Vergebung
Der Weg zum inneren Frieden
- Um Vergebung bitten, einander die Hände reichen - das ist manchmal sehr schwer ...
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Anderen Menschen zu vergeben oder selbst um Verzeihung zu bitten – das ist nicht einfach. Lässt man sich aber darauf ein, dann hat das positive Auswirkungen auf Körper und Psyche, sagt Pasqualina Perrig-Chiello.
Vergebung ist ein Thema, das alle Menschen beschäftigt, aber spätestens im höheren Alter, wenn Menschen zurückblicken auf ihr Leben, stellt sich die Frage nach Vergebung oft drängend. Welche Schuld habe ich auf mich geladen? Welche Verletzungen habe ich ausgelöst, welche erfahren?
Vergebung bedeutet Befreiung von der Last des Nachtragens und schützt vor Verbitterung, sagt die Psychologin und Therapeutin Pasqualina Perrig-Chiello. Wer verzeiht, erhält seine Handlungsmacht zurück und wird wieder souverän, erklärt sie in ihrem Buch „Own Your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte“.
Kein einfacher Prozess
Aber: Dieser Prozess ist nicht immer einfach, manchmal sogar unmöglich, schreibt sie und fügt hinzu: „Allerdings möchte ich auch bemerken, dass nicht jedes Unrecht, nicht jede Schuld gleichermaßen verzeihbar ist.“ Das sehen auch Theologen so. Als vor einigen Jahren die Frage gestellt wurde, ob Missbrauchsopfer den Tätern verzeihen sollten, meinte der Münsteraner Theologe Florian Kleeberg, zwar könne Vergebung dem Heilungsprozess des Opfers dienen. Aber es gibt eben auch Verbrechen, die den Menschen in der Identität so sehr treffen können, dass sie nicht mehr heil werden. Wenn die Verletzung zu groß ist, ist die Fähigkeit zur Vergebung ausgelöscht. Selbst wenn man das wollte, könnte man es nicht.
Verzeihen ist schwierig, Vergeben ein längerer Prozess. Die Psychologin Perrig-Chiello erklärt, dieser Prozess verlaufe in drei Etappen. Zunächst müsse man das Verletztsein annehmen, Schmerz und Wut zulassen. Danach gehe es darum, das Geschehene zu verstehen. Sie rät davon ab, sich mit dem Grübeln nach dem Warum zu zermürben. Ihrer Meinung nach solle man sich fragen: Wozu ist diese Erfahrung gut? Was kann ich daraus lernen? Das Ziel sollte der Wunsch nach Seelenfrieden und neuen Perspektiven sein, meint Perrig-Chiello. Schließlich – als letzte Etappe – müsse man die bewusste Entscheidung treffen, nicht länger unter dem Vorfall leiden zu wollen und so die Opferrolle ablegen.
Vergeben bedeutet jedoch keinesfalls Vergessen, ebenso wenig Nachsicht, Billigung oder Verleugnung der Verletzung, betont die Psychologin. Und sie weiß, dass ältere Menschen oft eher zur Vergebung bereit sind als jüngere.
Vergebung hat einen gesundheitlichen Nutzen, sagt Perrig-Chiello. Menschen mit einer höheren Vergebungsbereitschaft haben nachweislich eine schnellere kardiovaskuläre Erholung nach Stress und ein geringeres Risiko für Angstzustände und depressive Verstimmungen. Negative Gefühle wie Aggressivität oder Resignation – die bleiben, falls man nicht vergeben kann oder will – können zu einem höheren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfälle führen, so die Psychologin.
Gelassenheit, Selbstsicherheit, Empathie oder Perspektivenwechsel – Vergebungsbereitschaft kann geübt werden.
Vergebungsbereitschaft kann geübt werden: Die Expertin weist auf verschiedene psychotherapeutische Ansätze hin. Besonders in der Therapie für Menschen mit sogenannten Verbitterungsstörungen trainiere man den Aufbau verschiedener Kompetenzen – nämlich Gelassenheit, Selbstsicherheit, Selbstdistanzierung, Empathie, Aushalten von Spannung, Perspektivenwechsel, Grenzsetzung ohne Beziehungsabbruch und korrigierende neue Erfahrungen. Sie sagt, diese Kompetenzen könne man sich selbst als Entwicklungsaufgaben im Alltag stellen. Zwar funktioniere das sicherlich nicht von heute auf morgen – aber es sich vorzunehmen, sei bereits ein wichtiger erster Schritt.
Die Schweizer Therapeutin hat im Gespräch mit Hochbetagten immer wieder festgestellt, dass es für viele Menschen schwieriger sei, sich selbst zu verzeihen als anderen zu vergeben. Aber auch das ist möglich. Um den eigenen inneren Frieden zu finden, solle man sich in Ruhe fragen, welche Verletzungen einen immer noch schmerzten. Man müsse für sich herausfinden, warum man nicht vergessen könne. Wichtig ist, so Perrig- Chiello, sich ehrlich einzugestehen, wofür man sich schuldig oder weswegen man sich beschämt fühlt. Im Grunde gebe es keine Alternative zum Sich-selbst-Vergeben, denn Selbstvorwürfe führen zur Verzweiflung und Verbitterung. Und das kann krank machen.
Die katholische Kirche bietet in diesen Fällen Hilfe mit der Beichte. Dabei können Menschen bei einem Priester alle Verfehlungen ansprechen, die sie belasten und nicht zur Ruhe kommen lassen. An deren Ende steht die Absolution, die feierliche Zusage der Vergebung – durch Gott. Christiane Laudage/KNA/Red.
Buchtipp: Pasqualina Perrig-Chiello, Own Your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte. Die Psychologie der Lebensübergänge nutzen, Beltz Verlag, Weinheim 2024, 285 Seiten, 25 Euro.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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