Servitengründer
Sieben, die erkannt haben
- Das ehemalige Servitenkloser in Schönbühel, über dem Donauufer trohnend.
- Foto: Ferdinand Bertl / Archiv
- hochgeladen von Matthias Wunder
Heute zwar einer der kleineren Orden in Österreich, war der Servitenorden früher an vielen Orten vertreten – so auch im Kloster Schönbühel. Am 17. Februar gedenkt die Kirche ihrer sieben Gründer, die eine lebensverändernde Erkenntnis hatten.
In einem Nebengebäude des kleinen Klosters Schönbühel am rechten Donauufer ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts der große Philosoph Franz Brentano nieder, zu dessen Schülern Edmund Husserl und Sigmund Freud gehörten. Brentano war Priester, schied aber aus Protest auf die Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit am Ersten Vatikanischen Konzil erst aus dem Klerikerstand, dann sogar aus der Kirche aus. Dass er den Bezug zur Kirche aber offenbar nie ganz verloren hat, zeigt nicht nur die Wahl seines Wohnortes, sondern auch seine Philosophie, die starke Anlehnungen an die Scholastik des Mittelalters aufweist: Er gilt als Begründer der sogenannten „Aktpsychologie“, einer Denkrichtung, die zwischen dem intentionalen, psychischen Akt und dem Gegenstand, auf den sich dieser Akt richtet, unterscheidet. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass Wahrnehmung immer zwei Seiten hat. Den wahrgenommenen Gegenstand und die Beziehung, in die ich mich in meiner Wahrnehmung zu ihm setze.
Jenseits aller kleinteiligen Details, die mit dieser philosophischen Lehre einhergehen, lässt sich interpretativ ein ganz konkreter lebensweltlicher Bezug daraus ableiten: Was auch immer ich wahrnehme, wird für mich relevant durch die Art und Weise, wie ich mich dazu positioniere. Insofern ist auch das bewusste Wegsehen, das Ignorieren eine Möglichkeit, etwas wahrzunehmen, indem ich eben bewusst jede Beziehung zum Wahrgenommenen von mir abweise. Und umgekehrt erfordert echtes Wahrnehmen auch die entschiedene Hinwendung, das bewusst In-Beziehung-treten.
Vor 800 Jahren in Florenz
Manche Dinge, die wir sehen, affizieren uns aber auch einfach so stark, dass wir gar nicht anders können, als zu reagieren, als tätig zu werden. So ähnlich ging es vielleicht den sieben Kaufleuten Monaldi, Manetti, dell‘Antella, Amidei, Lippi-Ugoccioni, Sostegno und Falconeri, die an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in Florenz lebten. Florenz war damals bereits unter den aufstrebendsten Städten Europas: Ein Zentrum für Handel, Kultur, Pracht- und Machtentfaltung. Aber das war nicht die einzige Lebensrealität im schönen Florenz: bittere Armut, Verwahrlosung und Krankheit stand dem Reichtum des aufstrebenden Florentiner Bürgertums, des Adels und der Kirche gegenüber.
Die sieben Gründer sagten „ja“, als sie in den Armen den Ruf Gottes erkannten.
Die sieben Kaufleute, die sich aus einer Bußbruderschaft der allerheiligsten Jungfrau kannten, sahen das Leid der vielen Armen und den eklatanten Graben, der sie von ihnen trennte. Statt aber nur Almosen zu geben oder hier und da ein gutes Werk an den vom wirtschaftlichen Aufschwung Zurückgelassenen zu tun, entschieden sie sich für einen viel radikaleren Weg.
Die Haltung, die sie in ihrer Wahrnehmung der Armut entwickelt hatten, wurzelte in der Erkenntnis, dass diese Armen dort zum einen ungerecht behandelt wurden, zum anderen aber eigentlich viel näher an Gott und an dem Leben waren, das Christus vorgelebt hatte. Die Konsequenz, die sie aus dieser Haltung gezogen haben, die Tat, die sich daran anschloss, war die bedingungslose Hingabe an ein Leben, durchdrungen von der Nachfolge Christi: 1233 gaben die sieben Männer ihren gesamten Besitz auf und kümmerten sich fortan um die Armen in Florenz.
Marianisches Charisma
Der von ihnen gegründete Servitenorden besitzt darüber hinaus ein spezielles marianisches Charisma, auch weil der erste gemeinsame Bezugspunkt der sieben Gründer eine ihr geweihte Bruderschaft war. Darüber hinaus ist die Gottesmutter das perfekte Beispiel für die hingebungsvolle Annahme des Rufes Gottes. Sie sagte „ja“, als der Engel sie in Gottes Plan einweihte. Und die Gründer der Serviten sagten „ja“, als sie in den Armen und Notleidenden den Ruf Gottes erkannten.
Die Serviten fügen sich ein in die Armutsbewegung des Hochmittelalters, zu der auch die Heiligen Franziskus und Dominikus zu zählen sind. Sie alle vereint die Bestrebung, Christus in der Welt in Armut, Keuschheit und Gehorsam nachzufolgen. Auch wenn es heute leider nur mehr vier Klöster der Serviten in Österreich gibt, zeigt uns ihr Beispiel, ihr Charisma und ihre Gründungsgeschichte, dass der Ruf Gottes oft in den konkreten Erfordernissen der Welt besteht und einfach nur wahrgenommen werden muss. Und wer weiß, vielleicht wird das Kloster an der Donau, in dem heute noch regelmäßig Messen gelesen werden, ja irgendwann wieder besiedelt?
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.