Interview: P. Josef Maureder
Die Barmherzigkeit Gottes in der Wüste meiner Seele

P. Josef Maureder leitet seit 2015 den Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König-Haus in Wien. | Foto: Christian Ender
  • P. Josef Maureder leitet seit 2015 den Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König-Haus in Wien.
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Im Interview mit „Kirche bunt“ spricht der Jesuit P. Josef Maureder – Priester, Psychotherapeut und Leiter des Bereichs Spiritualität und Exertitien im Kardinal König Haus Wien – über Vergebung, Versöhnung und Frieden.

P. Maureder, haben wir verlernt, um Vergebung zu bitten und einander zu vergeben?

P. Maureder: Mir fällt auf, dass sich Menschen in der Öffentlichkeit für ein Fehlverhalten gerne selbst „freisprechen“. Oft bleiben sie bei einer Selbstrechtfertigung hängen. Ist die Schuld offenkundig, dann kommt: „Ich entschuldige mich.“ Kann man sich selbst von Schuld freisprechen? Wie anders würde die Aussage klingen: „Ich bitte um Entschuldigung“, oder „Ich bitte um Vergebung“. Und es würde von wahrer Demut Zeugnis geben. Erfreut stelle ich fest, dass sich religiöse Menschen wenigstens Gott gegenüber nicht selbst entschuldigen. Da wird doch meist gesagt: „Ich bitte Gott um Vergebung.“ Weil man Fehler und Schuld in einer Leistungsgesellschaft und einer Zeit der Selbstoptimierung nicht gerne zugibt, sind Schuldbekenntnisse verpönt. Es fehlt an Demut, an Mut, zur eigenen Wahrheit zu stehen. Und mit dem Vergeben ist es auch so eine Sache: Wir werfen den anderen Versäumnisse und Verletzungen vor und sind nachtragend. Sind wir zu berechnend oder zu empfindlich, wenn jemand an uns schuldig wird? Fehlt es an Großherzigkeit?

Die Beichte ist heute nicht mehr wirklich populär. Wie kann sie zu einer Kultur der Vergebung beitragen?

P. Maureder: Die klassische Beichte wird in der Bevölkerung tatsächlich kaum mehr gepflegt. Gleichzeitig stelle ich fest, dass es in Talk-Shows und auf medialen Kanälen von Bekenntnissen nur so wimmelt. Da wird „gebeichtet“, dass sich die Balken biegen. Die Beichte ist aber nicht out, weil sie vielerorts nicht mehr angeboten und gepflegt wird. Bei jungen Menschen und bei Einkehrtagen oder bei geistlichen Intensivzeiten wird ein tiefes Bedürfnis erfahrbar, die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen und die Vergebung Gottes zugesagt zu bekommen. Menschen spüren, dass nur auf dem Boden der Vergebung und Versöhnung Wachstum und ein weiterer Weg in Frieden möglich sind. Weiß jemand um die eigenen Grenzen und um die Notwendigkeit der göttlichen Barmherzigkeit und der Geduld seiner Umgebung, dann kann er oder sie gütiger auch mit den Grenzen und Fehlern des Nächsten umgehen. So können Besinnung auf die eigenen Schwächen und ein ehrliches Schuld-Bekenntnis zu einer Kultur der Vergebung beitragen.

Braucht es ein Sakrament der Versöhnung? Geht das nicht auch ohne göttliche „Einmischung“?

P. Maureder: Natürlich ist es zuallererst wichtig, dass wir einander die Hand reichen, wenn etwas vorgefallen ist. Auch wenn ich mir selbst geschadet habe, ist es wichtig, wieder die richtige Spur im Umgang mit mir selber zu finden. Keine Beichte soll eine wahrhaftige Verhaltensänderung im Zusammenleben und mir selbst gegenüber ersetzen. Sagt doch Jesus selbst, dass wir uns vergeben und versöhnen sollen, bevor wir unsere Gaben zum Altar bringen. Aber es gibt natürlich auch direkte Sünden gegen Gott: Wenn wir uns abkehren von ihm, ihn vergessen, uns Götzen zuwenden. Schlechter Umgang mit mir selbst ist auch ein Vergehen an der Schöpfung und am Schöpfer. Ebenso verursacht ein Fehlverhalten anderen Menschen gegenüber Gott Leid: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, so drückt es Jesus aus. Im Sakrament der Versöhnung wird die Verbindung mit dem Schöpfer und somit mit seiner ganzen Schöpfung wieder neu. Nur wenn Gott sich „einmischen“ darf, geschieht Heilung an der Wurzel.

Welche Erfahrungen haben Sie als Priester und Psychotherapeut – was macht die Beichte mit den Menschen?

P. Maureder: Ganz selten wird mir von negativen Beichterfahrungen berichtet. Das war in früheren Zeiten offenbar anders. Wenn die Erfahrung eines verständnisvollen Hirten gemacht wird, der mit mir wie ein Bruder vor Gott steht und seine Güte und Barmherzigkeit erbittet, wird dies als besonders heilend erlebt. Das Verständnis eines Therapeuten für Menschen in Schuld ist hilfreich. Aber es kann nicht diese tiefe Heilung bewirken, die manche durch Gottes Vergebung in der Beichte erfahren dürfen. Gott sei Dank erleben heutzutage Menschen das Sakrament der Versöhnung wieder mehr als Weg der Befreiung. Manche sagen, es sei ihnen, wie wenn Ketten von den Schultern fallen. Menschen werden froher. Einmal meinte eine Frau, ganz getröstet und dankbar nach der Beichte: „Ich lasse die Barmherzigkeit Gottes durch die Wüste meiner Seele ziehen.“ Viele erfahren einen tiefen Frieden: Frieden mit sich, mit den anderen, mit Gott. Und Frieden finden in Gott, damit sind wir auf dem Weg zu erfülltem Leben! Interview: Matthias Wunder

Vergebung und Versöhnung als Weg zum Frieden

Leitung: P. Josef Maureder SJ
Ort: per Zoom – der Link wird nach erfolgter Anmeldung zugesandt.
Zeitpunkt: 12. März, 18.30 Uhr
Anmeldung: bis 5. März per Mail m.lugmaier@dsp.at oder 0676/826688202
Kosten: 10 €
Ein Angebot in Kooperation mit dem Ressort Erwachsenenbildung der Diözese St. Pölten.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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