Familie
Einfach müde

Mitten im Strom des Lebens kann die Kraft nachlassen. Anselm Grün sieht Müdigkeit als Chance, wieder zu sich selbst zu kommen.

Die Corona-Pandemie, eine drohende Klimakatastrophe sowie der Krieg in der Ukraine beunruhigen viele Menschen. Eine mögliche Folge davon: Stress und Müdigkeit. Als geistlicher Begleiter begegnet der Benediktinerpater Anselm Grün immer wieder Menschen, die einfach müde sind: Sie leiden nicht an Burn-out oder sind auf andere Weise krank, sondern haben keinen Schwung mehr, sind chronisch müde und lustlos. Mit seinem Buch „Ich bin müde“ will der berühmte Autor helfen, neue Lust am Leben zu finden.
Besonders oft erlebt Anselm Grün diese Müdigkeit bei Menschen zwischen fünfzig und sechzig Jahren. Sie haben die Lebensmitte hinter sich, haben sich in vielen
Bereichen angestrengt: einen Rhythmus für ihr Leben gefunden, berufliche Erfolge eingefahren, verschiedene Formen von Spiritualität probiert. Doch so mancher müsse sich eingestehen, so Grün, dass die Wege, die er bisher gegangen ist, nicht wirklich zum Ziel führten. Aber auch junge Leute spüren Resignation, wie z. B. die junge Lehrerin, die sich zunächst voller Ideen für ihre Schüler engagierte, aber immer wieder zu hören bekam: „Das bringt doch nichts. Das macht nur mehr Arbeit.“ Solche Reaktionen zeigen ein Klima der Müdigkeit, das ganze Gruppen von Menschen erfassen kann.
Die leeren Bankreihen in einer Kirche zeugen von Kirchenmüdigkeit. Da ist einmal die Enttäuschung durch Verantwortliche der Kirche, aber auch Resignation angesichts vergeblicher Bemühungen, die Menschen mit der „Guten Nachricht“ zu erreichen. „Man hat gesehen, wie die Kirche blüht. Und jetzt verblüht so vieles“, schreibt der Ordensmann.
Dass die eigene Energie verloren geht, kann auch andere Ursachen haben, von körperlichen Mangelzuständen oder Krankheiten bis hin zu des­truktiven Lebensmustern wie Perfektionismus. Da will einer es allen recht machen und verschwendet so seine Kraft, oder ein anderer kreist ständig um sich selbst. Auch ein Leben gegen den eigenen inneren Biorhythmus, ausufernder Medienkonsum oder Leis­tungsdruck können auf Dauer ermüden. Oder man hat den Zugang zu seinen Ressourcen verloren und lebt nur im Blick auf die Pflichten.

Kreativ damit umgehen
Die Müdigkeit zeigt, wo die Grenzen des Körpers und der Leistungsfähigkeit liegen. „Wenn wir es zulassen, dann finden wir unser Maß“, meint Anselm Grün. Nicht immer sei die Müdigkeit allerdings eine Einladung zum Nichts-Tun: „Ich soll vielmehr kreativ mit der Müdigkeit umgehen.“ Also eine kurze Pause machen oder einfache Arbeiten erledigen bzw. das tun, „was jetzt angemessen ist“. Genau auf die Müdigkeit zu achten, bedeute auch, die gute von einer belastenden Müdigkeit zu unterscheiden, etwa die angenehme Müdigkeit nach einer anstrengenden Wanderung von jener Müdigkeit, die von Resignation geprägt ist.
„Die Lebensmitte ist die Herausforderung, von außen nach innen zu gehen“, schreibt der bekannte Autor. Und: „In diesem inneren Grund sind wir lebendig und wach. Da sprudelt in uns eine Quelle, die nie versiegt.“ Die Müdigkeit, die viele verdrängen, sei zudem eine Chance, nochmals neu über sein Leben nachzudenken. Die Müdigkeit lade ein, bisher ungelebte Aspekte des Lebens wahrzunehmen und stärker zu verwirklichen: die Sorge für sich selbst etwa oder ein kreatives Tun.
Auch als Christ geht es darum, immer wieder aufzuwachen. Jesus hatte (und hat) offensichtlich die Fähigkeit, Menschen zu begeistern. „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?“ (Lukas 24, 32). Zu Pfingsten trieb der Heilige Geist die müden Apostel aus ihrem Obergemach heraus und ließ sie eine neue Sprache sprechen, die die Herzen der Menschen erreichte.

Anselm Grün: Ich bin müde. Neue Lust am Leben finden, Vier-Türme-Verlag, 158 Seiten, gebunden, Preis € 18,50.
Anselm Grün: Ich bin müde. Taschenseminar zum Nachdenken und Weiterwachsen. Vier-Türme-Verlag, gebunden, Preis € 14,40.

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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