Highlights Museum am Dom
In der Werkstatt

Madonna mit Fassungsresten, um 1510/20. Pfarrkirche Gerersdorf. | Foto: Museum am Dom/Seebacher
  • Madonna mit Fassungsresten, um 1510/20. Pfarrkirche Gerersdorf.
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Die spätgotische Werkstatt ist Produktionsstätte für bedeutenden Kunstwerke gewesen. Außerdem diente sie als Ausbildungsstätte für angehende Maler, Vergolder und Schreiner. In ihnen wurden darüber hinaus Techniken weiterentwickelt.

Die spätgotische Werkstatt ist durch das koordinierte Zusammenwirken mehrerer Gewerke geprägt. An einem Flügelaltar sind beispielsweise verschiedene Berufsgruppen beteiligt, die parallel oder in aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten tätig sind: Die Schreiner fertigen den Altarschrein und die Flügel, die Bildschnitzer führen das figürliche Schnitzwerk aus, Maler, Fassmaler und Vergolder übernehmen die polychrome Fassung sowie die Goldauflagen. Die Arbeitsteilung steigert die Effizienz der Produktion und ermöglicht die Verwendung vorgefertigter Bestandteile im Sinne serieller Fertigung.

Die Werkstatt fungiert jedoch nicht allein als Produktionsstätte, sondern zugleich als Ort der Ausbildung: Die Arbeitsteilung ist eng mit dem laufenden Lehrbetrieb verknüpft. Lehrlinge und Gesellen übernehmen zunächst einfache Tätigkeiten und erwerben dabei grundlegende handwerkliche Fertigkeiten; mit zunehmender Erfahrung bekommen sie anspruchsvollere Aufgaben. Die Dauer der Lehrzeit ist je nach Handwerk, Region und Zunftordnung unterschiedlich geregelt und beträgt zwischen drei und sechs Jahren. An die Lehre schließt üblicherweise eine Wanderschaft von etwa zwei bis vier Jahren an. Diese dient der Vertiefung und Erweiterung der Kenntnisse in fremden Werkstätten und fördert den überregionalen Austausch zwischen den Betrieben, wodurch handwerkliches Wissen, Techniken sowie Formen und Motive Verbreitung finden. Erst danach kann der Geselle die Meisterwürde erlangen und eine eigene Werkstatt führen. Die Werkstätten sind in Gilden beziehungsweise Zünften organisiert, die Ausbildung, Arbeitsweisen und Produktionsstandards regeln.
Die während der Wanderschaft und im Werkstattbetrieb gewonnenen Erkenntnisse und Studien sind teilweise in Form von Skizzen festgehalten und in Musterbüchern gesammelt. Diese Vorlagensammlungen gelten als Betriebsgeheimnis und werden entsprechend sorgfältig gehütet.

Vielfältig – spätgotischer Faltenwurf

Ein Beispiel für die Verwendung wiederkehrender Muster bietet der Faltenwurf, darunter versteht man die künstlerische Anordnung und Darstellung von Stoffen und Gewändern. Der Begriff wird gattungsübergreifend verwendet und ist für die Skulptur ebenso von Bedeutung wie für die Malerei und die Grafik. Die Darstellung von Falten ist dabei keine rein gegenständliche Wiedergabe des Stoffes, sondern folgt bestimmten gestalterischen Prinzipien: Sie dient dazu, Bewegung, Körperform, das Gewicht des Materials oder die ästhetische Wirkung eines Gewandes zu veranschaulichen.

In der Darstellung textiler Stoffe treten epochenübergreifend wiederkehrende Faltentypen auf, darunter Röhrenfalten, Muldenfalten und Schüsselfalten. Neben der direkten Naturbeobachtung – etwa durch das Drapieren von Stoff – orientierten sich Künstler häufig an bestehenden Vorlagen: andere Kunstwerke sowie Skizzen und Entwürfe. Aus diesem Formenrepertoire entwickelte sich ein tradierter Kanon von Faltenmotiven und Faltensystemen.

Bestimmte Faltenformen können sogar zum prägenden Stilmerkmal einer ganzen Epoche werden. Ein bekanntes Beispiel ist der sogenannte Zackenstil des 13. Jahrhunderts, in dem Gewandfalten in scharfkantigen, zackenartig gebrochenen Formen gestaltet werden; um 1400 wandelt sich die Faltengebung hingegen zu weichen, fließenden Formen, die für den sogenannten Weichen Stil charakteristisch sind. Aufgrund solcher Wiederholungen liefern Faltenformen wichtige Anhaltspunkte für die stilkritische Datierung und Zuschreibung von Kunstwerken. Kassian Pfattner

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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