8. Sonntag im Jahreskreis | 02. März 2025
Meditation
- Foto: iStock.com/Mihaela Rosu
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Vögel im Kopf
Regelmäßig nisten sich Spatzen im Giebel unseres Hauses ein.
Eigentlich sind sie ganz niedlich, die kleinen, graubraunen Vögel.
Nur können sie leider nicht singen. Spatzen tschilpen. Ein monotones und lautes Gezeter. Manchmal stelle ich mich ans offene Fenster und klatsche in die Hände, um sie zu verscheuchen.
Doch viel schlimmer als die Spatzen unter dem Dach sind die Spatzen in meinem Kopf.
Auch da tschilpt es von früh bis spät. Ein Gedanke jagt den andern, oft flattern sie auch wild durcheinander. Ab und zu fliegen sie für einen kurzen Moment weg und es ist ruhig. Wunderbar, diese Stille!
Doch schon sind sie wieder da und lärmen. Vögel im Kopf. In wachen Momenten gelingt es mir, sie aus Distanz zu beobachten. Dann wundere ich mich. So viel Geplapper, so viel Aufregung – und oft so erbärmlich wenig Substanz.
Eine endlose, wirre Flut von Kommentaren zu allem und jedem, ausgelöst von den eigenen Wünschen und Abneigungen, Begierden und Ängsten.
Einige dieser Vögel verkünden nichts Gutes und gefährden das innere Gleichgewicht. Martin Luther nennt solche negativen Gedanken Anfechtungen. Niemand muss sich ihnen ausliefern, meint er: „Dass die Vögel in der Luft dir über dem Haupte fliegen, kannst du nicht verhindern; du kannst es aber hindern, dass sie dir in den Haaren ein Nest machen.“
Die Gedanken sind das eine. Sie kommen und gehen. Das andere ist, was ich mit ihnen mache. Lasse ich sie vorbeiziehen – oder erlaube ich ihnen, sich in meinem Kopf einzunisten?
Luther empfiehlt Gelassenheit: „Ei, das gehört nun einmal zum Leben; was soll ich daraus machen? Es ist eine Anfechtung und bleibt eine Anfechtung. Es will nichts anderes sein, Gott helfe, dass es mich nicht aufrege und umwerfe.“
Luther kannte die Vögel im Kopf aus eigener Erfahrung. Er hatte mit vielen Anfechtungen zu kämpfen. Ihn plagten abgrundtiefe Ängste. Doch die seiner Ansicht nach größte Anfechtung blieb ihm erspart: Die Anfechtung, keine Anfechtung zu haben. Das würde nur zu Überheblichkeit Anlass geben, meinte er. Lieber als ein scheinbar unangefochtener Mensch war ihm ein tapferer Sünder.
Aus: Lorenz Marti, Wer hat dir den Weg gezeigt? Ein Hund!, Verlag Herder.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.