menschen um ihren Beitrag bitten. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass uns dabei auch „Kirche bunt“ und die NÖN mit einer Erlagscheinbeilage helfen.

Bischof Schwarz: Ich bitte jeden Haushalt, zu überlegen, bevor man überweist: Wer gibt etwas dazu? Oft gibt es ja in den Haushalten mehr als einen Bewohner – das ist ja auch bei der Haussammlung so, dass da oft mehrere Menschen angetroffen werden, wo dann jede und jeder etwas spenden kann. Mein Wunsch wäre, dass die Menschen in den Haushalten heuer gemeinsam etwas zu einer Sammelüberweisungen beitragen. Wer weiß, vielleicht fällt das Sammelergebnis heuer besser aus als im Vorjahr!

Was haben wir aus der Krise gelernt?

Caritasdirektor Ziselsberger: Persönlich hat mich beeindruckt, dass wir Menschen in eine Situation gekommen sind, wo wir gemerkt haben: Wir haben nicht alles im Griff! Es gibt ein kleines Virus, dass sich so massiv auswirken kann, dass wir mit unserer ganzen Technologie und all unserem Fortschrittsglauben an Grenzen gestoßen sind. Mich hat das aber auch entspannt, weil ich ein großes Gottvertrauen habe und ich mir da auch sicher sein konnte: Ich muss als Mensch nicht alles in der Hand haben. Es gibt eben Dinge, die wir geschehen lassen müssen und die wir nicht verändern können. Ich glaube, dass wir daraus lernen können, was im Leben wirklich wichtig ist.

Bischof Schwarz: Bewegt hat mich die Erfahrung, wie tief wir Menschen miteinander verwoben und verbunden sind: wie ein Räderwerk, das ineinander greift. Wie stark dieses Gerüst ist – und auch wie fragil, weil es immer um Menschen geht. Gesundheit, die persönliche und die einer Gesellschaft, ist ein großes Gut und jeder Mensch ist aufgerufen, sich dafür einzusetzen. Wir müssen darauf achten, dass die Menschen aufeinander hören, aufeinander achten. Auch der digitale Lärm ist heute so laut, dass die Menschen den Aufschrei der Not nicht mehr hören können. Deshalb ist diese Erlagscheinaktion so wichtig, um zu sagen: Leute, es ist großartig, wenn ihr vor dem Fernseher Mitleid habt, aber jetzt geht es ganz konkret um eure Hilfe. Mitgefühl braucht das Tätigwerden , damit wirklich geholfen werden kann. Nur so wird Mitgefühl zur Nächstenliebe.

Interview: Sonja Planitzer

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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