27. Sonntag 2025: P. Leopold Kropfreiter
Herr, stärke unseren Glauben
- Jährlich wird im Marienheiligtum Ozjornoe im Norden Kasachstans an das Wunder von 1941 erinnert.
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Herr, stärke unseren Glauben! Diese Bitte steht heute am Anfang des Sonntagsevangeliums. Die Apostel haben schon einige Zeit mit Jesus verbracht. Er hat sie berufen und ausgesandt, das Evangelium zu verkünden. Sie sind mit ihm durch Galiläa gezogen, haben sein Wort und seine Taten gesehen. Gleichzeitig haben sie auch Schwierigkeiten, Begrenzungen und Ablehnung erlebt. Die Apostel spüren: ohne einen tiefen und lebendigen Glauben geht es nicht!
1) Doch was bedeutet eigentlich das Wort „Glauben“? Im Lateinischen verwenden wir das Wort „credere“, was eigentlich heißt: „cor dare“ – das Herz geben/schenken. Glaube ist also etwas, was mich in meinem Herzen, im Innersten meiner Persönlichkeit trifft. Ich gebe mein Innerstes, Persönlichstes an Gott hin. Glaube bedeutet also meine freie, persönliche Antwort auf den, der sich mir in Liebe zuwendet und in der und durch die Kirche offenbart.
Wir können den Glauben nicht selbst erfinden oder „basteln“. In den Lebensgeschichten vieler Menschen erfahren wir, dass sie von Gott, vom Geschenk des Glaubens überrascht, ja geradezu überrumpelt wurden. So beschreibt der englische Christ C. S. Lewis seine Bekehrung mit dem Titel: „Surprised by joy!“ Überrascht von der Freude!
Ich möchte Ihnen von einer Frau aus Kasachstan erzählen, deren Leben eine überraschende Wende nahm: Auf ihrem täglichen Weg kam sie an der katholischen Kathedrale von Astana, der Hauptstadt von Kasachstan, vorbei. Eines Tages trat sie ein und sah bei der Ewigen Anbetung ein Licht, so hell, dass sie erschrocken davonlief. Doch sie kam zurück – und blieb. Von da an suchte sie täglich die Anbetung auf. Schließlich fragte sie einen Priester: „Was ist das?“ Er antwortete schlicht: „Das ist Jesus.“ Dieses Erlebnis führte sie zur Taufe, und heute ist sie eine der tragenden Säulen der Gemeinde in Astana.
2) Das Wort „Glaube“ bezieht sich auch auf den Inhalt des Glaubens, auf das, was wir als von Gott geoffenbarte Wahrheit annehmen. Glaube ist konkret, ist nicht einfach nur ein religiöses Gefühl. Er spricht von der Wahrheit des dreifaltigen, liebenden Gottes. Es ist nicht egal, WAS wir glauben, ansonsten wäre Glaube reine Willkür und Ideologie. Glaube setzt Vernunft voraus, übersteigt und vollendet aber unseren Verstand, hilft dort weiter, wo wir aufgrund unserer natürlichen Grenzen nicht weiterkommen. Glaube und Vernunft sind auf die Wahrheit hin geordnet.
In den Evangelien lesen wir immer wieder, dass auch die Apostel ihre Vorstellungen und Pläne hinterfragen und transformieren mussten, um wirklich Jünger Christi zu sein. Dieses Hineinwachsen in die Realität Christi ist nicht nur etwas, was die junge Kirche geprägt hat. Jede Generation und jeder Mensch ist zu diesem „Sprung ins kalte Wasser“ berufen.
Die Bitte „Stärke unseren Glauben“ entspringt aus der Überzeugung, dass der Glaube ein Geschenk ist.
3) In seiner ersten Predigt ruft Jesus: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mt 4, 17). Im Griechischen wird an dieser Stelle das Wort Metanoia verwendet, das für eine tiefgreifende Veränderung von Herz und Verstand steht. Glaube verändert den Menschen und den Lauf der Geschichte. Im Evangelium spricht Jesus: „Wenn ihr Glauben hättet, wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.Dieses Gleichnis sagt etwas sehr Wichtiges: auch wenn der Glaube klein und schwach scheint, hat er doch eine unglaubliche Kraft, mit der die unwahrscheinlichsten Dinge geschehen können.
In Kasachstan gibt es in der nördlichen Steppe ein kleines Dorf, das 1936 von Katholiken aus Polen gegründet wurde. Sie hatten unter den Deportationen Stalins ihre Heimat verloren und waren nach einem wochenlangen Transport in Viehwaggons im Norden Kasachstans ausgesetzt worden. Mit den einfachsten Mitteln gruben sie Erdwohnungen, um den harten Winter mit bis zu minus 50 Grad zu überleben. Eine der ganz wenigen Gegenstände, die sie aus der alten Heimat heimlich mitgenommen hatten, waren ihre Bibeln und manche Gebets- und Gesangsbücher. Der Glaube gab ihnen die Kraft in einer scheinbar aussichtslosen Situation, zu überleben.
Im Winter 1941 litten die Menschen unter großer Hungersnot. Sie beteten intensiv den Rosenkranz, und zum Fest Mariä Verkündigung begann der Schnee ungewöhnlich früh zu schmelzen. Am Dorfrand entstand ein See, der sich plötzlich mit Fischen füllte – Nahrung genug für sie und viele andere Dörfer. Heute steht an diesem Ort das nationale Heiligtum „Ozjornoe“, das „Mariazell Kasachstans“. Pilger aus aller Welt kommen hierher, wo einst Leid und Hoffnung zusammentrafen.
Die Bitte „Stärke unseren Glauben“ ist also kein Ausdruck von Irrationalität oder Naivität. Sie entspringt aus der Überzeugung, dass der Glaube ein Geschenk ist. Damit verbunden ist der Wunsch und die Sehnsucht, besser zu verstehen und mehr zu lieben. Das Gleichnis Jesu vom Senfkorn lehrt uns schließlich, dass selbst der kleine, unscheinbare Glaube eine unglaubliche Kraft entfalten kann, durch die wir die Welt verändern können. Lasst uns deshalb gemeinsam mit den Aposteln beten: „Herr, stärke unseren Glauben!“
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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