11. September
Die Bedrohung ist ernst

Anschlag auf das World Trade Center. | Foto: EXPA / laPresse / Archiv
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Der 11. September 2001 – 9 / 11 – ist jetzt 25 Jahre her. Können Sie kurz zusammenfassen, wie sich der Terrorismus in diesen 25 Jahren entwickelt hat?

Dr. Nicolas Stockhammer: Der Terrorismus selbst hat sich verändert. In den letzten 15 Jahren etwa hat sich der islamistische Terrorismus in Richtung eines Einzeltäterphänomens entwickelt. Die Anschlagsszenarien sind niederschwelliger geworden. Man hat Messerattacken oder terroristische Amokfahrten gesehen, aber kaum diese großen Szenarien und schon gar nicht diese Megaszenarien so wie 9 / 11. Das liegt auch an der besseren Terrorismusbekämpfung. Als Wissenschaftler versuchen wir, Muster zu entdecken und Erkenntnisse zu generieren, die zu dieser verbesserten Terrorismusbekämpfung beitragen. Es geht darum, zu antizipieren, wohin sich das Phänomen des Terrorismus entwickelt und wie man diesen Bedrohungen begegnen kann.

Auf der Metaebene erleben wir etwas, das ich „die Virtualisierung des Terrorismus“ nenne. Die gesamte terroristische Wertschöpfungskette findet im Netz statt: Propaganda, Rekrutierung, Radikalisierung von Einzelpersonen bis hin zur logistischen Planung. In der KI sehe ich ein Potenzial, dass sich der Terrorismus nochmals in eine andere Richtung entwickeln könnte: dass auch Einzeltäter Szenarien viel leichter umsetzen können werden, die vorher in dieser Form nicht möglich waren.

Der typische Terrorist ist jung, männlich, muslimisch. Ist das richtig?

Stockhammer: Im Hinblick auf die letzten zehn Jahre in Europa ist diese Einschätzung richtig. Was sich in den letzten etwa fünf Jahren drastisch verändert hat, ist, dass immer mehr 12- bis 14-Jährige zu Hauptakteuren werden. Der islamistische Terror bleibt in Österreich und Europa weiterhin dominant. In den letzten Jahren lässt sich auch ein Zuwachs an Frauen verzeichnen. Sie treten vor allem in der Rolle der Unterstützerinnen auf.

Wie funktioniert Radikalisierung online?

Stockhammer: Es ist natürlich eine „Urban Legend“, dass jemand sich vor ein Gerät setzt, Tik Tok konsumiert und plötzlich radikalisiert wird. Es gibt so etwas wie eine Präradikalisierung, das heißt: Menschen haben in der echten Welt schon eine Vulnerabilität für extremistische Ideologien und das Internet wirkt als eine Art Katalysator.

Wie verändert sich Terrorismus im Hinblick auf den Krieg im Nahen Osten?

Stockhammer: Der Terroranschlag der Hamas auf Israel war ein Gamechanger, der islamistische Radikalisierung sehr stark vorangetrieben hat. Extremismus lebt von einem Opfer-Narrativ, das dann umgemünzt wird in ein Rache-Narrativ. Zuerst: „Wir sind die Opfer“ und dann: „Wir haben ein Feindbild, das gewaltsam bekämpft werden muss.“ Islamisten haben sehr schnell verstanden, dass die Debatte rund um Gaza und das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser ein Reizthema ist, das zu gewaltsamen Akten gegen Juden und Ungläubigen aus Sicht der Islamisten anstiften kann. Eine vermeintliche Solidarität mit den Palästinensern, die ausblendet, dass der Beginn dieser Eskalation ein brutaler Terroranschlag der Hamas mit 1.200 grausamst abgeschlachteten Todesopfern war, ist ein gewaltiger Katalysator für islamistische Gewalt.

Seit 2023 gab es alleine in Österreich zumindest sieben, vielleicht sogar acht Anschlagsszenarien, die verhindert werden konnten. Es gab einen, aus Sicht des Attentäters, erfolgreichen Anschlag in Villach 2025. All das zeigt, dass es eine zugespitzte Dynamik gibt: Die Bedrohung ist virulent und ernst.

Wie müsste denn die Welt aussehen, damit es keinen Terrorismus mehr gibt?

Stockhammer: Als Terrorismusforscher bin ich fest davon überzeugt, dass es keine Welt geben kann, wo Terrorismus nicht existiert. Es wird immer menschliche Differenzen und Uneinigkeit über Ideologien und Religion geben. Das Potenzial zu gewaltsamen Eruptionen gab es immer und wird es immer geben.

Porträt

Dr. Nicolas Stockhammer ist Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Terrorismus- und Extremismusforschung an der Universität für Weiterbildung Krems. Im dort beheimateten Studiengang „Counter-Terrorism, PVE & Intelligence“ werden Experten in Terrorismusforschung ausgebildet.

Interview: M. Wunder

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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