Interview
Trauer gehört zum Leben dazu

Mechthild Schroeter-Rupieper hat in Deutschland die Familientrauerarbeit begründet, als Mitbegründerin in Österreich und in der Schweiz ist sie europaweit als Fortbildungsreferentin tätig. In Vorträgen und Seminaren zeigt sie Hilfestellungen im Fall von (akuten) Trauer- und Trennungssituationen.
  • Mechthild Schroeter-Rupieper hat in Deutschland die Familientrauerarbeit begründet, als Mitbegründerin in Österreich und in der Schweiz ist sie europaweit als Fortbildungsreferentin tätig. In Vorträgen und Seminaren zeigt sie Hilfestellungen im Fall von (akuten) Trauer- und Trennungssituationen.
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Der Mensch ist von klein auf mit Verlusten und daher mit Trauer konfrontiert, sagt Trauerbegleiterin und Autorin Mechthild Schroeter-Rupieper im Interview mit „Kirche bunt“. Allerdings trauern Kinder und Jugendliche anders als Erwachsene.

Was bedeutet das eigentlich: trauern?
Mechthild Schroeter-Rupieper: Trauern bedeutet, einen Verlust wahrzunehmen und zu begreifen. Es gibt so viele Gründe zum Trauern: vom Verlust eines Gegenstandes, der einem viel wert war, über die Trauer, weil eine Freundin weggezogen ist, weil die Ehe gescheitert ist, weil man das Hör- oder Sehvermögen verloren hat, bis hin zur Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist.

Gibt es eine richtige Art zu trauern?
Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich trauere, weil meine Freundin weggezogen ist oder ob mein Mann gestorben ist. Mit meiner Freundin kann ich ja noch telefonieren, sie treffen. Aber wenn mein Mann gestorben ist, dann muss ich etwas verändern, weil sich einfach mein Leben verändert hat.
Trauern wird ja manchmal mit Klagen und Weinen verwechselt – beides steht uns in der Trauer natürlich zu und es ist wichtig, Gefühle auszudrücken, denn Gefühle, die ich unterdrücke, setzen letztlich mich unter Druck und können sogar eine Krankheit oder Depression auslösen. Aber auf Dauer ist es einfach zu wenig, nur zu klagen und zu jammern, dass man z. B. nach dem Tod des Ehepartners einsam ist. Menschen, die in ihrer Trauer einfach nur sitzen bleiben und klagen, erwarten oft, dass jemand anderer etwas verändert. Aber damit mein Leben wieder ins Lot kommt, muss ich selber etwas verändern. Das ist natürlich anstrengend und bedeutet Arbeit. Nur Klagen ist unproduktiv – Trauern ist produktiv.

Was ist wichtig beim Trauern?
Ich denke, das Wichtigste ist, dass ich mein Herz, das voll von Traurigkeit ist, immer wieder ausschütten kann. Wir müssen in der Trauer keine Masken aufsetzen, sondern dürfen und sollen so sein, wie wir sind. Damit mache ich im Herzen wieder Platz für Mut, Hoffnung, Zuversicht … Es geht tatsächlich darum, dass der trauernde Mensch über seine Trauer redet – letztlich vor allem auch darüber, wie es weitergehen kann und dass er sich mit seinen Wünschen beschäftigt. Sehn­süch­te und Wünsche haben etwas Lebensbejahendes – so kann man wieder Mut fassen und weitermachen.

Wir Erwachsenen haben oft den Drang, unsere Kinder vor Trauer zu schützen. Sollen wir das tun?
Nein, denn Trauer gehört zum Leben dazu. Im Grunde beschützen wir Kinder und Jugendliche am besten, wenn wir ihnen helfen, die Trauer und die Krise zu bewältigen und nicht indem wir sie davor weghalten. Es geht darum, Kinder an die Hand oder in den Arm zu nehmen, oder wenn sie größer sind, ihnen Erklärungen mitzugeben, um sie in der schwierigen Situation zu stärken und ihnen zu zeigen, wie man mit Trauer umgeht oder wie man ein Problem löst.

Trauern Kinder anders?
Ja, weil sie noch nicht diese Endgültigkeit oder die Dimension des Geschehenen, z. B. bei einer Scheidung oder im Todesfall eines Elternteils begreifen können. Wenn kleine Kinder so einen Verlust erleben, dann können sie das nicht realisieren. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit der kog­nitiven Hirnreife. Wichtig ist aber, dass dann jemand für das Kind da ist – Mama oder Papa – und dass es dann miterlebt, dass Mama und/oder Papa auch traurig sind und nicht so tun, als ob nichts passiert wäre. Auf diese Weise lernt das Kind, mit dem Verlust umzugehen und es weiß, wenn die große Traurigkeit kommt – und die kommt später im Leben ganz bestimmt –, wie es damit umgehen kann. Aber auch wenn nicht etwas so Einschneidendes wie eine Scheidung oder der Tod eines Elternteils im Leben eines Kindes passiert, ist es wichtig, dass es mit den Eltern lernt, mit kleineren Traurigkeiten im Leben zurechtzukommen, dann kann es mit großen Traurigkeiten später besser umgehen. Ich halte daher nichts davon, dass Kinder z. B. nicht zu Begräbnissen naher Angehöriger mitgenommen werden. Man kann den Kindern im Vorfeld kindgerecht sehr gut erklären, warum die Menschen dort weinen werden, und man kann sie einbeziehen, indem sie z. B ein Bild für die verstorbene Oma oder den Opa malen und mitgeben. Man sagt immer, man will die Kinder schützen. In Wahrheit wollen sich die Erwachsenen vor der Traurigkeit der Kinder schützen. Wichtig ist, dass die Eltern für sich eine Haltung entwickeln und wissen, warum etwas einen Wert hat.
Wie ist das mit der Trauer bei Jugendlichen?
Jugendliche zeigen ihre Traurigkeit oft nicht. Wenn man trauernde Jugendliche fragt, wie es ihnen geht, dann sagen sie oft: Ach, ganz gut. Sie denken, dass sie das selber hinkriegen und dass das niemanden etwas angeht. Aber auch Jugendliche begreifen – wie auch Erwachsene – erst Stück für Stück die Dimension des Verlusts. Und dann fragt niemand mehr nach und sie trauen sich dann oft nicht zu sagen, dass es ihnen schlecht geht, weil sie denken, sie machen es nicht richtig oder weil man glauben könnte, sie hätten anfangs gelogen.

Wie können dann wir Erwachsenen helfen?
Die größte Hilfe ist, wenn wir zu unseren eigenen Trauergefühlen stehen. Wenn wir aber die Zähne zusammenbeißen und unsere Trauer nicht zeigen, dann verwechseln wir Starksein mit Hartsein. Wichtig ist, dass wir unsere Trauer zeigen und wie wir damit umgehen, indem wir z. B. beten, weinen, spazieren gehen, reden, viel schlafen etc. Wenn wir das so offen machen, dann wissen die Kinder und Jugendlichen, dass Trauern normal ist, dass Mama und Papa auch manchmal traurig sind und wie sie damit umgehen.

Wie ist das jetzt in der Corona-Zeit – da müssen wir mit so vielen Beschränkungen leben – da gibt es ja auch vieles zu betrauern?
Ja, das ist eine schwere Zeit und da kann uns der Blick auf das, wofür man dankbar sein kann, helfen. Ich mag da ein abendliches Ritual mit einem kleinen schroffen Stein und einer Feder. Jeder nimmt den Stein in die Hand und sagt, was für ihn an diesem Tag schwer, traurig, belastend war. Später nimmt jeder die Feder in die Hand, die für alles Schöne, Leichte, Gute während des Tages steht. Und glauben Sie mir, man kann, wenn man will, für jeden Tag etwas finden, worüber man dankbar sein darf. Wir können dann den Stein und die Feder in unser Abendgebet einbinden und in Gottes Hand legen – das macht wieder Mut, auch in diesen Zeiten!

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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