Geschichte
80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs
- General Stanley Reinhart und General Dmitri Dritschkin am 8. Mai 1945 in Erlauf.
- Foto: Erlauf Erinnert
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Alle Pfarren sind aufgerufen, am 8. Mai um 17.45 Uhr die Glocken der Kirchen und Kapellen zu läuten – als Zeichen der Erinnerung und der Freude, dass an diesem Tag im Jahr 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.
Es ist ein Beispiel unter vielen: Kurz vor der Befreiung wurden noch 14 KZ-Häftlinge von den Nazi-Schergen in Wolfsbach ermordet, die durch das Diözesangebiet Richtung Mauthausen getrieben wurden. In einer Chronik heißt es dazu: „Schlecht gekleidet, Schuhwerk sehr mangelhaft, nasskaltes Wetter, mancher bekreuzigte sich beim Vorbeigehen bei der Kirche, die Leute hatten Mitleid mit ihnen, aber niemand getraute sich ein Wort zu sagen. Wer von den Gefangenen nicht weiter konnte, wurde sogleich erschossen und sofort neben der Straße eingescharrt.“ Die 14 wurden am 11. Februar 1946 nach der Exhumierung in einem gemeinsamen Grab „unter großer Beteiligung der Bevölkerung“ bestattet. Jetzt will der Kameradschaftsbund das Gedenkkreuz am Wolfsbacher Friedhof restaurieren, berichtet der ortskundige Josef Penzendorfer.
In den letzten Kriegswochen kam es zu schrecklichen „Endphaseverbrechen“, sowie „Evakuierungs-“ und „Todesmärschen“. Die Außenlager des KZ Mauthausen in Niederösterreich – etwa in Melk oder Amstetten – wurden aufgelöst, die Häftlinge „evakuiert“ oder vor Ort erschossen, wenn sie nicht mehr als transportfähig galten. Im Zuge des am 6. April verübten Massakers im Zuchthaus Stein, auf das eine grausame Menschenhatz in der Umgebung von Krems folgte, starben 400 bis 500 Menschen.
Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs im Diözesangebiet waren geprägt von schweren alliierten Luftangriffen und Gewalt und Chaos. Die Wehrmacht setzte sich meist ungeordnet Richtung Westen ab. In Niederösterreich irrten freigelassene KZ-Häftlinge, Überlebende von Evakuierungs- und Todesmärschen aber auch bis zu 100.000 ehemalige Zwangsarbeiter umher. Zusätzlich befanden sich Angehörige „volksdeutscher“ Minderheiten in Niederösterreich, die vor der Roten Armee geflohen waren. Am 15. April wurden die Kämpfe rund um St. Pölten eingestellt, bevor am 8. Mai die Rote Armee und die US- Armee, die am 6. Mai die Enns überschritten hatte, bei Erlauf zusammentrafen.
Freilich darf nicht vergessen werden: Der Einmarsch der Alliierten bedeutete für viele unsagbares Leid: Zahlreiche Frauen wurden Opfer von Vergewaltigungen durch die Besatzer; vor allem die russischen Rotarmisten waren gefürchtet.
Kriegsende in Erlauf gefeiert
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 trafen sich in Erlauf der sowjetische General Dmitri Dritschkin und der US-amerikanische General Stanley Reinhart und feierten gemeinsam den um 00.01 Uhr in Kraft tretenden Waffenstillstand. In Europa war der Krieg beendet. 20 Jahre nach dem historischen Treffen der Generäle brachten die jüdischen Emigranten Ernst Brod und Frank Schanzer die Erinnerung an die Ereignisse mit einer Broschüre der US-Division nach Erlauf zurück. Die daraufhin am Gemeindehaus von Politikern offiziell enthüllte Gedenktafel war die Initialzündung für eine bis heute lebendige Erinnerungskultur in Erlauf. Kaum ein anderer Ort vergleichbarer Größe im deutschsprachigen Raum hat sich derart bewusst und über eine ähnlich lange Zeitspanne hinweg mit den Themen Frieden, Erinnerung und Kunst auseinandergesetzt.
Das Glockenläuten am 8. Mai soll sieben Minuten des Innehaltens, des Gebets und der Freude sein.
Von 1965 an organisierte die Gemeinde zunächst jährlich eine Gedenkfeier, aus denen später die Friedenstage hervorgingen. Und schließlich entstand eine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte im öffentlichen Raum. Mit dem „ERLAUF ERINNERT. Museum der Friedensgemeinde Erlauf“ wurde ein Ort der übergreifenden Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, Erinnerungskultur und Gegenwartskunst geschaffen. Wolfgang Kainzner, Pfarrgemeinderatsobmann-Stellvertreter von Erlauf, verweist auf eine hochkarätige Veranstaltung am 10. Mai, in der man in der Friedensgemeinde dem Handshake der beiden Generäle künstlerisch nachspürt.
Viele Gedenkveranstaltungen werden österreichweit stattfinden. Auch Pfarren und kirchliche Institutionen beteiligen sich an Erinnerungsfeiern für die Opfer des Nationalsozialismus.
Mit dem Festakt „70 Jahre Frieden, 60 Jahre Freiheit – ein Grund zur Freude!“ machten im Gedenkjahr 2015 Musikstudentinnen und Musikstudenten mit Liedern und Instrumentalstücken vor dem Stift Göttweig auf das Anliegen des Friedens aufmerksam. Im Anschluss an dieses Konzert wurde von Göttweig aus ein „österreichweites Friedensläuten“ gestartet. Der damalige Göttweiger Abt Columban Luser OSB ermutigt als „Schirmherr“ seit 2015, dies jährlich zu tun. Auch Bischof Alois Schwarz unterstützt diese Friedensinitiative.
„Von den Stiftskirchen über die Stadttürme, von den Pfarrkirchen bis zu den kleinsten Dorfkapellen möge der Wunsch nach Frieden erschallen“, so Norbert Hauer von der Friedensinitiative.
Glockengeläut: 8. Mai um 17.45 Uhr
Alle großen Ereignisse, viele zu Herzen gehende Begebenheiten, jede Feier in einer Pfarre, in einer Gemeinde, in einem Dorf werden und wird durch das Läuten der Glocken den Menschen kundgetan: jetzt passiert etwas Außergewöhnliches! Hier wird gefeiert! Daher bittet die Initiative, heuer am Donnerstag, 8. Mai, um 17.45 Uhr 7 Minuten die Glocken läuten zu lassen! Es sollen sieben Minuten des Innehaltens, des Nachdenkens, des Gebets, der Dankbarkeit und der Freude sein. Auch bei den Flurumzügen, den Bittgängen durch Wiesen und Felder könnte man singend und betend den Frieden zum Thema machen.
Über 100.000 Kirchenglocken wurden im Krieg eingeschmolzen, um aus ihrem Metall Kriegsgerät herzustellen. Das Vorgehen des NS-Regimes stieß teilweise auf heftige Ablehnung. Trotzdem konnten nur wenige Glocken gerettet werden. Nach dem Krieg kamen neue Glocken nach und nach in Prozessionszügen zurück in die Pfarren, es war ein Zeichen, dass es nach dem Krieg bergauf ging.
Kirchliches Aufbauprogramm
In den letzten Kriegswochen wurden viele Kirchen durch Bombardierungen beschädigt. Die innerkirchlichen Strukturen erfuhren nach Kriegsende so manche Erneuerung: Schon zu Kriegszeiten hatte man überlegt, wie das katholische Leben in Friedenszeiten gestaltet werden könne. In der Diözese St. Pölten wandte sich Bischof Michael Memelauer bereits zwei Wochen nach dem europäischen Kriegsende, am 21. Mai, in einem Pastoralschreiben an den Klerus: Künftig solle die Kirche rein seelsorglich und fern aller Parteipolitik agieren. Nach Besprechungen mit Priestern im beschädigten St. Pöltener Bistumsgebäude entwickelte der 70-jährige Bischof ein umfassendes religiöses und kirchliches Aufbauprogramm – zu diesem gehörte übrigens auch das Projekt der Gründung einer Kirchenzeitung. Wolfgang Zarl
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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