7. Sonntag im Jahreskreis | 23. Februar 2025
Meditation
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Den Deckel öffnen
Als Kind hat mich das Märchen der Gebrüder Grimm vom goldenen Schlüssel sehr fasziniert und gleichzeitig enttäuscht. Da musste ein armer Junge mitten im Winter hinaus in die Kälte, um Holz zu holen. Nachdem er alles auf den Schlitten aufgeladen hatte, wollte er sich noch ein Feuer machen, weil er so fror. Er kratzte den Schnee zur Seite und fand einen kleinen goldenen Schlüssel. Er war überzeugt: Wo ein Schlüssel ist, da musste auch ein Schloss sein, und so grub er mit bloßen Händen weiter, um dann tatsächlich ein kleines Schatzkästchen zu finden. Nach langem Suchen entdeckte er ein winziges Schlüsselloch, steckte den Schlüssel hinein und drehte ihn herum.
Doch dann hieß es zu meiner Enttäuschung: „Und nun müssen wir warten, bis er den Deckel ganz geöffnet hat. Dann werden wir erfahren, welche wunderbaren Schätze drin verborgen liegen.“ Das Märchen schien mir wie ein Geheimnis, das erst noch entschlüsselt werden muss.
Heute glaube ich, dass diese Geschichte der Schlüssel zum Leben sein könnte. Ein goldener Schlüssel – der einem einfach zufällt. Ein kaum sichtbares Schlüsselloch, das erst mühsam gesucht werden muss. Und ein wunderbarer Schatz, der zuerst verborgen bleibt, bis der Deckel ganz geöffnet ist.
In manchen biblischen Texten finden wir am Beginn einen Leseschlüssel, der uns den Text erschließen kann. Das gelingt, wenn wir wie im Märchen das kleine, nicht sofort sichtbare Schlüsselloch finden und uns dann Zeit lassen, um die Schätze des Lebens zu entdecken.
So sagt Gott in Exodus 20,2: „Ich bin dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Und dann folgen die bekannten zehn Gebote. Er ist ein Gott, der die Menschen in die Freiheit geführt hat und jeden Tag neu führen will. Um der Freiheit willen sind wir eingeladen, nach diesen Geboten zu leben. Damit wir nicht Sklaven und Sklavinnen im eigenen Haus werden. Sie helfen uns, unabhängig zu bleiben, und schützen uns vor Verstrickungen in unseren Beziehungen. Sie können Schlüssel zum Leben werden, deren Schätze sich erst nach und nach entwickeln, bis der Deckel ganz geöffnet ist.
Aus: Petra Unterberger, Eine Handvoll Licht, Tyrolia.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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