Interview mit Thomas Hilzensauer
„Viele Leute kneippen, ohne es zu ahnen“

Das Wassertreten gehört zu den bekanntesten Aspekten des Kneippens.
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  • Das Wassertreten gehört zu den bekanntesten Aspekten des Kneippens.
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Am 17. Mai würde Sebastian Kneipp 200 Jahre alt. Freilich ist der katholische Priester aus dem Allgäu schon lange tot, er starb 1897. Doch sein Gesundheitsprogramm, das Kneippen, lebt weiter. Was es damit genau auf sich hat, erklärt Thomas Hilzensauer im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Bundesgeschäftsführer des Kneipp-Bundes mit Sitz in Bad Wörishofen spricht auÿerdem über mangelnde Studien zu dem Naturheilkonzept und erklärt den Espresso des Kneippianers.

Herr Hilzensauer, wenn jemand noch nie gekneippt
hat - warum sollte er nun damit anfangen?

Hilzensauer: Nehmen wir das Wassertreten, den wohl bekanntesten
Aspekt des Kneippens. Jetzt im Frühjahr werden
die Kneipp-Becken drauÿen wieder mit Wasser gefüllt. Wer
da durchgeht, kräftigt sein Immunsystem, was die körpereigenen
Abwehr- und Selbstheilungskräfte steigert. In Pandemie-
Zeiten ist das wichtiger denn je.

Kneippen schützt vor Corona?
Hilzensauer: Natürlich nicht direkt. Aber wer vital ist,
dürfte weniger anfällig für eine Infektion sein oder diese leichter
überstehen.

Sie haben das Wassertreten einen Aspekt genannt.
Was ist Kneippen noch?

Hilzensauer: Kneipp hat es selbst nie so formuliert, aber
was er an altem Volkswissen zusammengeführt und weiterentwickelt
hat, ist eine ganzheitliche Gesundheitspege auf
fünf Säulen. Zur Heilkraft des Wassers - des kalten wie des
warmen - kommen noch Heilpanzenanwendungen, gesunde
Ernährung, Bewegung sowie Ordnung, also Ausgeglichenheit
der Seele. Hinter diesen Säulen steht eine Riesenpalette an
Anwendungsmöglichkeiten. Dass diese individuell einstellbar
sind, ist eine Stärke des Systems. Denn jeder Körper reagiert
anders.

Welche Anwendungen gibt es neben dem Wassertreten?
Hilzensauer: Im Bereich Ordnung etwa Entspannungsangebote
aus Elementen von autogenem Training, Yoga und Qigong.
Wichtig ist auch die Suche nach kraftgebenden Strukturen.
Das kann ein Spaziergang sein, ein Gebet oder ein
Kirchgang. All das soll beruhigen, aber auch die Konzentration
auf einen geregelten Tagesablauf ermöglichen, in dem es
etwa Mahlzeiten und Schlaf immer zur gleichen Zeit gibt, damit
der Körper sich darauf einstellen kann. Ich selbst mag als
regelmäÿige Übung gern den Espresso des Kneippianers: ein
kaltes Armbad, das nach der Mittagspause anregt. Ähnlich
wirkt ein kalter Gesichtsguss, der hilft gegen Kopfschmerzen.

Wer recherchiert, stößt rasch auch auf Schnee- oder
Morgentautreten. Klingt das bloß esoterisch?

Hilzensauer: Das ist nicht esoterisch, sondern praktisch.
Davon werden die Füÿe warm - ein Eekt, den man sofort
merkt. Das ist doch Beweis genug für die Wirksamkeit.

Mit Verlaub: Tautreten oder Armbad sind ja keine
Raketenwissenschaft. Wozu braucht es Kneipp-Fachleute?

Hilzensauer: Wir hören oft: Das kenne ich von meiner
Großmutter. Das kann gut sein, denn wie gesagt: Kneipp hat
nichts Neues erfunden, sondern Altes neu betrachtet, verfeinert
und verbunden. Das geht bis heute so weiter, insofern ist
das Kneippen ein Prozess. Und insofern kneippen viele Leute,
ohne es zu ahnen, wenn sie sich etwa nach dem Duschen kalt
abbrausen. Pros wie in zertizierten Kneipp-Hotels sind trotzdem
nötig. So bekommen Kurpatienten ja gröÿere Anwendungen
wie Vollgüsse, bei denen der Körper schon mal heftig reagiert.
Das muss von therapeutisch geschultem Personal überwacht
werden. Und schon bei kleinen Anwendungen gibt's oft Fehler.

Welche?
Hilzensauer: Durch die Wassertret-Anlagen laufen viele
Menschen einfach durch. Besser wäre der Storchengang. Und
hinterher soll man sich nicht abtrocknen, sondern abstreifen.
So werden die kalt gewordenen Hautstellen stärker durchblutet.
Auÿerdem sollte man nicht direkt nach dem Wassertreten
ein Armbad nehmen, was viele tun. Stattdessen gehören zwischen
Anwendungen immer Pausen, damit sich die Körperreaktionen
nicht gegenseitig aufheben. Und wer warm-kalte
Wechselduschen nicht morgens, sondern abends praktiziert,
muss damit rechnen, dass ihm das Einschlafen schwerer fällt.

Heute bieten schon Kindergärten das Kneippen an.
Kritiker halten das für Förderitis. Was entgegnen Sie?

Hilzensauer: Dass man mit dem Kneippen nicht früh genug
beginnen kann. Es geht ja schlicht um ein gesundes Leben,
wozu beispielsweise eine bewusste Ernährung zählt. Und
was Wasser-Anwendungen angeht: Davon gibt's in Kinderg
ärten natürlich nur sanfte. Keinem Kind wird ein eiskalter
Kübel über den Kopf gekippt. Ganz wichtig: Alles ist freiwillig,
kein Kind wird zur Teilnahme gezwungen. Aber Kinder
haben doch immer Spaÿ mit Wasser. Und aus den von uns
zertizierten Einrichtungen wissen wir: Dort sind die Kinder
gesünder als anderswo.

Dafür gibt es aber keine wissenschaftlichen Belege.

Hilzensauer: Richtig, das ist ein Erfahrungswert. Wir planen
dazu gerade eine Studie. Eine solche hat für zertizierte
Senioreneinrichtungen schon ergeben, dass die Menschen
dort ein besseres Immunsystem haben. Und bei den Kneipp-
Kitas spricht doch das Wachstum schon für sich: von 0 auf
475 in 20 Jahren, Tendenz steigend.

Eine 2020 veröentlichte Auswertung der aktuellen
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Effekten des Kneip
pens ergab: 
Die Kneipp-Therapie scheint bei zahlreichen Beschwerdebildern
in verschiedenen Patientenkollektiven positive
Eekte zu bewirken. Euphorie klingt anders, oder?

Hilzensauer: Ja, es mangelt beim Kneippen auf jeden Fall
an aussagekräftigen Studien. Das wollen wir nachholen. Aber
dafür brauchen wir Geld. Leider gibt es in dem Bereich keine
großen Sponsoren oder Förderungen. Um das Thema anzuschieben,
haben wir unter anderem schon eine Stiftungsprofessur
für Naturheilkunde an der Berliner Charite mitfinanziert.

Wie steht es um die Zukunft des Kneippens?
Hilzensauer: Wir müssen gegen den doch etwas verstaubten
Charakter des Kneippens ankämpfen. Unsere Zukunftsaufgabe
ist es, bekannt zu machen, dass dahinter mehr steckt
als ein paar Spritzer kaltes Wasser - nämlich ein komplettes
Gesundheitssystem für jeden, das weder viel Zeit noch Geld
erfordert. Wir wollen mit dem Kneipp-Gedanken die Gesundheitskompetenz
der Bevölkerung stärken.

Kneippbund
Effekte der Kneipptherapie

Service
Der Kneipp-Bund ist nach eigenen Angaben die größte private Gesundheitsorganisation in Deutschland. Seinen Sitz hat er in Bad Wörishofen im Unterallgäu, wo Sebastian Kneipp seine ganzheitliche Gesundheitslehre einst maÿgeblich entwickelt hat. In der Hochzeit vor etwa 60 Jahren zählte der 1897 gegründete Bund rund 800 Vereine und 180.000 Mitglieder. Heute gehören ihm etwa 500 Vereine mit 150.000 Mitgliedern an. Hinzu kommen ungefähr 700 zertizierte Einrichtungen wie Hotels, Kindergärten und Gästehäuser. So erreiche der Bund täglich an die 200.000 Menschen, die mit den Kneipp'schen Verfahren in Berührung kämen, heißt es.

Das Wassertreten gehört zu den bekanntesten Aspekten des Kneippens.
Sebastian Kneipp (1821-1897).
Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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