Domkapellmeister Otto Kargl über die Matthäuspassion
„O Mensch bewein dein’ Sünde groß“

Christus trägt sein Kreuz – ein Sinnbild für Passion, gemalt von Lorenzo Lotto im 16. Jahrhundert. | Foto: Gemeinfrei
  • Christus trägt sein Kreuz – ein Sinnbild für Passion, gemalt von Lorenzo Lotto im 16. Jahrhundert.
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Domkapellmeister Otto Kargl über die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, die wohl zu den größten Werken der gesamten Musikliteratur zählt.

Jedes Frühjahr bilden sich Menschenschlangen vor Kirchentüren. Nachdem sie eingelassen wurden, sitzen die Menschen auf harten Bänken und hören viele Stunden lang Musik, die einige hundert Jahre alt ist. Sie berührt ihre Hörer trotz des historischen Abstands, trotz denkerischer Einwände, trotz nüchterner Aufgeklärtheit in Fragen der Religion. Sie vermittelt etwas, was kaum in Worte zu fassen ist. Die Musik Bachs bindet alle Gefühle ein und macht sie so ertragbar. Das dürfte der Grund sein, dass Bachs Passionen auch solche Menschen unter das Kreuz führen, die den theologischen Sätzen nicht zustimmen können. „Ihr kritischer Verstand mag sie belächeln, doch ihr Herz wünscht die Hoffnung.“ (Grundlagentext der Evangelischen Kirche Deutschlands, 2015)
Was berührt den heutigen Menschen beim Hören dieses außergewöhnlichen Werkes: Nimmt er diese riesige, ja überfordernde musikalische Architektur wahr und bewundert sie? Lässt er sich von den nur noch fast grausam schön klingenden Arien, den innigen Chor­ä­len oder den brutalen räudigen Tubachören bewegen? Kippt der Hörer in die große menschliche Gefühlswelt hinein, die Bach so meisterhaft ausdrückt? Nimmt der heutige Hörer judenfeindliche Anspielungen wahr?

Seit Beginn meiner Arbeit als Domkapell­meis­ter in St. Pölten beschäftigt mich dieses geniale Werk auf verschiedensten Ebenen. Einige wenige Aspekte möchte ich daher herausgreifen. Aspekte, die mich als Mensch und Christ immer wieder nachdenklich und ratlos zurück lassen. Im Zentrum der Matthäuspassion steht der leidende Mensch. Medial aufgeblasen beklagen sogenannte christliche Politiker und auch wir (zu Recht) Opfer von Naturkatastrophen oder der Pandemie, sind aber passiv, lethargisch und abgestumpft, wenn es um ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer oder um katastrophale Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern geht.
„O Mensch bewein dein’ Sünde groß“ heißt es im monumentalen Schlusschor des 1. Teils. Was sollten Christen heute beweinen: Den Holocaust, mörderische Religionskriege, Flüchtlingstragödien, durch Klimawandel ausgelöste Naturkatastrophen, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung, Vertreibung und Gewalt. So führen emotionale Distanz und fehlende Empathie zur Verrohung des Menschen. Das Menschliche im Menschen wird zerstört.

Die Figur des Judas

Ein zweiter Aspekt führt mich zur Figur des Judas. Der große israelische Schriftsteller Amos Oz schreibt in seinem Roman „Judas“ : „Ich [Judas] glaubte, dass sich tatsächlich der Messias offenbarte. Denn dieser einsame, schüchterne und genügsame junge Mann, der aus seinem reinen Herzen herrliche Gleichnisse schuf und einfache Botschaften verkündete, die das Herz ergriffen, Botschaften von Liebe und Erbarmen, war der einzige Sohn Gottes und er war endlich zu uns gekommen, um die Welt zu erlösen.“ Aber was macht die Geschichte mit Judas? Er ist quasi das „Tschernobyl“ des Antisemitismus, das Feindbild der Christen der vergangenen Jahrhunderte bis heute.
400 Jahre vor den Nazis werden auf vielen Renaissance-Bildern großer Maler die elf Apos­tel beim Abendmahl blond und blauäugig dargestellt, während Judas in einer Ecke sitzt: ein semitisches Monster, hässlich, mit Hakennase. Letztlich führte die Jahrhunderte alte Tradition religiös-kirchlicher Judenfeindlichkeit zum politischen Antisemitismus und damit in die Katastrophe in Auschwitz.

Diese durch Jahrhunderte gewachsene Sichtweise auf Judas war aber nicht die einzige. In der romanischen Basilika von Vezelay im Burgund sieht man hoch oben und beinahe versteckt ein Kapitell, das einen „Guten Hirten“ zeigt, der den toten Judas wie das verlorene Schaf über der Schulter trägt. Die Botschaft, die Christoph Wrembek in seinem Buch „Judas, der Freund“ vermittelt, ist zutiefst christlich: Der verzeihende Gott liebt jeden Einzelnen, aber besonders den Sünder, den Letzten und trägt ihn nach Hause, wie der Gute Hirt sein verlorenes Schaf. Er wandelt ihre Tränen in sein Lachen.

Auch wenn Bach Judas in der Passion in einem Hass- und Wutchor in offenen Mordfantasien „zur Hölle“ wünscht, gibt er sich später Judas gegenüber sehr versöhnlich. In der herzzerreißenden Bassarie „Gebt mir meinen Jesum wieder“ zeigt er Judas voll Reue und Verzweiflung ob seines Verrates. Amos Oz beschreibt die Szene in berührenden Worten: „Ich [Judas] habe ihn ermordet. Er wollte nicht nach Jerusalem, und ich habe ihn fast gegen seinen Willen gedrängt, dort hin zu gehen. Und ich sagte jeden Morgen, jeden Abend, wie wichtig Jerusalem sei und dass wir dort hin gehen müssten. Wieder und wieder sagte er uns, dass man ihn in Jerusalem dem Spott und Hohn preisgeben würde. In Jerusalem erwarte ihn der Tod. Er wusste alles, was ihm bevorstand. Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt und an ihn geglaubt. Er war in meinen Augen ein Liebender und Erbarmender und Verzeihender und Barmherziger und wenn er wollte auch scharfsinnig, warmherzig und sogar fröhlich. Ich glaubte, der Tod könne ihm nichts anhaben. Ich war überzeugt, dass sich heute in Jerusalem das größte Wunder von allen ereignen würde.“ Tatsächlich hatte es sich ereignet, er konnte es nur nicht erwarten.

Der Umgang mit Andersdenkenden

Ein letzter politischer Aspekt in der großen Passion: Andersdenkende wie Jesus von Nazaret – manche sehen in ihm einen Revolutionär – stoßen bei der herrschenden Mehrheit immer auf Unverständnis. Im schlechtesten Fall werden sie mundtot gemacht, kaltgestellt oder umgebracht. Es ist eine bedrückende Botschaft der Passion: Wie leicht ist es, Massen aufzuhetzen und diese über Angst und Spaltung zur Gewaltbereitschaft zu führen.
Die Beschäftigung mit Musik und Kunst (aktiv oder hörend) ist Nahrung für Seele und Geist und ein wirksames Gegenmittel zur Verrohung des Gemüts. Der jetzige Stillstand der Kunst wird allzu oft nur im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen diskutiert. Lassen wir sie nicht verkommen zu kulinarischen Leckerbissen und lassen wir es nicht zu, dass sie für wirtschaftliche und touristische Zwecke miss­braucht wird. Allein sie ist.
Auch wir singende Menschen müssen kreativ bleiben bei der Suche nach musikalischer Beschäftigung. Denn „ihr müsst euch nicht alles gefallen lassen, nur weil ihr Musik liebt“ (Janis Joplin). Für die verordnete Untätigkeit der Musiker/innen kann Musik hören eine wichtige Überlebensstrategie sein. Nützen wir die Zeit.

Hörtipp: Philip Herreweghe: Johann Sebastian Bach: Matthäuspassion: Matthäus-Passion Philippe Herreweghe Collegium Vocale Gent

Oder hören Sie die Passion am Karfreitag, 2. April, 19.30 Uhr, auf Ö1.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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