2. Sonntag der Fastenzeit | 1. März 2026
Meditation

Foto: Kevin Malik/Pexels

Bevor ich urteile

Das Zusammenleben in einer WG ist schön – und manchmal anstrengend. Vor allem dann, wenn Dinge verschwinden, die eigentlich noch da sein sollten. In meinem Fall: die Milch. Ich war mir sicher, dass noch ein halber Karton im Kühlschrank stand. Doch als ich die Tür öffne, greife ich ins Leere.

Sofort beginnt mein Kopf zu rattern. Wer von meinen zwei Mitbewohnerinnen war es? Wer ist zuhause? Gibt es Spuren, die darauf hinweisen, dass sich jemand einen Kaffee gemacht hat? Noch bevor ich überhaupt nachgefragt habe, bin ich innerlich schon schlecht drauf. Mit dieser schlechten Laune stürme ich ins Zimmer von meiner Mitbewohnerin Valentina. „Hey, hast du meine Milch ausgetrunken?“

Sie schaut auf, ein bisschen ertappt. Dann erklärt sie mir, dass sie dachte, es sei ihr Karton gewesen – sie war in Eile und hat einfach nicht darauf geachtet. „Sorry“, sagt sie und wirft mir eine 2-Euro-Münze zu. Und mir wird klar, wie wenig ich oft über die Gründe weiß, warum Menschen tun, was sie tun. Wie es in ihren Herzen aussieht und was sie gerade mit sich herumtragen. Selbst mein Herzschlag ist Geschenk. Wie oft vergesse ich, dass alles, was ich habe, empfangen ist – und wie schnell urteile ich über andere.
Ich sehe nur das Ergebnis – Gott sieht die Geschichte dahinter.

Jesus sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Nicht, weil Fehler nicht angesprochen werden dürfen und nicht, weil wir wegschauen sollen vom Unrecht, das in dieser Welt geschieht. Sondern weil wir nicht wissen, was im Herzen des anderen vorgeht.
Und weil wir selbst nicht ohne Fehler sind.
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Zusammenlebens – in einer WG, in der Familie, in der Kirche:
in Liebe und Geduld miteinander umzugehen, einander nicht vorschnell zu verurteilen und sich in jeder Situation zu fragen, was man daraus lernen kann. Denn am Ende leben wir alle von derselben Gnade. Und nachdem ich die 2‑Euro‑Münze gefangen habe, die mir Valentina zuwirft, schaut sie an mir herunter und grinst:
„Hey… hast du eigentlich keine eigenen Socken?“

Maria Wilbrink

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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