Österreich 1933/1934
Welche Allianzen wollen wir bilden?

Podiumsdiskussion mit (v. l.) Bernhard Weidinger, Martin Hochegger, Lisa Fellhofer und Tamara Ehs.  Die KAB sowie das Forum Glaube – Wissenschaft – Kunst waren Mitveranstalter. | Foto: KULTUM/Hopper
  • Podiumsdiskussion mit (v. l.) Bernhard Weidinger, Martin Hochegger, Lisa Fellhofer und Tamara Ehs. Die KAB sowie das Forum Glaube – Wissenschaft – Kunst waren Mitveranstalter.
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Religionen mögen in kritischer Distanz bleiben – für die Menschen.

Wie konnte und kann es kommen, dass sich Religionsgemeinschaften autoritären politischen Gruppen annähern, in Dienst nehmen lassen – und dann zur Gefährdung von Demokratie beitragen? Am 21. März wurde darüber im Kultum in Graz diskutiert. Das Thema zeigte sich als nicht so fern, wie man es gern hätte.
Auf dem Podium waren Tamara Ehs, Politikwissenschaftlerin und Demokratieberaterin, Lisa Fellhofer, Direktorin des Dokumentationszentrums Politischer Islam, Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, sowie KAB-Vorsitzender Martin Hochegger, mitverantwortlich für die Themenreihe „Zukunft braucht Erinnerung. Österreich 1933/34“.

Brunnen und Gefängnisse. Moderator Florian Traussnig stellte einen Gedanken der steirischen Theologin Daniela Feichtinger an den Beginn: „Der Glaube ist ein Werkzeug, mit dem man nicht nur lebensspendende Brunnen, sondern auch Gefängnisse bauen kann.“ Dass dies nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der Ebene von Institutionen und Ideologien nachvollziehbar ist, illustrierten die Fachleute in ihren Statements. Auch heute gehen autoritäre politische Gruppierungen und religiöse Gruppen oder Institutionen teils seltsam anmutende Allianzen ein, um Mehrheiten zu gewinnen und mit moralischer Autorität kritische Potenziale in Zaum zu halten bzw. gegen diese vorzugehen.

Krisenhafte Entwicklungen spielen solchen Bestrebungen in die Hände. Menschen, die von raschen Veränderungen und Diversität angestrengt oder einfach diffus verunsichert sind, sehnen mitunter eine Vergangenheit herbei, in der Zugehörigkeiten eindeutiger schienen, Gleichberechtigung kaum Bedeutung hatte und Säkularisierung noch kein Thema war. Doch: Solche Zeiten waren für Nicht-Ton-Angeber selten angenehm. Wollten wir jetzt in einer solchen Gesellschaft leben?

Gasthäuser‘ fehlen. Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen, denen ein offener Diskurs innerhalb einer Gemeinde, eines Landes, einer Kirche, einer Pfarre wichtig ist, mögen sich artikulieren. Dafür wurde einmal mehr auf nötige Gesprächsräume verwiesen, Orte, wie sie gelegentlich die legendären „Wirtshaustische“ gewesen sein mochten, an denen man hin und wieder mit Personen ins Diskutieren kam, die anderer Meinung waren.

Denken und glauben. Am Ende dieses Abends fragte man sich als Angehörige einer Religion mit – von biblisch-prophetischen Traditionen her – kritischem Potenzial: Was tun, um diese Balance zu halten, zwischen Stabilität-Wünschen und -Geben auf der einen Seite und In-kritischem-Abstand-Bleiben auf der anderen? Denn wer wollte in einer Gesellschaft leben, in der politisch vorgegeben ist, wie man zu denken, woran man zu glauben hat?

E. Wimmer

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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