Der Tag des Judentums
Mit ganzer Seele

Kuppel der Grazer Synagoge.

Der Tag des Judentums am 17. Jänner lädt uns ein, vom Judentum zu lernen.

Ein Schüler des „Sehers von Lublin“ fastete einmal eine Woche von einem Sabbat bis zum nächsten. Am Freitag Nachmittag, ganz knapp vor dem Beginn des nächsten Sabbat, überkam ihn ein so grausamer Durst, dass er meinte, sterben zu müssen. Da erblickte er einen Brunnen, ging hin und wollte trinken. Aber sogleich besann er sich, um einer kleinen Stunde willen, die er noch zu ertragen hätte, würde er das ganze Werk dieser Woche vernichten. Er trank nicht und entfernte sich vom Brunnen.
Stolz flog ihn an, dass er die schwere Probe bestanden habe. Wie er dessen inne ward, sprach er zu sich: „Besser, ich gehe doch hin und trinke, als dass mein Herz dem Hochmut verfällt.“ Er kehrte um und trat an den Brunnen. Schon wollte er sich darüber neigen, um Wasser zu schöpfen, da merkte er, dass der Durst von ihm gewichen war.

Nach Sabbatanbruch betrat er das Haus seines Lehrers, des „Sehers von Lublin“. „Flickarbeit!“ rief ihm dieser an der Schwelle zu. …
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965), der diese Geschichte der jüdischen Bewegung der „Chassidim“ überliefert, war zunächst sehr betroffen, wie hart hier ein Meister seinen eifrig bemühten Schüler behandelt. Dieser strengt sich aufs Äußerste an, um ein schweres Werk der Askese zustande zu bringen. Er fühlt sich versucht, es abzubrechen, er überwindet die Versuchung, und nach alledem erntet er nichts anderes als ein abschätziges Urteil seines Lehrers. Wohl entstammte die erste Hemmung der Macht des Körpers über die Seele, einer Macht, die erst gebrochen werden musste. Aber die zweite entstammte dem edelsten Motiv: Lieber scheitern als um des Gelingens willen in Hochmut verfallen! Wie kann man um solch eines inneren Ringens willen gescholten werden? Wird hier vom Menschen nicht zuviel gefordert?

Viel später, als ich selber diese Geschichte der Überlieferung nacherzählte, so Buber, verstand ich erst, dass es hier überhaupt nicht darum geht, vom Menschen etwas zu fordern. Gerügt wird, dass man vordringt und wieder zurückweicht. Das Hin und Her, der Zickzack-Charakter des Tuns ist das Bedenkliche. Was der „Flickarbeit“ gegenübersteht, ist die Arbeit aus einem Guss. Wie aber vollbringt man eine Arbeit aus einem Guss? Nicht anders als mit geeinter Seele. Die Lehre, die sich hinter der Kritik des Sehers birgt, ist die, dass der Mensch seine Seele zu einen vermag. Der Mensch mit der vielfältigen, komplizierten, widerspruchsvollen Seele ist dem nicht ausgeliefert. Das Innerste dieser Seele, die Gotteskraft in ihrer Tiefe, vermag auf sie einzuwirken, sie zu ändern, die einander widerstreitenden Kräfte aneinander zu binden, es vermag sie zu einen …

An einem Tage des Lichterfestes kam Rabbi Nachum unerwartet ins Lehrhaus und fand die Schüler beim Damspiel, wie es der Brauch in diesen Tagen war. Als sie den Lehrer eintreten sahen, wurden sie verwirrt und hielten inne. Er aber nickte ihnen freundlich zu und fragte: „Kennt ihr die Gesetze des Damspiels? Das erste ist, man darf nicht zwei Schritte auf einmal gehen. Das zweite, man darf nur vorwärts gehen und sich nicht rückwärts kehren. Und das dritte: Wenn man oben ist, darf man schon gehen, wohin man will.“
aus: Martin Buber, der Weg des Menschen

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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