Zeit für meinen Glauben
Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Symbolbild: „Wir haben das Haus wie ein Gottesgeschenk empfunden. Von Anfang an beschlossen wir, die Überschüsse aus dem Garten zu verschenken. Es sollten auch andere etwas davon haben.“
  • Symbolbild: „Wir haben das Haus wie ein Gottesgeschenk empfunden. Von Anfang an beschlossen wir, die Überschüsse aus dem Garten zu verschenken. Es sollten auch andere etwas davon haben.“
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Ein Pensionist nimmt geflüchtete Menschen in sein Haus auf. „Das ist eine Win-Win-Situation für alle“, sagt der 80-Jährige.

Eine gleichberechtigte Partnerschaft. Das ist es, was der achtzigjährige Pensionist aus Niederösterreich, der gerne anonym bleiben möchte, nun schon zum wiederholten Male mit geflüchteten Menschen eingegangen ist. Quasi eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, zu der jeder der Beteiligten etwas beiträgt. Er bietet eine Wohnung, die Mitbenützung von Nebenräumen und des Gartens samt Anteil an den Erträgen. Dafür gehen ihm seine Mitbewohner auch zur Hand. „Wir leben wie eine Familie im Haus. Ihnen ist geholfen und mir“, sagt der Niederösterreicher.

Begonnen hat alles mit einer Idee. „Vor ein paar Jahren ist mir klar geworden, dass meine Frau und ich nicht mehr lange alleine die Arbeiten im Haus und im Garten erledigen werden können. Ich habe also begonnen, eine Familie zu suchen, die bei uns wohnen kann, den Garten mitbenützt und uns ein bisschen hilft. Keine österreichische Familie war an so etwas interessiert.

Als die Flüchtlingswelle 2015 einsetzte, dachte ich mir: ‚Da könnte eine interessierte Familie dabei sein.‘“ Gespräche mit dem Bürgermeister folgten, die Gemeinde hatte nichts dagegen, und wenig später zogen nacheinander ein kurdisches Ehepaar, dann ein syrisches und ein iranisches ein, die später alle nach Wien weiterzogen.

Unterstützung und Austausch

Seit fast zwei Jahren lebt eine afghanische Mutter mit ihren beiden Kindern im Haus des Pensionisten. Der Sohn hat eine Vollzeitstelle gefunden, die Tochter geht ins Gymnasium. Der Achtzigjährige erzählt: „Ich mache mit dem Sohn Übungsfahrten für den Führerschein, er mäht mir den Rasen. Die Tochter kam mit acht Jahren ohne jegliche Vorkenntnisse nach Österreich, ging sofort in die dritte Klasse Volksschule, lernte innerhalb von einem Jahr perfekt Deutsch und holte im gleichen Jahr den Stoff aller drei Klassen nach. Im Gymnasium ist sie jetzt eine Vorzugsschülerin. Es ist eine Freude für mich, mit ihr zu sprechen. Die verwitwete Mutter ist Analphabetin. Jeden Tag machen wir zusammen eine Stunde Deutsch. Seit meine Frau gestorben ist, kocht sie und kümmert sich umsichtig um den Haushalt und den Garten.

Als meine Frau im Vorjahr nach einem Spitalsaufenthalt eine 24-Stunden-Betreuung brauchte, fand sich sehr rasch eine Lösung: Eine der Frauen, die schon früher bei uns gewohnt hatte, rief von sich aus an, ob ich ihre Hilfe brauchen könnte. So konnten wir die Betreuungszeit auf drei Personen aufteilen, die meiner Frau vertraut waren und die sie schätzten.“

In den Schoß gefallen

Der Pensionist will sein Engagement keinesfalls als einseitige Wohltätigkeit verstanden wissen. Nicht nur die Flüchtlinge haben einen Vorteil, er selbst profitiert mindestens genauso davon: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den Flüchtlingen, die bei uns wohnten, gut tat, dass wir ihnen Vertrauen entgegenbrachten – das alle vollauf gerechtfertigt haben - und dass sie nicht bloß Objekte unserer Wohltätigkeit waren, sondern auch uns etwas Wesentliches geben konnten. Es tut einer Beziehung gut, gleichwertig zu sein.“

Nicht zuletzt weil der Pensionist und seine Frau als junges Ehepaar ihr Haus sehr günstig von einer alten Frau bekommen haben, ist es ihnen stets ein Anliegen gewesen, selbst großzügig und gastfreundlich zu sein. „Das Haus ist uns quasi in den Schoß gefallen. Wir haben es wie ein Gottesgeschenk empfunden. Von Anfang an beschlossen wir, die Überschüsse aus dem Garten zu verschenken. Es sollten auch andere etwas davon haben.“

Dass er dieses Haus einmal zum wechselseitigen Nutzen mit Menschen aus Syrien, dem Iran und Afghanistan teilen würde, hat er sich damals wohl nicht gedacht – und sich schon gar nicht ausdenken können, wie viel Interessantes und Schönes ihm in seinem Alter dadurch passieren würde. Zum Schluss sagt er: „Es gibt so viele alte Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Wäre nicht für einige von ihnen eine ähnliche Win-win-Lösung möglich?“

Autor:

Sandra Lobnig aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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